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Schach-WM in New York : Das pure Glück des Magnus Carlsen

  • -Aktualisiert am

So glücklich wie selten: Magnus Carlsen gelingt der Ausgleich. Bild: AFP

Bei der Schach-WM ist für Weltmeister Magnus Carlsen wieder alles offen. Trotz einer Niederlage lächelt Herausforderer Sergej Karjakin – und verrät seine Strategie für die letzten beiden Partien.

          Zu den Eigenheiten des modernen Schachs gehört, dass die Zuschauer mehr wissen als die Champions am Brett. Rechenfehler oder Überseher werden von Computern gnadenlos aufgedeckt. Als „Engines“ bezeichnete Schachprogramme zeigen, wie es bei bestem Spiel weiterginge, und geben jeder Stellung einen numerischen Wert. Als Magnus Carlsen in der zehnten Partie der Schach-WM einen Läufer abtauscht, sinkt dieser Wert von 0,2, also Minivorteil für den mit Weiß spielenden Weltmeister, schlagartig auf 0,0. Die Engines zeigen auch, dass beide Spieler nun nichts Besseres haben, als dass der weiße König und ein schwarzer Springer zwischen den jeweils gleichen Feldern hin- und herpendeln: Zugwiederholung, ein technisches Remis. Als sein Herausforderer Sergej Karjakin den Läufer zurückschlägt, sieht Carlsen es auch. Er braucht einen Ausweg. Es sind ja nur noch drei Partien, und mindestens eine davon muss er gewinnen, um seine verlorene achte Partie auszugleichen. Doch er hat nur einen Zug, nach dem Schwarz nicht sofort in Vorteil kommt.

          Das wird gleich ein Remis, sind sich jetzt alle Beobachter einig. Die norwegischen Zuschauer sind entsetzt. Was hat ihr Magnus angerichtet? Als Carlsen endlich den angegriffenen Springer zieht, schlittert er mit der Figur über die eigene Dame und bringt sie zu Fall. Schnell stellt er die Dame zurück auf ihr Feld und drückt die Uhr. Wenn Karjakin mit seinem Springer Carlsens Bauern schlägt, kommt die Remisschaukel in Gang. Nun geschieht, zumindest aus norwegischer Sicht, ein kleines Wunder. Karjakin denkt nicht mal eine Minute nach und spielt einen Bauernzug.

          Kompliziert und listig

          Nun könnte Carlsen die Remiswendung seinerseits mit einem Bauernschritt verhindern. Doch er zieht mit der Dame. Zockt er? Wenn Karjakin es gerade nicht gesehen hat, wird er es auch jetzt nicht sehen? Immerhin ist es komplizierter. Der Russe müsste nun auch noch einen listigen Damenzug finden, der durch den Wegzug eines Springers mit Schachgebot die gegnerische Dame zu erobern droht. Wieder ist das Publikum darauf gefasst, dass das Spiel gleich zu Ende ist. Karjakin nimmt sich Zeit. Acht Minuten verrinnen, bevor er den Springer zurückzieht, statt Carlsens Bauern zu schlagen. Kollektives Aufatmen bei den Norwegern und bei den Zuschauern, die sich für 75 bis 600 Dollar Eintrittsgeld mehr erwartet haben als ein Remis in 25 Zügen.

          Damen und Springer werden getauscht, und ein Endspiel ist auf dem Brett. Carlsen hat wieder Vorteil, es ist nicht viel, aber es ist klar, dass nur er auf Gewinn spielen kann. Es ist genau die Art Stellung, die er haben will. Aus wenig viel zu machen ist seine Spezialität. Geduldig verhindert er, dass Karjakin aktiv werden kann, und bereitet eigene Durchbrüche auf beiden Flügeln vor. Doch er bricht nicht durch, sondern zieht mit den Türmen hin und her. Über eine Stunde lang scheint auf dem Brett nichts voranzugehen. Es hat den Anschein, dass er Karjakin nur Bedenkzeit abluchsen will, um die Chance auf Fehler zu erhöhen, wenn er endlich zuschlägt. Tatsächlich hat Carlsen seinen Gegner in eine Art Zugzwang gebracht. Schwarz würde am liebsten passen, weil jede seiner Figuren am besten von da aus verteidigt, wo sie schon steht.

