Home
http://www.faz.net/-gtl-73tl7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Schefflers Golf-Kolumne Der „Mafia-Killer“ mit der Gartenhacke

Zwei schwarze Handschuhe, ein unorthodoxer Golfschwung: der sonderbare Tommy Gainey war Fließbandarbeiter, Möbelpacker und Star einer TV-Reality-Show - und siegt dennoch auf der PGA Tour.

© AFP Ein Golfschwung, der Puristen schaudern lässt: Tommy Gainey siegt dennoch

Der Mann scheint so gar nicht in diese feine Gesellschaft zu passen: ein Golfschwung, der Puristen schaudern lässt, schwarze Handschuhe an beiden Händen, die er selbst beim Putten nicht auszieht, eine Vita mit Jobs als Fließbandarbeiter, Möbelpacker, golfender Berufszocker, Star einer TV-Reality-Show - und als Höhepunkt auch noch ein Spitznamen als Markenzeichen, der besser zu einem Mafia-Killer in einem Hollywood-Epos passt. Spätestens seit vergangenem Sonntag zweifelt niemand mehr daran, dass Tommy „Two Gloves“ Gainey zu recht seinen Lebensunterhalt auf der lukrativsten Turnierserie der Welt verdient.

Mit einer furiosen Schlussrunde von 60 Schlägen (10 unter Par, acht Birdies, ein Eagle) feierte er am Sonntag auf Sea Island in Georgia im 105. Anlauf beim McGladrey Classic seinen ersten Sieg auf der PGA Tour und kassierte dafür 720.000 Dollar Preisgeld. Er machte am Schlusstag nicht nur einen Rückstand von sieben Schlägen wett, sondern verdrängte die Routiniers David Toms, Davis Love III und Jim Furyk von der Spitze, alles Kollegen, die Major-Titel ihr eigen nennen.

Mehr zum Thema

Der Triumph des 37-jährigen Südstaatlers aus Bishopsville, einem Nest in einer ländlichen Gegend von South Carolina, ist der bisherig Höhepunkt der wohl ungewöhnlichsten „Tellerwäscher-Karriere“ im Golf. Von 1993 bis 1997 stand er bei A.O. Smith, einem Hersteller von Durchlauferhitzern, für 8,25 Dollar die Stunde am Fließband, neun Stunden am Tag, sechs Tage die Woche, und dachte nicht im Traum daran, mit seinem selbstgestrickten Golfschwung Geld zu verdienen. „Ich war ein Wochenendgolfer mit einem Job“, sagt Gainey. Allerdings einer, der trotz aller Macken, trotz des außergewöhnlichen Schwungs ganz niedrige Runden spielen konnte.

1997 spendierte ihm ein Freund 650 der 750 Dollar Anmeldegebühr für ein kleines Profiturnier der Teardrop Tour. Gainey gewann und kassierte 15.000 Dollar Preisgeld. „Das hat mir die Augen geöffnet“, sagt er. Fortan schlug er sich auf den Mini-Touren in North and South Carolina durch und besserte sein Einkommen bei Zocker-Matches auf: „Da haben Leute oft 15.000 Dollar pro Loch auf mich gesetzt und ich kassierte einen Anteil.“ Doch da mit der Zeit ruchbar wurde, dass man gegen Gainey in diesen „Money Matches“ nur schwer gewinnen kann, gingen die Wettpartner aus - und auf den kleinen Turnierserien kann man nur schwer Geld verdienen. So verdingte er sich als Möbelpacker und kehrte für ein halbes Jahr in seinen alten Job bei A.O. Smith, heute einer seiner Sponsoren, zurück.

The McGladrey Classic - Final Round © AFP Vergrößern Kein Lob vom Golflehrer: „Als würde er versuchen, mit einer Gartenhacke eine Schlange zu erschlagen“

Mit den TV-Shows Big Break, bei denen hoffnungsvolle Möchtegern-Profigolfer im Golf Channel alle möglichen Aufgaben lösen müssen, bot sich Gainey eine zweite Chance. Bei seinem ersten Auftritt 2005 scheiterte er, wurde aber wegen seiner Marotte mit den beiden Handschuhen so bekannt, dass ihn der Fernsehsender 2007 noch einmal einlud. Er siegte, kassierte 25.000 Dollar und unternahm einen neuen Versuch als Profi. 2010 gewann er auf der Nationwide Tour zwei Turniere und qualifizierte sich für die PGA Tour.

