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Schiedsrichterskandal „Wo investiert wird, wird geschmiert"

30.01.2005 ·  Der Leiter der Anti-Korruptions-Abteilung in der Frankfurter Staatsanwaltschaft, Wolfgang Schaupensteiner, hat sich nach dem Wettskandal im deutschen Fußball im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung für ein Wettverbot von Unparteiischen ausgesprochen.

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Der Leiter der Anti-Korruptions-Abteilung in der Frankfurter Staatsanwaltschaft, Wolfgang Schaupensteiner, hat sich nach dem Manipulations-Skandal im deutschen Fußball im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung für ein Wettverbot von Unparteiischen ausgesprochen.

Als Leiter der Anti-Korruptions-Abteilung der Frankfurter Staatsanwaltschaft kennen Sie die dunkle Seite der menschlichen Natur. Den deutschen Fußball belastet gerade ein Skandal. Überraschen Sie die immer neuen Vermutungen in diesem Milliardenspiel?

Nein. Ich sage immer leicht überspitzt: Der Mensch ist geldgierig und rachsüchtig. Wo investiert wird, wird geschmiert. Wo viel investiert wird, wird viel geschmiert.

Also ist das Fußballgeschäft prädestiniert für den großen Schwindel?

Es handelt sich um einen ganz banalen Grundsatz, dennoch ist er noch nicht bei allen angekommen. Wo es um viel Geld geht, ist Korruption nicht fern.

Es geht im aktuellen Fall um Wettbetrug, womöglich korrumpierte Personen und mafiose Strukturen. Wie ist das strafrechtlich zu sehen?

Die einschlägigen Paragraphen im Strafgesetzbuch, die sich mit dem Thema Korruption befassen, betreffen nicht Berufsgruppen wie Anwälte, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Ärzte, Sportler und auch weitestgehend Politiker. Es sei denn, es liegt ein anderes Delikt vor wie ein Betrug, dann zieht das Strafgesetzbuch.

Was heißt das für den aktuellen Fall?

Ich kann nur anhand der Presseberichte vermuten, daß zwischen dem Wettbüro und dem Schiedsrichter ein Vertrag über eine Wette vorlag. Die Geschäftsgrundlage dieses Vertrages geht davon aus, daß keine der beiden Seiten, also Wettbüro und Wetter, manipuliert. Wenn doch, könnte Betrug zum Nachteil des Wettbüros vorliegen. Wenn aber der Wettanbieter bei der Manipulation mitgemacht hat, dann ist strafrechtlich nichts zu holen, weil das Wettbüro ja nicht getäuscht worden ist.

Und die beiden Vereine im manipulierten Spiel und die anderen gutgläubigen Wetter? Die sind doch betrogen worden?

Die dürfen sich mit Recht getäuscht vorkommen von einem Schiedsrichter, der an der falschen Stelle pfeift. Aber es handelt sich nicht um Betrug im Sinne des Strafrechts, bei dem unmittelbare Vermögensschädigung vorliegen muß.

Wie finden Korruptionswillige zueinander?

Der Regelfall ist der, daß schon Geschäftsbeziehungen bestehen. Womöglich hat eine der betroffenen Personen finanzielle Sorgen und spricht die bewußt an, und die andere Seite erkennt das Signal. Vielleicht ist der Schiedsrichter erkannt worden als jemand, der gerne zockt. So kommt man in Kontakt. Vielleicht ist er aber auch durch Schulden erpreßbar geworden. Das sind alles nur Vermutungen. Das Hineingeraten ins Fahrwasser von Manipulation, Korruption, Betrug ist häufig ein ganz kleiner Schritt. Anfälliger sind natürlich Bereiche, in denen die Möglichkeiten der Einflußnahme groß sind. Man braucht sich nur vorzustellen, welche Macht ein Schiedsrichter auf dem Spielfeld hat. Es ist nachvollziehbar, daß gewisse Kreise da gezielt Einfluß nehmen könnten. Gerade dort, wo es große Ermessensspielräume gibt, wo Sekundenentscheidungen fallen und sich leicht über Entscheidungen streiten läßt, kann manipuliert werden.

Ist es nicht naiv, daß die deutschen Fußballfunktionäre völlig überrascht auf den Fall reagieren, obwohl ringsherum in der Welt des Fußballs immer wieder ähnliche Manipulationen auftauchen?

Das erinnert mich an 1987, als in Frankfurt die erste Korruptionsaffäre in der Stadtverwaltung losgetreten wurde. Jeder hat gesagt, das kann nicht wahr sein, deutsche Beamte sind nicht korrupt. Vielleicht in Sizilien, aber doch nicht bei uns. Wenn man weiß, daß ein Fußballfeld in Rumänien oder Tschechien so aussieht wie bei uns, dann ist es völlig daneben, chauvinistisch zu behaupten, wir sind die besseren Menschen. Man muß die Sensibilität und die Selbstkritik aufbringen, zu sagen, wir sind auch nur Menschen, unsere Schiedsrichter, Spieler und Vereine. Warum soll nicht auch in Deutschland manipuliert werden?

Wie könnten Korruption und Manipulation im Fußball bekämpft werden, wenn Sie das vergleichen mit der Wirtschaft oder Politik?

Bloße Appelle, gerade wenn sie sich nur an die Moral richten, helfen nicht.

Wie könnte eine Prävention sonst aussehen?

Gerade als Staatsanwalt plädiere ich für einen Kodex im außerstrafrechtlichen Bereich. Man müßte das Verhältnis zwischen den Vereinen, Schiedsrichtern und Spielern regeln. Zum Beispiel, daß Schiedsrichter nicht auf eigene Spiele wetten dürfen - auch nicht über Dritte. Es geht beim Regelungsbereich darum: Was wollen wir regeln? Also der Bereich muß definiert werden. Welches Ergebnis wollen wir haben? Es müßte ein Regelwerk geschaffen werden, das nicht aus Gummiparagraphen besteht, sondern klare Vorgaben vorsieht.

Das verhindert Manipulationen?

Daß man einen Kodex umgehen kann, wissen wir alle. Aber wir verzichten auch nicht auf das Strafgesetzbuch, weil viele dagegen verstoßen. Wenn man keinen Kodex hat, kann man auch keine Sanktionen aussprechen. Doch dieser Kodex, der wie eine Schiedsgerichtsvereinbarung in der Wirtschaft aussehen könnte, muß deutlich definiert sein. Und dann müßte auch ein Kontrollorgan geschaffen werden, das nicht nur mit internen Vertretern des Sportverbandes, sondern auch unabhängigen Experten besetzt ist. Und dann haben wir noch die spannende Frage: Sollten wir einen großen Fall im Sport nicht zum Anlaß nehmen, das Strafrecht aufzurüsten? Korruption im Fußball muß bei diesem öffentlichen Interesse und den Summen, die hin und her geschoben werden, den Staatsanwalt interessieren. Es geht um Millionen, Fußball ist Volkssport und dient auch zur Erziehung der Jugend. Warum soll ein Bereich, der für die Gesellschaft so wichtig ist, bei dem es um so viel Geld geht, nicht strafrechtlich geregelt werden?

Die Fragen stellte Michael Ashelm.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.01.2005, Nr. 4 / Seite 17
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