01.08.2002 · Nach zwei Staffel-Goldmedaillen folgte für Franziska van Almsick endlich der ersehnte Einzeltitel, auf den sie seit 1995 warten musste.
Von Cai Philippsen, BerlinAn Franziska van Almsick kommt in Berlin derzeit niemand vorbei. Ob im Wasser oder an Land, Franzi ist in ihrer Heimatstadt auf den Plakatwänden ihres neuen Sponsors und auf den Titelseiten der Boulevardmedien allgegenwärtig, die absolute Nummer eins.
Und nach zwei Mal Staffel-Gold gewann sie am dritten Wettkampftag der Europameisterschaft in Berlin endlich ihren ersehnten Einzeltitel: Gold über 100 m Freistil in deutscher Rekordzeit von 54,39 Sekunden (die sie allerdings mit Antje Buschschulte teilen muss).
Sieben dunkle Jahre musste sie überstehen
Auf diesen Moment, diese internationale Einzelmedaille hatte die 24-Jährige seit 1995 warten müssen. „Ich bin sieben Jahre lang in die Knie gegangen, jetzt ist es unglaublich schön, wieder aufzustehen“, sagte die überglückliche Siegerin.
Zuletzt hatte sie als 17 Jahre alter Teenager bei der EM in Wien zwei Einzeltitel gefeiert. Zwischen Wien und Berlin liegen sieben Jahre, in denen es mehr Rück- und Tiefschläge als schöne Momente für Franziska van Almsick gab: „Ich bin so glücklich, wie schon seit Jahren nicht mehr. So glücklich war ich vielleicht noch nie in meinem Leben“, sagt sie eine Stunde nach dem Rennen.
So perfekt hat es noch nie gepasst
Auf der Pressekonferenz ist sie noch immer bewegt, versucht ruhig und sachlich ihre Gefühle zu ordnen und spricht in einer einzigartigen Offenheit über ihre Seelenlage. „Ich habe Leute um mich herum, die ich sehr liebe. So perfekt hat es in meinem Leben noch nie gepasst.“ Damit sind vor allem ihr Freund, der Handballer Stefan Kretzschmar, ihre Managerin und Freundin Regine Eichhorn und ihr neuer Trainer Norbert Warnatzsch gemeint.
Aus der bewegten Vergangenheit hat sie allerdings gelernt, wie schnell die schönen Stunden wieder vorbei sein können und der Jubel wieder in Kritik umschlägt. „Ich freue mich und bin gleichzeitig ruhig und bedacht. Dieses Gefühl des ungemeinen Glücklichseins, dass ich momentan empfinde - ich habe schon wieder Angst, dass es reißt“, sagt sie.
Nur Sechste bei der Wende
Direkt nach dem beeindruckenden Rennen war die Freude noch ausgelassener. Nach dem Anschlag kletterte sie auf die Leine und streckte in Schröder-Manier beide Hände unter dem Jubel der 4.000 Zuschauer in der Berliner Schwimm-Arena zum Victory-Zeichen in die Luft.
Dabei hatte es auf den ersten 50 m alles andere als gut ausgesehen, erst als Sechste wendete Franziska van Almsick. „Das war egal, ich konzentriere mich ganz auf mich selbst, ich lasse mich nicht mehr so ablenken wie früher.“
Zurück in der Weltspitze
Die erste Umarmung galt ihrem Trainer, danach hüpfte sie ausgelassen über die Startbrücke. Noch wichtiger als der Titel sei ihr die Zeit, denn es habe genügend Momente gegeben, in denen sie daran zweifelte, ob sie überhaupt noch einmal in der Lage sein werde, ihre persönlichen Bestzeiten zu unterbieten. „Es ist schon Wahnsinn nach neun Jahren wieder eine solche Zeit zu schwimmen“, meinte der Star.
Mit der Rekordzeit hat sich Franziska van Almsick nicht nur in Europa an die Spitze gesetzt, sondern sich auch in der Weltspitze zurückgemeldet. Ihren acht Jahre alten Weltrekord über 200 m Freistil (1:56,78) kann sie am Samstag unterbieten, wenn sie die Form hält. Ihr ist die Zeit allerdings „heilig“, daher will sie auf keinen Fall einen Weltrekordversuch ankündigen.
„Es ist wichtig, wie es mir persönlich an dem Tag geht. Die 200 m sind nicht so einfach, wie viele glauben. Die Strecke macht es mir nicht leicht.“ Auch deshalb verzichtet die 24-Jährige auf einen Start über 100 m Schmetterling am Donnerstag.
Sydney als negative Wendemarke
Wenn sie versucht, zu erklären, warum sie wieder so stark ist wie in ihren besten Jahren, fällt immer wieder der Begriff Sydney. „Das war ein einschlagendes Erlebnis. 2000 war das entscheidende Jahr, da habe ich viele neue Leute und meinen Freund kennen gelernt“, sagt sie. Vielleicht musste es diesen absoluten sportlichen Tiefpunkt in ihrer Laufbahn geben, damit sie einen ehrlichen Neuanfang machen konnte.