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Schulsport-Studie „Die Politiker kriegen die Hucke voll“

13.12.2004 ·  Auch der Schulsport in Deutschland erhält ein schlechtes Zeugnis. Professor Brettschneider im F.A.Z.-Interview über einen „katastrophalen Befund“ und ungewollte „Kuschelpädagogik“.

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An diesem Montag werden in Berlin die ersten Ergebnisse der mit Spannung erwarteten Schulsportstudie vorgestellt. Leiter dieser breitangelegten Untersuchung ist Professor Wolf-Dietrich Brettschneider. Der Lehrstuhlinhaber an der Universität Paderborn gilt seit seiner aufsehenerregenden Studie über die Wirkungen des Sports als Deutschlands bekanntester Sportwissenschaftler.

Ihre sogenannte Brettschneider-Studie versetzte vor einigen Jahren die deutsche Sportszene in heftige Turbulenzen. Darf man nun auch von der Schulsport-Untersuchung spektakuläre Ergebnisse erwarten?

Es wird vielleicht nicht so einen Aufschrei geben. Aber auch diese Studie wird Unruhe erzeugen, vor allem unter den politisch Verantwortlichen. Salopp ausgedrückt: Die Politiker kriegen ganz schön die Hucke voll. Ich kann nur hoffen, daß die Untersuchung ähnlich viel bewirkt wie meine Vereinsstudie.

Inwiefern?

Es ist ja die erste Studie überhaupt, die die Situation des Sportunterrichts an deutschen Schulen untersucht, in allen Schulformen, verschiedenen Altersklassen und verschiedenen Bundesländern. Seit zehn, fünfzehn Jahren hat man diese Studie vehement gefordert, aber sie ist immer wieder an der Kultusministerkonferenz gescheitert. Wenn man die ersten Ergebnisse sieht, weiß man auch, warum: Die hatten natürlich kein Interesse daran, sich in die Karten schauen zu lassen.

Wo gibt es die gravierendsten Mißstände?

Zu den überraschendsten Ergebnissen gehört für mich der Befund, daß die meisten Schüler mehr Anstrengung und mehr Leistung im Sportunterricht wollen. Die wollen keine Kuschelpädagogik, die wollen sich bewegen und schwitzen. Das wird einige schockieren. Anstrengung und Leistung sind in der Sportdidaktik über ein Jahrzehnt tabuisiert worden. Es wird Zeit, daß man das wieder zu einem pädagogischen Schwerpunkt macht.

Die unbekannte Größe in der Schulsportdiskussion war immer, wieviel von den offiziellen Wochenstunden in Wirklichkeit gegeben werden. Was läßt sich dazu sagen?

Leider nichts Angenehmes. Im Durchschnitt fällt jede vierte Sportstunde aus. Das ist ein katastrophaler Befund. Es wird ja immer damit argumentiert, daß man drei Wochenstunden Sport hat. Aber die gibt es meistens eben nur auf dem Papier.

Wie kommen die Sportlehrer in der Studie weg?

Besser als ihr Unterricht, das ist ein bißchen kurios. Die Schüler bewerten die Lehrer im allgemeinen recht positiv, man hält sie für kommunikativ sowie fachlich und sozial kompetent. Aber die Bewertung ihres Unterrichts ist nicht gerade überschwenglich. Die Schüler haben dafür Noten im schwachen Zweierbereich verteilt. Wie gesagt, viele empfinden den Sportunterricht als langweilig und nicht bewegungsintensiv genug.

Können Sie auch etwas über die Situation an Grundschulen sagen?

Das ist der nächste Hammer. Gerade in der Grundschule und in der Hauptschule, wo ein qualifizierter Sportunterricht am nötigsten ist, sind die Lehrer nicht qualifiziert genug. Ein beträchtlicher Teil des Sportunterrichts wird von sogenannten fachfremden Lehrern gegeben, also von Lehrern, die im Sport überhaupt nicht ausgebildet sind. Da ist die Politik gefordert, ganz dringend.

Und der körperliche Zustand der Schüler?

Motorische Tests sind leider kein Bestandteil unserer Studie, das ging aus finanziellen Gründen nicht. Aber das ist gut erforscht, da kann man nichts Neues mehr erwarten. Fest steht, daß die körperliche Leistungsfähigkeit der Kinder europaweit in erschreckendem Maße abnimmt. Die Kinder von heute sind im Durchschnitt ungeschickter, unbeweglicher und dicker als früher. Da kommt ein gewaltiges gesellschaftliches Problem auf uns zu. Aber viele Bildungspolitiker haben das anscheinend noch nicht begriffen.

Die Fragen stellte Gerd Schneider

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.12.2004, Nr. 290 / Seite 30
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