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Rudern : Ein deutsches Leben

Brachte Sportler an ihre Leistungsgrenze: Ruder-Trainer Karl Adam Bild: dpa

Er war als Trainer für zwei unvergessene Nachkriegs-Höhepunkte verantwortlich, wurde zum Lebenslehrer einer Ruderer-Generation und zur Sport-Legende. Über drei Jahrzehnte nach seinem Tod decken Sportjournalisten seine Nazi-Vergangenheit auf. Heute wäre Karl Adam 100 Jahre alt geworden.

          Ein einziges Buch kann ein ganzes Leben leiten: Bei Karl Adam, dem legendären Rudertrainer von Ratzeburg, war es ein Roman: „Cashel Byrons Beruf“ von George Bernard Shaw aus dem Jahr 1882. Die Handlung: Ein Preisboxer wirbt um eine reiche und noble Aristokratin, verheimlicht ihr zunächst seine - damals verbotene - Profession, schafft aber schließlich den Aufstieg in die gute Gesellschaft. „Ich fühle mich wie Cashel im Salon“, schrieb Adam über die Lektüre seiner Jugendzeit, „und will genau dasselbe tun wie er: Das Leistungsverhalten des Menschen im Sport als Modell benutzen für sein Leistungsverhalten überhaupt.“

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Dieser Gedanke - so einfach wie kühn - hat Adam zum „Ruderprofessor“ werden lassen, zum faszinierenden Pädagogen, zum Erfolgstrainer und zum Lebenslehrer, zur Leitfigur einer Ruderer-Generation, zur Legende. Adams Achter gewannen zwei olympische Goldmedaillen, zwei Welt- und fünf Europameistertitel. Er ist der Vater des „Deutschland-Achters“. Die Olympiasiege 1960 in Rom und 1968 in Mexiko-Stadt gehören zu den unvergessenen Nachkriegs-Highlights der deutschen Sportgeschichte, gleich nach dem „Wunder von Bern“ 1954 und ähnlich wie Hans Günter Winklers Stockholmer Heldenritt auf Halla 1956. Und viele von Adams Athleten sind nach ihren Sportkarrieren tatsächlich Cashels Byrons Werdegang gefolgt: Sie machten auch beruflich und gesellschaftlich ihren Weg.

          Neuentdeckungen zu seinem Leben

          Nun lichten sich bereits die Reihen seiner Schüler, doch Adam wird an diesem Mittwoch trotzdem groß gefeiert - er wäre 100 Jahre alt geworden. An Adams Wirkungsstätte in Ratzeburg wird der Philosoph und Olympiasieger von 1960, Hans Lenk, eine Rede halten. Und die Sportjournalisten Dirk Andresen und Timo Reinke werden aus ihrem Karl-Adam-Buch vorlesen, das am 9. Juli erscheint (Audiotex, Ratzeburg). Ein Buch - 36 Jahre nach seinem frühen Tod - voller Neuentdeckungen zu Adams Leben.

          Über die Nazi-Zeit sprach er nicht gern

          In einer Zeit, in der viele Väter gefallen, verstummt, politisch diskreditiert oder vom Krieg traumatisiert waren, bot er seinen jungen Eleven zwar die ersehnte Orientierung. Doch über Nazi-Zeit und Krieg sprach auch Adam nicht gern. 1912 wurde er in Vorhalle/Hagen (Westfalen) geboren, bei Hitlers Machtergreifung war er 20, bei Kriegsausbruch 27 Jahre alt. Wie ein großer Teil seiner Generation durchlebte er Schuld und Schrecken seiner Zeit und musste sehen, wie er nach Kriegsende mit der Vergangenheit zurechtkam. Ein deutsches Leben - auch dafür steht der Ruderprofessor Karl Adam.

          Ein Jahr SA, Lehrer an der Napola, NSDAP-Mitglied

          Am 11. November 1947 erschien Adam vor dem Entnazifizierungsausschuss in Itzehoe zur Anhörung. Er wollte in den Schuldienst zurückkehren, doch er musste bangen. Mindestens drei Anlässe zur Kritik hätte der Ausschuss haben können: Adam gehörte ein Jahr lang der SA an. Er war Lehrer an der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt (Napola) in Bensberg, einer Nazi-Eliteschule. Und er war Mitglied der NSDAP.

