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Schachgroßmeister Aronjan „Schach ist ein brutales Spiel“

28.12.2011 ·  Lewon Aronjan will für sein Heimatland Armenien Schach-Weltmeister werden. Im Interview spricht er über Vorbilder, Nationalhelden und sein Trainingspensum.

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© picture alliance / dpa Aronjan: „Es geht darum, den Gegner dumm aussehen zu lassen“

Herr Aronjan, Sie stammen aus Armenien und haben kürzlich in einem Interview eine „Kaukasische Schachschule“ erwähnt. Was versteht man darunter?

Die Menschen feiern gerne und machen sich eine schöne Zeit. Sie sind talentiert, aber arbeiten oft nicht hart genug.

Gilt das auch für Sie?

Ich war immer talentiert, aber ich habe mit Anfang 20 angefangen, ernsthaft zu trainieren.

Sie leben jetzt seit 10 Jahren in Deutschland und haben auch kurze Zeit für die deutsche Nationalmannschaft gespielt. Dann haben Sie sich entschlossen, für die armenische Nationalmannschaft zu spielen. Wie kam das?

Die Situation in Armenien war damals schwierig, aber dann hat man mich der Präsident des Schachverbands davon überzeugt, zurückzukehren, um ein Team um mich herum aufzubauen. Ich hatte damals auch nicht die Chance gesehen, mit der deutschen Mannschaft große Erfolge zu erringen.

Sie werden zum Jahresende Nummer zwei der Weltrangliste sein. Mit der armenischen Nationalmannschaft haben Sie die Mannschaftsweltmeisterschaft errungen. Schach ist zudem der wichtigste Sport in Armenien. Sind Sie ein Nationalheld in Ihrem Land?

Die Bezeichnung Nationalheld ist übertrieben, aber ich werde in Armenien wegen meiner Erfolge als Vorbild gesehen.

Fühlen Sie als bester Spieler Armeniens eine besondere Verpflichtung?

Ja, Schach ist so wichtig in Armenien. In der Nationalmannschaft herrscht ein wunderbarer Teamgeist. Ich möchte nicht, dass sich dies ändert.

Haben Sie einen festen Trainer?

Ich arbeite mit meinen Freunden in Armenien zusammen.

Nachdem er seine Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Großmeister Hikaru Nakamura gerade beendet hat, wäre der ehemalige Weltmeister Garry Kasparow vielleicht als Trainer verfügbar.

Er war natürlich ein großer Spieler und er ist sicherlich ein guter Trainer, aber ich möchte weiterhin mit meinen Freunden arbeiten.

Sie galten lange Zeit als ein sehr origineller und starker Spieler, der aber vielleicht nicht hart genug arbeitete. Gibt es hier eine Parallele zu Boris Spassky, dem von 1969 bis 1972 amtierenden Weltmeister, der seinen Titel gegen den Amerikaner Bobby Fischer verlor?

Spassky war mein großer Held. Er besaß ein wunderbares Gefühl für Schach. Aber ich habe in den vergangenen Jahren sehr viel härter gearbeitet als früher. Ich denke, dass ich jetzt über ordentliche Kenntnisse der Eröffnungen verfüge. Ich lebe disziplinierter, aber ich genieße immer noch mein Leben.

Schach ist nicht nur ein Beruf für Sie?

Nein. Ich liebe Schach, heute übrigens mehr als früher.

Haben Sie jemals daran gedacht, einen anderen Beruf als Schachprofi zu ergreifen? Einen Beruf vielleicht, der ein regelmäßiges und sicheres Einkommen verheißt?

Dort, wo ich herkomme, gibt es keine sicheren Jobs mit regelmäßigem Einkommen. Ich wollte immer Schachprofi werden. Es gibt auch nichts, das ich besser könnte als Schach spielen.

Frühere Weltmeister wie Bobby Fischer und Garry Kasparow wollten mit einem Sieg am Schachbrett auch die Persönlichkeit ihres Gegners zerstören. Ist das auch Ihr Ansatz?

Nein, aber natürlich richte ich meine Spielweise auch an den Eigenarten meiner Gegner aus. Das gehört dazu. Generell spiele ich aber besser gegen Spieler, die ich mag. Schach hat viel mit Psychologie zu tun. Manchmal versuche ich am Brett, meine Gefühle gegenüber meinem Gegner zu vergessen.

