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Schach-WM in New York : Wo ist das einzigartige Gespür des Magnus Carlsen?

  • -Aktualisiert am

Notizen können nicht schaden: Magnus Carlsen im WM-Duell mit Sergej Karjakin Bild: Reuters

Gegen junge Spieler tut sich der Norweger seither schwer. Das wird im WM-Duell gegen Sergej Karjakin deutlicher denn je. Vielleicht spielt der Schachweltmeister deshalb wie ein Alter?

          Was ist denn nun los? In unübersichtlicher Lage blitzt Magnus Carlsen seine Züge aufs Brett. Ohne vorher groß nachzudenken, hat er einen Bauern geopfert und lockt nun einen Springer weit in sein eigenes Lager, wo der die gefürchteten Gabelangriffe anbringen kann. 13 Züge weit war das Abspiel der Spanischen Eröffnung vorher bekannt, dann spielte Carlsen einen bisher noch nie gesehenen Zug und auch noch seine nächsten zehn Züge zügig herunter, als ob sie alle selbstverständlich wären.

          Klar, alles Vorbereitung. Aber waren ihm scharfe Hauptvarianten, in denen ein Fehlgriff die Partie kosten kann und man Gefahr läuft, dem Gegner geradewegs in dessen Analyse zu laufen, bisher nicht zuwider? Was er seinem Herausforderer Sergei Karjakin in der sechsten Partie der WM in New York vorsetzte, ist doch nicht das Schach von Carlsen, sondern das seines Vorgängers Anand.

          Zuflucht im Schach der älteren Generation

          Dass er auf einmal im Vorbereitungsschach der älteren Generation Zuflucht sucht, ist nicht die einzige Gewissheit über Carlsen, die bei dieser Schach-WM binnen 24 Stunden erschüttert wurde. Am Vortag, in der fünften Partie, hatte er in einer für ihn günstigen Stellung keinen Plan gefunden und beim Herumziehen nach und das Geschehen aus dem Griff verloren. Wo war da Carlsens einzigartiges Gespür? Hinterher war er so in seinen Ärger vertieft, dass vor lauter Stirnreiben und Augenrollen manche Frage an ihm vorbeiging. Beim Verlassen des Fulton Market Building sah man ihn wütend gegen die Tür treten. Von wegen kühler Norweger, der seine Nerven im Griff hat.

          Dann sind da noch die dritte und vierte Partie, in denen der Norweger auf Gewinn stand, aber den richtigen Weg zum vollen Punkt nicht fand. Ausgerechnet der unübertroffene Meister der Chancenverwertung. Sind das alles nur Ausreißer, die nicht ganz ins Bild passen, es aber auch nicht wirklich erschüttern? Oder ist Carlsen gar nicht der, als den wir ihn bisher gesehen haben?

          Springer in Bewegung: Magnus Carlsen geht in die Offensive

          Alle sechs Spiele bisher endeten remis. In den Internetforen wird reichlich darüber gemeckert, denn viele Schachfans lassen nur Siege gelten. Dabei ist die jetzige Serie nicht vergleichbar mit 1984, als Karpow und Kasparow siebzehnmal nacheinander remis spielten, eins langweiliger als das andere, oder mit 1995, als Kasparow Anand mehrmals remis bot, obwohl auf dem Brett noch gar nichts entschieden war. Im aktuellen Titelkampf endete noch kein Spiel, bevor sonnenklar war, dass keiner mehr gewinnen kann. Es waren spannende Partien dabei, die verschiedene Facetten des heutigen Spitzenschachs zeigten.

          Einem Sieg kam Carlsen näher als Karjakin, und er ist immer noch Favorit, aber nicht mehr so klar wie am Anfang. Nicht nur, weil er Nerven zeigt, sondern auch, weil sein Vertrauen erschüttert ist, dass nur er davon profitieren kann, wenn die Partien länger und länger werden. Carlsens stärkste Phase ist bisher der Spielbeginn. Da hatten viele eigentlich mehr von Karjakin und der russischen Analyseküche erwartet. Doch bisher bleibt der Herausforderer genau seinem bisherigen, ziemlich überschaubaren Repertoire treu und ist damit ausrechenbar. „Ich glaube nicht, dass das Match in den Eröffnungen entschieden wird“, sagt Karjakin und findet, „Carlsens Eröffnungsvorbereitung wird von vielen unterschätzt, und ich weiß nicht warum.“ Aber vielleicht hat Karjakin seine Überraschungen ja auch für die zweite Matchhälfte aufgespart.

          Nach den Spielen ist der Russe stets gut aufgelegt. Er lächelt viel, und obwohl er auf Englisch oft ins Stottern gerät, wirkt er von Tag zu Tag selbstsicherer. Während die Fragerunden Carlsen nicht schnell genug vorbei sein können, antwortet Karjakin geduldig. Zu diesem gelassenen Auftreten passt Karjakins Freizeitprogramm. Um abzuschalten unternimmt er lange Spaziergänge quer durch Manhattan. Am spielfreien Tag will er sich zusammen mit seiner Frau Galina auf einem Helikopterflug New York von oben anschauen. Dass das Baby in Moskau bei den Großeltern geblieben, Galina aber mitgekommen ist, beugt dem Lagerkoller vor, der sich in Zweikämpfen früher oft einstellte, wenn ein Spieler nur von Sekundanten umgeben war.

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          Die heutige Generation nutzt dafür das Internet. Die meisten Schach-Helfer reisen nicht mehr an, zumal es dann schwerer wäre, ihre Namen geheim zu halten, die wiederum etwas über die geplanten Eröffnungen verraten könnten. Über Skype lässt sich das Wissen der Spezialisten gezielter und preiswerter anzapfen. Auch das Team Carlsen setzt auf diese Art der Videokommunikation. An den partiefreien Tagen albert der Norweger mit seiner Familie und Freunden herum und powert sich beim Basketballspiel aus. Willige Mitspieler findet er unter den norwegischen Reportern, man kennt sich seit Jahren. In den Titelkämpfen gegen Anand half ihm der Sport, am Brett durchzuhalten, bis der 21 Jahre ältere Inder mürbe war.

          Gegen Karjakin ist die Fitness bisher kein Faktor. Überhaupt fällt auf, dass der 25-jährige Carlsen gegen Ältere erfolgreicher spielt als gegen seine eigene Generation, die er selbst durch seinen kämpferisch-pragmatischen Stil prägt. Eine etwa ausgeglichene Bilanz hat er gegen den zwei Jahre jüngeren Fabiano Caruana und den um vier Jahre jüngeren Anish Giri. Gegen Jan Nepomnjaschtschi, 1990 geboren wie er selbst und mutmaßlich im Team Karjakin als Helfer tätig, ist Carlsen sogar im Minus. Vielleicht erleben wir gerade, wie der Carlsen, den wir kennen, sich ändert, um seiner eigenen Generation Herr zu bleiben.



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