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Rollstuhlbasketball Botschaft mit goldenem Schimmer

 ·  Die Rollstuhlbasketballer des Hamburger SV wollen den Rückenwind der Paralympics nutzen. Ihre Spielerin Edina Müller, die bei den Paralympics in London Gold holte, soll dabei helfen.

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© picture alliance / dpa Mitbringsel in Gold: Edina Müller

Nicht nur wegen ihrer blonden Haare sticht Edina Müller an diesem letzten Trainingsabend des Jahres heraus - das schwarze T-Shirt mit der Aufschrift „I love Köln“ ist eine mutige Aussage, wenn man an Wochenenden doch im Trikot mit der HSV-Raute spielt. Fernab der Äußerlichkeiten fällt die 29 Jahre alte Rollstuhlbasketballerin durch traumwandlerische Sicherheit unter dem Korb auf: Während fast alle ihrer Mitspieler an diesem Abend mehrmals die Gelegenheit nutzen, laut zu fluchen, weil sie trotz bester Wurfposition nur Ring oder Brett treffen, rauschen Edina Müllers Würfe durch den Korb.

Es geht um nichts, es ist nur Training, ein entspanntes zudem, denn die Bundesligamannschaft des Hamburger SV hat zwei Tage vorher ein Spiel gegen den Abstieg in Jena gewonnen. Da kann man schon mal auftrumpfen. Dass sie es aber auch unter größtem Druck kann, hat Edina Müller am 7. September bewiesen: London, Paralympics, das Finale im Rollstuhlbasketball der Frauen. Deutschland gegen Australien. Es ist eng, die Deutschen führen mit vier Punkten, als Bundestrainer Holger Glinicki sie einwechselt. Edina Müller gelingen sechs Punkte nacheinander. Diese Führung gibt Deutschland nicht mehr her und holt am Ende durch ein 58:44 die Goldmedaille. Mit dem Erfolg an sich geht Edina Müller entspannt um: „Wir waren ja vier Jahre zuvor in Peking schon Zweiter und auch bei der WM 2011 im Finale. Da haben wir mit einem Korb gegen die USA verloren. Insofern hatten wir uns natürlich etwas ausgerechnet.“

Heilpädagogin und Olympiasiegerin

Die Begeisterung, die sich in Deutschland an die Goldmedaille anschloss, hat auch Edina Müller verändert: Sie ist ein Medienprofi geworden und bewegt sich ganz selbstverständlich auf den Bühnen der vielen Ehrungen. Der achte Platz bei der Wahl zur „Mannschaft des Jahres“ war die vorerst letzte große Auszeichnung in diesem Jahr. Aus der Mitleidsecke ist dieser Sport längst herausgerückt. In Edina Müllers Beruf als Diplom-Heilpädagogin am Berufsgenossenschaftlichen Unfallkrankenhaus in Hamburg-Boberg wissen die wenigsten Patienten, wer sie da gerade behandelt. Seit November arbeitet sie hier, meist mit querschnittgelähmten Patienten. Sie hilft ihnen, im Rollstuhl mobil zu machen, durch Kräftigung der Brust- und Oberarmmuskulatur etwa. Dazu stehen moderne Kraftsportgeräte bereit. Ihr kommt hier zugute, dass sie selbst seit 13 Jahren Rollstuhlfahrerin ist. Sie sagt: „Es ist ein Unterschied, ob der Therapeut ein Fußgänger ist oder nicht.“

Abends, beim Training im Stadtteil Wandsbek, verschwimmt die Unterscheidung zwischen Fußgänger und Rollstuhlfahrer. Im HSV-Bundesliga-Team, bestückt mit Frauen und Männern, gibt es Menschen mit verschiedenen Behinderungen. Manche sind gelähmt, manchen fehlt ein Bein oder ein Fuß. Als es plötzlich knallt, weil nach einem krachenden Zusammenstoß zweier Rollstühle eine Speiche bricht, springt ein Mitspieler Edina Müllers aus dem Sportgerät und holt Ersatz. Das ist Inklusion aus dem Lehrbuch, wie sie sich Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes, wohl gar nicht schöner ausmalen könnte. Die teils überbordende Diskussion um Inklusion, die Teilhabe von Menschen mit Behinderung am Sport solcher ohne Behinderung, amüsiert Holger Glinicki eher. Der Bundestrainer ist auch Cheftrainer des HSV. Er sagt: „Für uns ist Inklusion seit 20 Jahren Alltag. Hier redet keiner mehr drüber.“