Wirkung wie eine grandiose Fehlbesetzung

Dort ist der Mann aus der Arbeiterklasse mittlerweile Kult, vor allem weil er im Einerlei der elegant, flüssig und scheinbar mühelos schwingenden Kollegen wie eine grandiose Fehlbesetzung wirkt. „Sein Schwung sieht aus, als würde er mit einer Gartenhacke versuchen, eine Schlange zu erschlagen“, spottete etwa Brandel Chamblee, ein ehemaliger Kollege auf der PGA Tour und Kommentator im Golf Channel.

In der Tat, mit einem Schwung wie ihn Golflehrer in aller Welt propagieren, hat die ruckartige Bewegung zum Ball von Gainey wenig zu tun. Es fängt bei der Ansprechposition mit extrem weit nach vorne gebeugten Oberkörper an und setzt sich im Griff fort: Gainey packt den Schläger mit dem heute total aus der Mode gekommenen Baseball-Grip, bei dem alle zehn Finger auf dem Griff liegen. Wie im Baseball hüllt Gainey beide Hände in schwarze Handschuhe - und dann auch noch in Regenmodelle aus Kunststoff. Dabei tragen Golfprofis sonst nur einen Handschuh, meist einen weißen aus hauchdünnem Cabretta-Leder.

The McGladrey Classic - Final Round © AFP Vergrößern Marotte als Markenzeichen: Schwarze Handschuhe

„Wenn Tommy immer so puttet wie an diesem Tag, dann wird er noch viele Turniere gewinnen ,“ behauptet Vater Tommy Gainey sen., „und vielleicht auch eines Tages das Masters.“ Noch ist Gainey nicht für das Stelldichein der Meister in Augusta qualifiziert. Für Sieger der Turniere der „Fall Series“, die erst nach Abschluss der regulären PGA Tour ausgetragen werden, gibt es keine Einladung. Aber nicht nur Gainey senior würde sich über dieses Bild freuen: zwei schwarze Handschuhe, die aus dem grünen Masters-Siegerjackett ragen.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Nach Anschlag von Charleston Amerikaner streiten über die Flagge der Südstaaten

Nach dem Anschlag auf eine Kirche in Charleston ist in den Vereinigten Staaten eine Debatte über die Südstaaten-Flagge entbrannt. Tausende Demonstranten fordern ihre Entfernung aus dem öffentlichen Raum, weil sie ein Symbol von Sklaverei und Unterdrückung sei. Mehr

21.06.2015, 12:08 Uhr | Politik
ESC-Vorentscheid Gebärdendolmetscher singt sich in Schwedens Herzen

Beim schwedischen Vorentscheid des Eurovision Songcontest stahl Tommy Krangh mit seiner barrierefreien Version der Wettbewerbsbeiträge sogar dem Sieger die Show. Mehr

17.03.2015, 16:33 Uhr | Feuilleton
Massaker von Charleston Der lange Schatten der Flagge

Barack Obama schimpft auf die Waffenlobby. Doch noch heftiger wird nach dem Massaker von Charleston über ein altes Symbol gestritten: die Konföderierten-Flagge. Vor allem Präsidentschaftskandidaten der Republikaner fällt es schwer, sich zu positionieren. Mehr Von Andreas Ross, Washington

22.06.2015, 17:30 Uhr | Politik
Charleston in South Carolina Mutmaßlicher Schütze nach Massaker in Kirche gefasst

Nach dem Massaker in einer afroamerikanischen Kirche in South Carolina hat die Polizei einen mutmaßlichen Täter gefasst. Der 21 Jahre alte Weiße sei bei einer Verkehrskontrolle festgenommen worden, erklärten die Behörden in Charleston. Mehr

19.06.2015, 11:15 Uhr | Gesellschaft
Detroit und Philadelphia Zwei Amokläufe in den Vereinigten Staaten

Auf einer Party in Detroit ist ein Mensch erschossen worden, mehr als ein Dutzend weitere wurden verletzt. In Philadelphia eröffnete nahezu zeitgleich ein Unbekannter das Feuer auf die Teilnehmer eines Picknicks. Mehr

21.06.2015, 07:28 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 23.10.2012, 16:50 Uhr

Silvia Neid sollte dankbar sein

Von Daniel Meuren, Edmonton

Schlechte Ergebnisse werden öffentlich schön geredet, intern nicht wirklich diskutiert. Das Klima bei den DFB-Frauen fördert die Leistung nicht. Silvia Neid sollte mit der Kritik konstruktiv umgehen – und etwas wagen. Mehr 5 8