Gibt es in der Weltelite Gegner, die Ihnen besonders liegen? Sie haben beispielsweise gegen Weltmeister Vishy Anand mehr Partien gewonnen als verloren.

Ich versuche, gerade gegen Anand mein bestes Schach zu zeigen, weil ich ihn mag. Ich will zeigen, dass ich auch gegen ihn gutes und interessantes Schach spielen kann.

Wie viele Stunden trainieren Sie am Tag?

Schachspieler trainieren nicht regelmäßig. Wenn ich mich in einem Trainingslager befinde, arbeite ich vielleicht vier bis fünf Stunden am Tag. Wenn mich etwas besonders interessiert, können es auch fünf bis sechs Stunden sein.

Handelt es sich hauptsächlich um Arbeit an Eröffnungen mit Computerprogrammen?

Es handelt sich um Eröffnungsarbeit mit Kollegen, bei der wir Computer benutzen. Ich beschäftige mich aber auch mit Endspielen.

Der deutsche Großmeister Jan Gustafsson hat kürzlich gesagt, die Arbeit an Endspielen lenke nur von der wichtigeren Arbeit an Eröffnungen ab.

Das halte ich für eine Übertreibung. Es kann sehr sinnvoll sein, bestimmte Turmendspiele genau zu analysieren.

Die Arbeit mit Computerprogrammen hat dazu geführt, dass eine Reihe beliebter Eröffnungen sehr weit analysiert sind. Ist der Eindruck richtig, dass man als Reaktion darauf in den Turnieren der jüngeren Zeit versucht, durch eine breitere Wahl von Eröffnungen den Computeranalysen auszuweichen?

Das ist so. Ich sehe darin einen Trend für die Zukunft. Man versucht durch die Wahl seltener Eröffnungen, den Analysen auszuweichen, um Spaß zu haben und einfach zu spielen.

Sie gelten als ein sehr intuitiver Spieler.

Ich bin mir nicht sicher. Jedenfalls lässt mich meine Intuition manchmal im Stich.

Woran liegt das?

Manchmal bin ich einfach zu optimistisch. Ich lasse mich dann von meiner Begeisterung hinreißen.

Passiert Ihnen das auch, wenn Sie gegen die Allerstärksten wie den Weltranglistenersten Magnus Carlsen, Weltmeister Vishy Anand oder den ehemaligen Weltmeister Wladimir Kramnik spielen?

Das ist Teil meines Spiels, weil es Teil meiner Persönlichkeit ist.

Kann man mit dieser Einstellung Weltmeister werden?

Ich werde dafür hart arbeiten müssen. Durch Training und durch schlechte Ergebnisse lernt man, wie man seine Vorbereitung verbessern kann. Es handelt sich um Fine-Tuning, aber es ist wichtig.

Wollen Sie Weltmeister werden?

Natürlich. Die Weltmeisterschaft ist für mich aber weniger eine Ambition als eine Verpflichtung. Armenien ist eine kleine Nation, in der Schach eine sehr bedeutende Rolle spielt. Es wäre unfair, wenn ich nicht versuchen würde, Weltmeister zu werden. Es wäre nicht so sehr für mich selbst.

Es kann sein, dass Sie sich in einigen Jahren gegen den jungen norwegischen Weltranglistenersten Magnus Carsen um den Weltmeistertitel streiten müssen. Wie schätzen Sie ihn ein?

Er ist fraglos sehr talentiert. Er ähnelt in seinem Spiel dem früheren russischen Weltmeister Anatoly Karpow.

Weltmeister Vishy Anand wird seinen Titel im kommenden Jahr gegen den Israeli Boris Gelfand verteidigen. Beide sind Anfang vierzig. Auch andere Weltklassespieler nähern sich allmählich der Schlussgeraden ihrer Laufbahn.

Gerade mit den älteren Spielern verstehe ich mich gut. Ich bin wahrscheinlich ein altmodischer Mensch. Aber Schach ist ein brutales Spiel. Es geht darum, den Gegner dumm aussehen zu lassen. Wir müssen nicht nett zueinander sein. Obwohl mir das am liebsten wäre.

Boris Spassky hat im Weltmeisterschaftskampf 1972 seinem Gegner Bobby Fischer nach einer von dem Amerikaner gewonnenen Partie applaudiert.

So etwas würde ich auch tun. Aber wir leben in anderen Zeiten.

Das Gespräch führte Gerald Braunberger.

Quelle: FAZ.NET
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