Am Anfang etwas zögernd

Glinicki ist seit einem Motorradunfall 1972 auf den Rollstuhl angewiesen. Als Bundestrainer profitiert er davon, dass im deutschen Ligenbetrieb Frauen und Männer mangels Masse in einer Mannschaft spielen: „Die Frauen-Nationalmannschaft wird dadurch stetig besser“, sagt er und schiebt lächelnd nach: „Das ist auch eine Form von Inklusion.“ Seit den Londoner Tagen gießt er die zarte Pflanze Hoffnung noch etwas sorgfältiger als früher. Er hat gemerkt, was Paralympics-Gold bewirken kann. Er weiß auch, wie sehr eine eloquente Frau wie Edina Müller helfen kann, mit dem Rollstuhlbasketball plötzlich auf die Agenda der Sportpolitik zu gelangen. Dabei hatte es im Sommer 2011 gar nicht so ausgesehen, als würde sich Müller in Hamburg zu einem Star ihrer Sportart entwickeln. Glinicki erlebte seinen Zugang vom RSV Bonn als wenig selbstbewusst und zögerlich. Zwar hatte Edina Müller von 2006 bis 2008 beim kanadischen Kulttrainer Michael Frogley in Illinois entscheidend dazugelernt. Doch erst der Wechsel nach Hamburg zu Glinicki löste Müllers Bonner Blockade.

Hier soll sie mithelfen, aus dem Abstiegskandidaten HSV ein Erfolgsteam zu bauen. Nachhaltigkeit ist das Zauberwort. Intern hat sich die Hamburger Sportbehörde schon entschieden, dass der Rollstuhlbasketball bald neben Hockey, Rudern, Schwimmen, Beachvolleyball und Segeln zu den Schwerpunktsportarten gehören soll. Der Londoner Erfolg mit den HSV-Nationalspielerinnen Edina Müller und Maya Lindholm hat den entscheidenden Schub gebracht. „Wir müssen das Eisen schmieden, solange es heiß ist“, sagt Glinicki. In einer Szene, die sich zunehmend professionalisiert und Etats aufstellt, aus denen Profis bezahlt werden, will der HSV nicht mehr hinterherlaufen.

Europameisterschaft in Frankfurt

Das Vorbild könnte dabei der Deutsche Meister RSV Lahn-Dill sein: In Wetzlar sind 2000 Zuschauer keine Ausnahme bei Heimspielen. Natürlich sind solche Zahlen noch weit weg, und der Leistungsunterschied ist groß: Die Partie gegen die Übermacht aus Wetzlar verlor der HSV 47:84. Aber es bewegt sich trotzdem etwas. Der HSV liebäugelt mit einem Umzug nach Wilhelmsburg. Dort soll der hiesige Rollstuhlbasketball eine Heimat modernster Prägung bekommen. Und die Europameisterschaft im Sommer in Frankfurt soll ein großes Fest des Rollstuhlbasketballs werden.

Edina Müller nimmt solche Ziele eher gelassen hin. Der Alltag im selten barrierefreien Hamburg hält genug Herausforderungen bereit. Ob der Londoner Erfolg ihr Leben verändert hat? Sie sagt: „Das würde ich nicht sagen. Der Alltag schluckt viel, die Normalität kommt von allein. Aber mein Interesse ist schon, dass mehr Leute unseren Sport kennenlernen. Insofern fühle ich mich als Botschafterin des Rollstuhlbasketballs.“ Dabei wären ihr ein paar mehr Zuschauer beim nächsten Spiel sicher lieber als die nächste Ehrung, das nächste Interview.

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