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Schiedsrichterskandal FC Bananenrepublik 06

30.01.2005 ·  Der Fußball sollte als PR-Lokomotive Deutschland zum Aufschwung verhelfen. Das so ein Konzept auch Probleme bringen kann, das zeigt der Fall Hoyzer. Der Fußball ist eben ein Tagesgeschäft.

Von Roland Zorn
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Deutschland, einig Fußball-Land - so hätten es die Berliner Imageplaner, die der Wirtschaft dienen und der Bundesregierung helfen wollen, gern. Doch das Projekt „FCDeutschland06“ sieht schon vor seiner Konkretisierung durch die PR-Strategen und Agenturprofis reichlich zerzaust aus.

Manchem Politiker mag jetzt dämmern, daß es gar nicht so einfach ist, mit Hilfe des Fußballs die nächsten Bundestagswahlen zu gewinnen. Es kann immer noch etwas dazwischenkommen: etwa der Schiedsrichterskandal, in dem es um Wettbetrug, manipulierte Spiele, gekaufte Unparteiische, beteiligte Spieler und eine „kroatische Wettmafia“ geht. Eine spannende Kriminalgeschichte ist das am Brennpunkt Berlin.

Die „Bananenrepublik des Fußballs“

Die offiziellen Sachwalter des beliebtesten deutschen Gesellschaftsspiels reagieren schockiert und versuchen, bei der Aufhellung der inzwischen von der Staatsanwaltschaft untersuchten Affäre nach Kräften mitzuwirken. Im Ausland regt sich Empörung - vor allem bei Joseph Blatter, dem Präsidenten des Internationalen Fußball-Verbandes und selbsternannten Familienvater des Weltfußballs. Der Schweizer, jahrelang selbst als ein Mischmaschmann zwischen Geschäft und Moral agierend, übt indirekt Kritik am Deutschen Fußball-Bund, als hätte sich der Skandal bei mehr Voraussicht vermeiden lassen. Als „Bananenrepublik des Fußballs“ haben Spötter in Spanien das Gastgeberland der WM 2006 bezeichnet.

Die angeblich stets korrekten Deutschen, die immer alles richtig machen und sich keine Schwäche erlauben wollen, sind in Wirklichkeit auch nicht anders als ihre Nachbarn, von denen viele schon Fußballskandale zu bewältigen hatten. Die jetzt mit dem Finger auf andere zeigen, sind morgen selbst in Erklärungsnot. Kroatische Wettmafia, ein deutscher Schiedsrichter, dazu vielleicht eine Handvoll Profis unterschiedlicher Provenienz - wer würde in diesem Ambiente noch von typischen Zuordnungen zu einzelnen Ländern sprechen wollen? Da der Schiedsrichter Robert Hoyzer, die Schlüsselfigur, inzwischen gestanden und wohl auch die Namen der ihm bekannten Mittäter verraten hat, ist die Hoffnung auf eine umfassende Aufdeckung der Tat und ihrer Umstände aber nicht vermessen.

Ist der Glaube an die Ehrlichkeit verloren?

Davor und danach wird in Deutschland wie jeden Samstag und Sonntag weiter Fußball gespielt: mit Schiedsrichtern als Spielleitern, die unendlich weit davon entfernt sind, sich von Wettbetrügern und anderen kriminellen Strippenziehern benutzen zu lassen; mit Spielern, die nicht im Traum daran denken, sich für ein paar Euro vor den Karren mafioser Untergrundorganisationen spannen zu lassen; mit Zuschauern als Teilhabern des Freizeitvergnügens, die sich den Glauben an die Ehrlichkeit im Sport nicht von ein paar üblen Betrügern rauben lassen wollen.

Oft ist dieser Tage die Rede davon, daß nach dem ersten Bundesligaskandal 1971 ein Großteil des Publikums auf Distanz zur Bundesliga gegangen sei. Das war so und muß dennoch nicht die Folie für das Verbraucherverhalten von heute sein. Die Liga präsentiert sich inzwischen in einem Erlebnispark und kann in ihren neuen und renovierten Arenen noch darauf hoffen, daß sich der Fan die Laune nicht vollends von diesem Januarskandal rauben läßt.

Beiläufige Selbstgewißheit benötigt

Den Fußball in den Dienst der Werbung zu stellen ist wegen der vielen unangenehmen Trittbrettfahrer und üblen Abzocker jedoch immer riskant. So ist der Versuch wenig hilfreich, ein prall-optimistisches Deutschland-Bild zu malen, das sich mit der Metaphorik des Fußballs schmückt. Das Land braucht für den ersehnten Aufschwung nicht noch mehr Fußball mit noch mehr Werbebotschaften - für die dann vielleicht auch noch die Kicker-Ikone Franz Beckenbauer die Parolen lieferte. Ein Stück mehr beiläufige Selbstgewißheit und eine Spur mehr kampagnenfreie Souveränität täten dem Standort der WM 2006 nur gut.

Zum „FCDeutschland 06“, diesem eingetragenen Verein der Berliner Aufschwungartisten und Fußballgläubigen, paßt ein Bundestrainer wie Jürgen Klinsmann, dessen erklärter Vorsatz es ist, Deutschland im kommenden Jahr zum Weltmeistertitel zu führen. Ein frommer Wunsch ist das, ein famoses Projekt, dabei ist die Wirklichkeit des heimischen Fußballs doch so grau und schmuddlig wie das Januarwetter. Der Fußball, das hat sich jetzt abermals gezeigt, ist ein Tagesgeschäft - und deshalb nur bedingt geeignet als Lokomotive für die Selbstdarstellung eines ganzen, großen Landes.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.01.2005, Nr. 4 / Seite 12
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