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Finale der Schach-WM : In den letzten Zügen

  • -Aktualisiert am

Herausforderer Sergei Karjakin (l.) gegen Weltmeister Magnus Carlsen: „Jetzt entscheiden Nuancen.“ Bild: AFP

Die Schach-WM vor dem Showdown: Vor der zwölften Partie und letzten Partie liegen Magnus Carlsen und sein Herausforderer aus Russland gleichauf. Und nun überrascht Sergej Karjakin mit einer erstaunlichen Rechnung.

          Wenn zwei das Gleiche tun, kommt nicht unbedingt das Gleiche heraus. Sergej Karjakin legte die elfte Partie der Schach-WM in New York so an, wie es ihm Magnus Carlsen vorgemacht hatte. Nach einer Spanischen Eröffnung schien der Herausforderer einen kleinen Vorteil zu haben in einer Stellung, die der ersten und auch dem zweiten Anschein nach eigentlich nur Weiß, also Karjakin, gewinnen konnte. Da bot Carlsen aus heiterem Himmel ein Bauernopfer an. Ging das wirklich?

          Je länger Karjakin über seine Erwiderung grübelte, desto mehr stieg die Begeisterung der Kommentatoren in aller Welt. Sie fanden und zeigten ein Abspiel nach dem anderen, in dem Schwarz besser stand. Nach einer halben Stunde bot Karjakin dann seinen Läufer zum Abtausch an. Es war sein einziger Zug in dieser Partie, auf den er hinterher stolz war. Es war kein Zug, um selbst um Vorteil zu kämpfen, sondern einer, der den Schaden begrenzt.

          So lief diese Partie wie fast das ganze Match zuvor: Karjakins Vorbereitung erwies sich einmal mehr als harmlos, doch in der Defensive zeigte er seine ganze Stärke. Carlsen hatte die Initiative und war einem Sieg näher. Er scherte sich nicht darum, das Materialgleichgewicht auf dem Brett wiederherzustellen, sondern rückte seinen wertvollsten Bauern weit nach vorne. Im Zuschauerraum begannen norwegische Fans, sich Sorgen zu machen, dass ihr Mann wie in der achten Partie zu viel von seiner Stellung verlangte und überzog. Dass er sich in eine Niederlage manövriert. In Wahrheit riskierte Carlsen nichts. Vielmehr war es Karjakin, der auf einem schmalen Grat wandelte. Ein falscher Zug von ihm und Schwarz würde gewinnen.

          Dauerschach und verpasste Bauernwandlung

          Nach 34 Zügen hatten beide das Maximum herausgeholt: Carlsens vorgerückter Bauer stand bereit, sich in eine zweite schwarze Dame umzuwandeln. Doch Karjakins Dame konnte immer wieder so Schach bieten, dass Carlsen weitere Schachgebote nur unter Verlust seines zum Gewinn nötigen Bauern hätte unterbinden können. Dann lieber Schachgebot für Schachgebot ertragen. Ein weiteres Remis war perfekt.

          Eine Punkteteilung mit Schwarz, ohne selbst in Gefahr gekommen zu sein und nachdem er seinem Gegner einige Prüfungen abverlangt hat, das ging für Carlsen auch angesichts der Matchsituation in Ordnung. Es steht 5,5:5,5, und die zwölfte und letzte reguläre Partie (20 Uhr, Liveticker zur Schach-WM auf FAZ.NET) darf er mit Weiß beginnen. Gibt es wieder ein Remis, folgt am Mittwoch ein Stechen mit vier 25-Minuten-Partien. Das frühere Privileg des Weltmeisters, dass ihm ein unentschiedener Matchausgang genügt, um seinen Titel zu behalten, wurde vor zehn Jahren abgeschafft. Zwei von seitdem sechs WM-Kämpfen wurden im Stechen entschieden: 2006 schlug Kramnik Topalow und 2012 Anand Gelfand.

          Carlsen ist nicht nur bei langer Bedenkzeit die Nummer eins, er führt auch die Weltrangliste im sogenannten Schnellschach mit zwischen 15 Minuten und 60 Minuten Bedenkzeit pro Spieler und Partie an. Sowohl in die zwölfte Partie als auch in ein mögliches Stechen geht der Norweger als Favorit. Freilich ist auch Karjakin bei kürzeren Bedenkzeiten stark. 2012 wurde er vor Carlsen Schnellschachweltmeister. Und ihre letzte Begegnung bei verkürzter Bedenkzeit gewann der Russe vor einem Jahr bei der Blitzschach-WM in Berlin so eindrucksvoll, dass Carlsen danach keinen Schlaf fand und am folgenden Tag völlig von der Rolle war.

          Magnus Carlsen am Grübeln und mit den weißen Steinen: Ein Bild, das auch heute Abend wieder zu sehen sein wird.

          Sein schwerster Gegner ist Carlsen selbst. Nicht nur eine Niederlage kann ihn treffen, sondern auch eine Phase, in der er länger nicht gewinnt. Frühere russische Trainingspartner Carlsens wie Wladimir Potkin und Jan Nepomnjaschtschi dürften Karjakin auf die richtige Fährte gebracht haben. Wahrscheinlich auch Wladimir Kramnik, der 2000 ebenfalls als Außenseiter in einen WM-Kampf ging und damals die Angriffswucht und gewöhnlich herausragende Vorbereitung Garri Kasparows geschickt vermied.

          Karjakin hat in New York eine Art Schach-Catenaccio gespielt, die auf Carlsen zugeschnitten war. Nichts riskieren und geduldig auf seine Chancen warten. Die erste bot sich, nachdem er in der dritten und vierten Partie selbst knapp einer Niederlage entkommen war. Karjakin war zur Stelle, setzte aber einmal nicht richtig nach. Im achten Spiel kam sein Konter durch. Carlsens bisher längste Serie ohne eigenen Sieg endete in der zehnten Partie. Sein zuvor angeknackstes Selbstbewusstsein scheint wieder hergestellt. Seine Verfassung am Samstag nannte Carlsen „viel ruhiger als in den letzten Partien.“

          Kampf und Spannung bietet das Match in New York zwar, Gewinnpartien aus einem Guss und neue Ideen hat man allerdings nicht gesehen. „Wenn Sie Kunst wollen, suchen Sie woanders. Hier geht es um das Resultat“, bemerkte Carlsen. Das Match sei so eng, dass jetzt jede Nuance entscheiden könne. Karjakin sagte: „Am Anfang des Matches ging es zu achtzig Prozent um Schach, jetzt geht es zu achtzig Prozent um Psychologie.“



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