01.08.2002 · Der Niederländer ist der Star der Schwimm-EM in Berlin. Der australische Wunderschwimmer beherrscht die Commonwealth Games in England. Beide beäugen sich genau.
Von Cai Philippsen, BerlinCees-Rein van den Hoogenband hat bei der Schwimm-Europameisterschaft einen nervenaufreibenden Nebenjob. Der Vater des niederländischen Weltrekordlers ist eigentlich wie immer als Teamarzt der Nationalmannschaft am Beckenrand. Doch diesmal muss er seinen Sohn Pieter auch noch ständig mit den neusten Meldungen aus Manchester versorgen.
In Manchester nämlich schwimmt Ian Thorpe bei den gleichzeitig ausgetragenen Commonwealth Games. Der Australier ist der letzte große Konkurrent, der dem „Flying Dutchman“ in der Schwimmwelt geblieben ist. „Es ist ein virtuelles Duell“, sagt Vater van den Hoogenband, der auch die Profi-Kicker des PSV Eindhoven medizinisch betreut. „Pieter denkt mehr an Thorpe in Manchester als an die Gegner in Berlin.“
Keine Gegner in Berlin
In Berlin sind van den Hoogenband die Gegner ausgegangen. Selbst der einst unschlagbare Russe Alexander Popow war für ihn im EM-Finale über 100 m Freistil wieder kaum mehr als ein Sparringspartner. In 47,86 Sekunden kam er bis auf zwei Hunderstel an seinen Weltrekord heran, Popow (48,94) schlug auf Platz zwei erst über eine Sekunde später an.
„Es war kein perfektes Rennen, ich kann noch schneller. Und ich wundere mich, dass die anderen nicht schneller waren“, sagte der Superstar der neuen Generation aus dem kleinen Geldrop.
Weltrekord in Manchester
Zufrieden war er nicht. Schließlich hatte das australische Wunderkind Thorpe in Manchester einen neuen Weltrekord über 400 m Freistil (3:40,08) markiert und so ihm die Show gestohlen. „Ich war total entspannt und konnte deshalb so schnell schwimmen“, ließ der 19-Jährige Schwimm-Millionär aus England verlauten. Und: „Schade, dass Pieter nicht hier ist.“
Total entspannt, so sieht es auch aus, wenn Thorpe mit seinen 195 Zentimeter Körpergröße und 90 Kilogramm Gewicht seine Bahnen zieht. Man sieht ihm weder die Anstrengung noch die Geschwindigkeit an. Würde der Abstand zu den Gegner nicht ständig wachsen, könnte man meinen, der Wunderschwimmer mit den Flossenfüßen (Schuhgröße 52) badet nur. Neben Alexander Popow und Franziska van Almsick ist es der Stilist unter den Freistilschwimmern.
Noch eine Chance über 200 m Freistil
Der Weltrekord stachelte den Niederländer an. „Ich wollte über 100 m Freistil nachziehen. Jetzt habe ich noch eine Chance über 200 m“, kündigte van den Hoogenband an, den sie nach Olympia 2000 in der Heimat wegen seiner einmaligen Wasserlage in „Hovercraft“ umtauften.
Nachdem der Stern des 24-Jährigen 1999 in Istanbul mit sechs EM-Titeln und seinem historischen Sieg gegen Popow aufging, war Sydney mit dem Doppeltriumph gegen Popow (100 m Freistil) und Thorpe (200 m Freistil) der bisherige Höhepunkt. 2001 gab es bei der WM in Fukuoka nur zweite Plätze, Niederlagen für van den Hoogenband.
Zu viel Pilsken schadet
Er hatte es mit der Lockerheit, dem „Pilsken“ auf den vielen nacholympischen Partys wie seine Kollegin Inge de Bruijn aus dem Profi-Team des PSV Eindhoven wohl übertrieben. 2002 ist er wieder auf dem Niveau von Sydney. Inge de Bruijn feierte dagegen weiter, flog aus dem von Pieters Papa Cees-Rein aufgebauten Profiteam und fehlt folgerichtig in Berlin.
Cees-Rein van den Hoogenband hatte am späten Mittwochabend keine guten Nachrichten, als er den Sohn im Hotel anklingelte. Thorpe hatte wieder zugeschlagen. Zwar hat der „Thorpedo“ diesmal keinen Weltrekord aufgestellt, doch die 1:44,71 Minuten über 200 m Freistil sind eine Fabelzeit, die bisher nur er selbst unterbieten konnte. Hoogenbands Bestmarke liegt bei 1:45,35. Am Freitag wird er versuchen, den ungleichen Gegner in der Ferne zu bezwingen. Über 200 m gibt es in Europa niemanden, der auch nur annähernd mithalten könnte.
20 Kilo leichter als der Australier
Der fünf Jahre ältere van den Hoogenband ist mit 1,90 m zwar nur fünf Zentimeter kleiner als Thorpe, er wiegt mit mageren 71 Kilogramm jedoch 20 Kilo weniger als der Australier. Während „Hoogie“ eine typische Schwimmerfigur hat, wirkt Thorpe eher wie ein schwerfälliger Ringer. Allerdings nur an Land.
Den nächsten Showdown wird es erst 2003 in Barcelona bei der Weltmeisterschaft geben. Der internationale Schwimmsport-Kalender beschert seinen Stars anders als etwa bei Tennis-Spielern oder Radprofis nur selten ein direktes Duell. Bis dahin müssen sich die beiden beherrschenden Athleten mit dem virtuellen Match Berlin-Manchester zufrieden geben.