          Im November 1933 hatte Adam an einem Aufmarsch von 2500 Studenten auf dem Universitätssportplatz in Münster teilgenommen. Alle marschierten zum Domplatz und wurden dort in einem feierlichen Akt in die SA überführt und vereidigt. 3300 von 3613 männlichen Studenten in Münster wurden SA-Mitglieder, eine Verweigerung hätte negative Folgen nach sich gezogen. Ein Jahr später trat Adam in den Deutschen Luftsport-Verband ein, so dass seine SA-Mitgliedschaft überflüssig wurde. Zur Napola wurde er 1939 sanft gedrängt, schließlich war Adam nicht nur Lehrer für Mathematik und Physik, sondern auch für Leibesübungen und selbst eine Sportkanone. 1937 wurde er etwa Studentenweltmeister im Boxen, allerdings mit nur einem einzigen Kampf. Zu den Weltspielen in Paris waren nur drei Schwergewichtler angetreten, Adam hatte Glück und zog durch Freilos direkt ins Finale ein. Dort traf er auf den Franzosen Gallienne, den er durch Abbruch in der zweiten Runde besiegte.

          Kraftübungen mit vernarbtem Arm

          Bei der Anhörung in Itzehoe berief Adam sich auf die Briefe zweier Freunde, die bezeugten, dass er kein Nationalsozialist gewesen sei. Er habe den Nazis „innerlich völlig ablehnend“ gegenübergestanden, heißt es an einer Stelle. Die Richter folgten ihm, er wurde in die Kategorie V eingestuft - entlastet. Damit konnte Karl Adam wieder unterrichten und trat kurz darauf seine Stelle an der Ratzeburger Gelehrtenschule an. Er unterrichtete Mathematik und Physik und baute die Ruder-Riege der Schule auf, obwohl er selbst nie Rudern als Leistungssport betrieben hatte.

          Er brachte schmerzhafte Erinnerungen an die Nazizeit mit: Als Unteroffizier und Geschützführer war er in der Normandie schwer verwundet worden. Ein Granatsplitter zertrümmerte die Knochen seines linken Unterarms und zerriss an zwei Stellen den Dünndarm. Der Anblick seines vernarbten Arms, mit dem er Kraftübungen vorführte, hat sich Adams Ruderern tief eingeprägt.

          Ratzeburger Ruder-Mekka

          Mit Akribie und Inspiration entwickelte er das Ratzeburger Ruder-Mekka. Adam führte das Intervalltraining ein, intensivierte das Hanteltraining, verbesserte die Rudertechnik, modifizierte Bootsrisse, führte verstellbare Ausleger ein - mit überragenden Ergebnissen. Obwohl es um den Küchensee nun schon seit Jahrzehnten wieder ruhig geworden ist, kommen noch immer Touristen, die von Adams Legende wissen. Für das Ende der Ratzeburger Ära hat Adam nach rund zwanzig Jahren Arbeit selbst gesorgt. Er gab alle seine Erkenntnisse freudig an die Abgesandten der Konkurrenz weiter und hielt sogar Vorträge in den Vereinigten Staaten. Bald profitierten alle von seinen Ideen - nicht unbedingt zur Freude seines Verbandes und einiger seiner Ruderer.

          Doch Adam wich nicht von seiner Überzeugung ab, dass jeder Athlet ein Recht habe auf das beste Training und das beste Material. Trotz aller Erfolgsmentalität blieb er ein Leben lang leidenschaftlicher Pädagoge. Adam war sicher, dass nur die selbst erbrachte Eigenleistung wirklich zählt. „Als Lehrer, der die Aufsicht bei Klassenarbeiten führte“, berichtete etwa einer seiner einstigen Schüler, der Fotograf Hans-Jürgen Wohlfahrt, „verschanzte er sich hinter einer Zeitung. Ohne Guckloch, versteht sich! Wer abschreibt, Leistungen erschleicht, vortäuscht, meinte Adam, würde später durch das Leben selbst bestraft.“

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