http://www.faz.net/-gtl-8nvu1

Finale der Schach-WM : Der lange Weg zum schnellen Ende

  • -Aktualisiert am

Wer holt sich den WM-Titel – Sergej Karjakin (links) oder Magnus Carlsen? Bild: AFP

Das Duell um die Schach-Krone zwischen Carlsen und Karjakin geht in die Verlängerung. Eine Entscheidung muss beim Schnellschach aber keineswegs fallen. Und dann hat der Herausforderer einen Vorteil.

          Magnus Carlsen wirkt wie ausgewechselt. Alle Müdigkeit scheint weggeblasen. Keine sorgenvollen Blicke, kein Stirnreiben, kein verkniffener Mund. So locker und ausgeruht wie nach der zwölften Partie hat man den Schachweltmeister seit Beginn des Titelkampfs nicht mehr gesehen. Warum nur will er in dieser Verfassung nicht Schach spielen? Gerade hat er mit Weiß schamlos ein Remis angesteuert und es nach wenig mehr als einer halben Stunde auch bekommen.

          Es war nicht das subtile Schach, das man sonst von ihm kennt, sondern banales, langweiliges Staubsaugerschach. Nichts riskieren und Figuren vom Brett heruntertauschen, wann immer möglich. Seinem Herausforderer Sergei Karjakin blieb keine Wahl, als mitzumachen, wollte er nicht in Nachteil geraten. Aber er hatte auch nichts dagegen. So einfach ist er noch nie gegen Carlsen zu einem Remis gekommen.

          Vor drei Jahren, in seinem ersten WM-Kampf gegen Anand, hat der Norweger das auf fast die gleiche Weise gemacht. Nur lag er damals zwei Punkte vorn. Gegen Karjakin stand es gleich, und wäre es gelaufen wie in seiner vorigen Weißpartie, die er gewann, bliebe Carlsen zwei weitere Jahre Weltmeister. Nun dagegen ist er an diesem Mittwoch ab 14.00 Uhr New Yorker Zeit, also 20.00 Uhr deutscher Zeit (alle Infos gibt es hier im Liveticker), den Unwägbarkeiten eines Stechens ausgesetzt.

          „Ich entschuldige mich bei allen Schachfans“

          Aber darauf hat er es ja angelegt, oder? „Wir werden sehen.“ Carlsen will nicht einmal verraten, wann er sich zu Staubsaugerschach in der letzten regulären Partie entschieden hat. Sein zufriedenes Grinsen deutet an, dass er ziemlich schnell nach der elften Partie begonnen hat, sich auf die nun folgenden kürzeren Partien einzustellen, während Karjakin sich auf eine weitere Überraschung in der Eröffnung und für viele Stunden Kampf wappnen musste. Immerhin spürt Carlsen, dass er mit seiner zynischen Partieanlage viele vor den Kopf gestoßen hat. „Ich entschuldige mich bei allen Schachfans, die eine lange Partie erwartet haben.“ Zum Ausgleich gebe es ja nun einen Spieltag extra.

          Früher musste der Herausforderer gewinnen, um den Weltmeister abzulösen, während dem Titelverteidiger, wie Kasparow 1987 gegen Karpow oder Kramnik 2004 gegen Leko, ein Unentschieden reichte. Je kürzer die Wettkämpfe wurden, desto stärker fiel dieses Privileg ins Gewicht. Seit vor zehn Jahren die Partienzahl auf zwölf reduziert wurde, wird im Fall eines Unentschiedens gestochen.

          Das Stechen sieht nun vier Partien vor mit je 25 Minuten Grundzeit und vor jedem Zug noch zehn Sekunden Bedenkzeit extra. Karjakin hat in der ersten und dritten Partie Weiß. Falls das sogenannte Schnellschach 2:2 ausgeht, geht es mit Blitzschach weiter: Zwei Partien, damit jeder einmal mit Weiß und einmal mit Schwarz spielt. Pro Spieler fünf Minuten und vor jedem Zug drei Sekunden extra. Werden beide remis oder gibt es je einen Sieger, wird eine weitere Runde angehängt. Zwischen zwei Spielen ist zehn Minuten Pause.

          Ein Stechen kann sechs oder sogar sieben Stunden dauern. Falls nach fünf Blitzrunden oder maximal zehn Blitzpartien immer noch kein Sieger feststeht, entscheidet eine einzige, sogenannte Sudden-Death-Partie: Weiß bekommt fünf Minuten und muss gewinnen, Schwarz hat vier Minuten, dafür reicht ihm ein Remis. Zusätzliche drei Sekunden pro Zug gibt es erst nach sechzig Zügen. Und noch eine Besonderheit des Sudden Death: Während vorher jeweils die Farbverteilung in der ersten Partie einer Runde ausgelost wird, würde das Los nun bestimmen, welcher Spieler die Farbe wählen darf.

          Karjakin hat extreme Nervenstärke bewiesen

          Schon die Vorstellung, dass der Schachweltmeister im Sudden Death ermittelt werden könnte, ist für viele Kenner ein Unding. In einer aktuellen Umfrage der Website Chess.com spricht sich die Hälfte der User dafür aus, dass bei einer WM im klassischen Schach ausschließlich mit langer Bedenkzeit gespielt wird. Das meistgenannte Argument, die Disziplinen getrennt zu halten, ist, dass es im Schnellschach und Blitzschach schließlich eigene Weltranglisten und Weltmeisterschaften gibt. Carlsen führt beide Ranglisten an und hat die letzten beiden Schnellschach-WMs gewonnen.

          Die Stechen sind ein Erbe aus den Titelkämpfen im K.-o.-Modus, die der Weltschachbund Fide 1997 einführte, als der dominierende Spieler Garri Kasparow die Zweikampf-WM privat organisierte. 2004 fand die letzte Fide-WM im K.-o.-Modus statt, doch er lebt im Weltcup fort. An diesem alle zwei Jahre ausgetragenen Wettbewerb nahm Carlsen allerdings zuletzt 2007 teil. Darum hat er wenig Erfahrung in Stechen. Jedenfalls viel weniger als Karjakin, der bei seinem Weltcupsieg voriges Jahr extreme Nervenstärke bewiesen hat.



          Weitere Themen

          Ungläubiges Staunen über Froome

          Giro d’Italia : Ungläubiges Staunen über Froome

          „Er machte den Landis!“: Die spektakuläre Solofahrt des Salbutamol-Patienten ins Rosa Trikot beim Giro d‘Italia verblüfft die Konkurrenz. Doch eine Hypothek kann der britische Tour-Seriensieger nicht abhängen.

          Surferparadies in Dänemark Video-Seite öffnen

          „Cold Hawaii“ : Surferparadies in Dänemark

          Dank seiner meterhohen Wellen und besten Windbedingungen rund ums Jahr lockt Klitmøller Surfer aus aller Welt an. Die Surfszene wächst stetig, und der kleine Ort an der Nordsee bietet alles, was das Surferherz begehrt.

          Topmeldungen

          DSGVO : Was der neue Datenschutz angerichtet hat

          Blogs schließen, Twitter sperrt Nutzerkonten, ein Vereinsvorstand tritt zurück. Nur Facebook kann die Daten seiner Nutzer besser verwerten. Die neuen Datenschutz-Regeln haben kuriose Folgen. FAZ.NET präsentiert eine Auswahl.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.