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          Als Karjakin in der Zugzwangsituation nicht das kleinste Übel findet, ist es so weit. Nach fast sechs Stunden zieht Carlsen seinen Bauern auf der b-Linie: Linienöffnung am Damenflügel, spontaner Jubel im Zuschauerraum. Die Spieler in ihrer Glaskammer können es nicht hören. Sie sehen auch nicht, dass die Computerbewertung von 0,6 auf 1,7 springt. Das ist auf einmal ein klarer Vorteil für Carlsen. Eine halbe Stunde später hat er die Partie gewonnen und strahlt. Jon Ludwig Hammer, ein Freund seit Kindestagen und langjähriger Trainingspartner, sagt, er habe ihn noch nie so glücklich gesehen. Carlsen sagt, er sei „extrem erleichtert“.

          Noch nie in seiner Karriere habe er so lange nicht gewonnen. Neun sieglose WM-Partien und das letzte sieglose Spiel bei der Schacholympiade haben an ihm genagt. Nach seiner Niederlage am Montag hielt er es nicht länger als eineinhalb Minuten aus, auf die Pflicht-Fragerunde zu warten, und flüchtete. Dafür werden ihm 30.000 Euro vom Preisgeld abgezogen, wenn er das nun 5:5 stehende Match gewinnt, oder 20.000 Euro, falls er es verliert. Im Gegensatz zu Carlsen trägt Karjakin seine Niederlage mit Fassung. „Ich habe verloren, weil er gut gespielt und viele Probleme gestellt hat.“ Wie will er die letzten zwei regulären Partien angehen? Er werde versuchen, nicht zu patzen. Und da lächelt er schon wieder.



          Weiß: Carlsen

          Schwarz: Karjakin

          Spanische Partie

          1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.d3 Lc5 5.c3 0-0 6.Lg5 h6 7.Lh4 Le7 8.0-0 d6 9.Sbd2 Sh5 10.Lxe7 Dxe7 11.Sc4 Sf4 12.Se3 Df6 13.g3 Sh3+ 14.Kh1 Se7 15.Lc4 c6 16.Lb3 Sg6 17.De2 a5 18.a4 Le6 19.Lxe6 fxe6 20.Sd2 d5 21.Dh5 Sg5 22.h4 Sf3 23.Sxf3 Dxf3+ 24.Dxf3 Txf3 25.Kg2 Tf7 26.Tfe1 h5 27.Sf1 Kf8 28.Sd2 Ke7 29.Te2 Kd6 30.Sf3 Taf8 31.Sg5 Te7 32.Tae1 Tfe8 33.Sf3 Sh8 34.d4 exd4 35.Sxd4 g6 36.Te3 Sf7 37.e5+ Kd7 38.Tf3 Sh6 39.Tf6 Tg7 40.b4 axb4 41.cxb4 Sg8 42.Tf3 Sh6 43.a5 Sf5 44.Sb3 Kc7 45.Sc5 Kb8 46.Tb1 Ka7 47.Td3 Tc7 48.Ta3 Sd4 49.Td1 Sf5 50.Kh3 Sh6 51.f3 Tf7 52.Td4 Sf5 53.Td2 Th7 54.Tb3 Tee7 55.Tdd3 Th8 56.Tb1 Thh7 57.b5 cxb5 58.Txb5 d4 59.Tb6 Tc7 60.Sxe6 Tc3 61.Sf4 Thc7 62.Sd5 Txd3 63.Sxc7 Kb8 64.Sb5 Kc8 65.Txg6 Txf3 66.Kg2 Tb3 67.Sd6+ Sxd6 68.Txd6 Te3 69.e6 Kc7 70.Txd4 Txe6 71.Td5 Th6 72.Kf3 Kb8 73.Kf4 Ka7 74.Kg5 Th8 75.Kf6 1-0

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