29.07.2002 · Angeführt von Sandra Völker und Franziska van Almsick gewann die deutsche 4 x 100 m Freistil Staffel bei der Schwimm-EM Gold in Weltrekordzeit.
Von Cai Philippsen, BerlinGold hatten die deutschen Frauen schon sicher in der Tasche als Franziska van Almsick zu ihrem ersten Rennen bei der Europameisterschaft in ihrer Heimatstadt auf den Startblock kletterte. Unter Druck stand die 24 Jahre alte Ausnahmeschwimmerin dennoch.
Knallrot und überdeutlich war das Minuszeichen auf der Anzeigetafel bei jedem Wechsel in der supermodernen Schwimmhalle an der Landsberger Allee zu sehen. Schon als Startschwimmerin Kathrin Meißner nach 54,82 Sekunden angeschlagen hatte, war das Quartett des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) auf Weltrekordkurs. Petra Dallmann, für die mit fliegendem Start 53,95 gestoppt wurden, ließ die Konkurrenz von Titelverteidiger Schweden bereits eine ganze Länge hinter sich. Und Sandra Völker schwamm unbelastet vom Druck der Einzelrennen ihre bisher beste Zeit über die 100 m Freistil (53,59).
„Gewusst, dass wir sehr stark sind“
Es war halb sechs an diesem heißen Montagnachmittag in Berlin, an dem eigentlich jeder hätte ins Freibad gehen sollen, als Franziska van Almsick unter dem Jubel der 4.000 Zuschauer ins Wasser sprang. 53,64 Sekunden später war das Glück perfekt. 3:36,00 Minuten, Weltrekord. „Diese Goldmedaille plus Weltrekord - das ist ein Traum. Das war geradezu eine Gänsehautstimmung in der Halle“, sagte Franziska van Almsick. Die vier frisch gekürten Rekordschwimmerinnen tanzten Arm in Arm am Beckenrand. Immer noch ein ungewohntes Bild bei den traditionell zerstrittenen deutschen Frauen.
„Wir haben gewusst, dass wir sehr stark sind und auf den Europarekord geäugt. Aber wir haben natürlich nicht damit gerechnet, dass wir Weltrekord schwimmen“, sagte Sandra Völker, für die die Weltklassezeit über die Problemstrecke auch ein persönlicher Triumph war. „Wir sind sehr stolz und glücklich.“
Auftaktstaffel als Formbarometer
Hand in Hand hatten die Vier sich vor dem Start vorstellen lassen, Hand in Hand haben sie sich nach der Siegerehrung vor dem Publikum verbeugt. Nur eine Geste, könnte man meinen. Doch in der Vergangenheit wären solche Signale der Harmonie und des Mannschaftsgeistes nicht möglich gewesen.
Als die DSV-Staffel in der Besetzung Antje Buschschulte, Kathrin Meißner, Sandra Völker und Franziska van Almsick bei den Olympischen Spielen in Sydney nur auf Platz vier schwamm und die erhoffte Goldmedaille mehr als deutlich verpasste, begann der große Zicken-Streit. Damals der Anfang vom Ende. Sydney wurde zum Tief- und glücklicherweise auch zum Wendepunkt des deutschen Schwimmsports.
Männer schwimmen zum zweiten Gold hinterher
In Berlin scheint sich die positive Entwicklung, die mit dem neuen Cheftrainer Ralf Beckmann in Fukuoka bei der WM im vergangenen Sommer ihren Anfang genommen hat, fort zu setzen. Auch in Südjapan hatte die Staffel die Richtung für den Rest der Mannschaft vorgegeben. Kathrin Meißner, Sandra Völker, Antje Buschschulte und Petra Dallmann hatten in Europarekordzeit Gold gewonnen.
In Berlin zeigte das Signal sofort seine Wirkung. Unmittelbar nach den Frauen kraulten Lars Conrad, Stefan Herbst, Torsten Spanneberg und Stephan Kunzelmann mit hauchdünnen acht Hunderstel Sekunden Vorsprung in 3:17,67 Minuten vor Schweden zur zweiten unerwarteten Goldmedaille des Abends. „Ich habe Glück gehabt, dass der Schwede kürzere Arme hatte“, meinte Schlussschwimmer Kunzelmann. Die im Einzel so schwachen Männer wuchsen im Team einmal mehr über sich hinaus. „Das ist ein überwältigendes Ergebnis. Das Auftreten der Staffeln hat gezeigt, dass alle in einer hervorragenden Form sind. Das ist aber kein Freibrief, dass es die nächsten Tage weiter so gut läuft“, sagte DSV-Cheftrainer Ralf Beckmann.
Hetzer holt erste DSV-Medaille
Für die erste Medaille für den DSV hatte zuvor Nicole Hetzer gesorgt. „Endlich, endlich die lang ersehnte Medaille auf der Langbahn. Es war allerdings schon etwas deprimierend für mich, dass die anderen direkt so weit wegzogen“, sagte die Studentin. In 4:42,22 Minuten gewann die 23 Jährige Bronze über 400 m Lagen hinter Olympiasiegerin Jana Klotschkowa (4:35.10) und der erst 17 Jahre alten Ungarin Eva Risztov (4:36,17). Daniela Samulski konnte ihren deutschen Rekord (27,00 Sekunden) über 50 m Schmetterling im Halbfinale noch einmal auf 26,88 steigern.
Besser hätte der Auftakt für die deutsche Mannschaft nicht sein können. Die Bestmarke der deutschen Frauen wird die Schwimmer rund um den Globus aufhorchen lassen. Neben der noch immer gültigen Rekordzeit von Franziska van Almsick über 200 m Freistil (1:56,78) aus dem Jahr 1994, der 4 x 200 m DDR-Weltrekordstaffel (7:55,47/1987) und der 50 m Rücken-Bestmarke von Sandra Völker (28,25/2000) steht nun wieder eine vierte deutsche Topzeit in den Statistikbüchern.