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Ringen in der Neuzeit Auf den weichen Matten

In dem Partnertausch-Roman „Eine Mittelgewichts-Ehe“ aus dem Jahr 1974 lehrt eine der Hauptfiguren, Severin Winter, Deutsch an einem College. Gleichzeitig trainiert er dort die Ringermannschaft.

© dpa Vergrößern Bestseller-Autor John Irving: Ringen und Romane schreiben

Der amerikanische Schriftsteller John Irving wusste angeblich mit neunzehn Jahren genau, was er im Rest seines Lebens machen wollte: ringen und Romane schreiben. Er findet sowieso, es sei dasselbe. Darum taucht dieser archaische Sport auch immer wieder in seinen Büchern auf. In dem Partnertausch-Roman „Eine Mittelgewichts-Ehe“ aus dem Jahr 1974 lehrt eine der Hauptfiguren, Severin Winter, Deutsch an einem College. Gleichzeitig trainiert er dort die Ringermannschaft. Winter hat diesen Sport früher selbst ausgeübt, aber die wichtigen Kämpfe immer verloren, weil er jedes Mal einen entscheidenden Fehler machte. Der Genetik-Student George James Bender ist sein bester Mann.

„Severin beschloss, dass er selbst mit George James Bender würde ringen müssen. Er trainierte immer noch mit seinen Ringern, und er hatte sich in guter Form gehalten, aber er rang mit keinem von ihnen je über die volle Trainingsdistanz. Trotzdem, er war so gut gewesen, dass er selbst heute noch den meisten von ihnen leicht überlegen war. Er hätte sich den Kopf abschneiden müssen, um in seiner alten 72-Kilo-Klasse Gewicht zu machen, aber er lief täglich oder fuhr auf seinem Rennrad, und er stemmte Gewichte. Nichtsdestotrotz war er kein Gegner für Bender; er wusste, dass er nie ein Gegner für Bender gewesen wäre - selbst als austrainierter Wettkämpfer vor mehr als zehn Jahren nicht. Aber im August war niemand anders da, und auch wenn seine anderen Ringer im September an die Universität zurückkehrten, würden sie Benders Kondition, geschweige denn seiner Klasse, nicht gewachsen sein...

Severin Winter war wahnsinnig. Am späten Vormittag hatte die Ringerhalle über 38 Grad, obwohl sie die Tür offen ließen. Die Matte fühlte sich heiß an. „Aber sie sind teigig“, sagte Winter. ,Eine Art teigiges Plastik. Wenn es heiß ist, sind sie sehr weich.’

Jeden Tag traf er sich mit Bender und versuchte, lange genug durchzuhalten, um den Jungen voll zu trainieren. Wenn Severin ausruhen musste, lief Bender auf der alten Holzbahn Runden, rasend schnell, während Winter auf den weichen, warmen Matten lag, in die Sonne starrte und zuhörte, wie sein Herz im Gleichklang mit Benders hämmernden Schritten hämmerte. Dann gingen sie wieder ran, bis Severin aufhören musste. Er verließ den Käfig und setzte sich zum Abkühlen in den Schatten, während Bender seine Wahnsinnsrennerei wieder aufnahm. Aus dem großen, offenen Käfig waberte die Hitze in jenen Wellen, wie Spiegelverzerrungen, die man im Sommer auf einer Autobahn aufsteigen sieht. Ein Dauerberieselungssystem verhinderte, dass der Aschenboden sich in Staub verwandelte.

,Warum’, fragte ich Severin, ,läuft dieser Idiot Bender bei diesem Wetter nicht draußen?’ Es war ein schattiger Campus; die Wege waren von Studenten verlassen; den Fluss entlang herrschte immer eine kühle Brise.
,Er schwitzt gern’, sagte Winter. ,Das wirst du nie verstehen.’

Ich war mit meinen Kindern unterwegs zu den Spielplätzen hinter dem alten Käfig, als ich Severin, an einer vereinzelten Ulme zusammengesackt, vor der Käfigtür sitzen sah. ,Hör dir den an’, keuchte Severin mich an; er konnte kaum reden; sein normaler Atem blieb noch ein paar Minuten weg. ,Schau mal rein.’
Ich zwang mich, den dampfenden, dumpfen Ort zu betreten. Die Luft erstickte einen. Ein Hämmern, so rhythmisch wie das grobe Stampfen einer Maschine, hallte stetig um die Bahn. George James Bender wurde für die Dauer einer Halbmondkehre sichtbar; dann verschwand er über meinem Kopf. Er trug einen Sweatsuit über einem dieser Gummianzüge mit elastischen Bündchen an Hals, Knöcheln und Handgelenken; der Schweiß hatte ihn durchtränkt und ließ seine Schuhe wie die eines Seemanns quietschen.

Winter tippte sich an den triefenden Kopf. ,Das nenne ich einen Tunnel’, sagte er bewundernd. ,Weißt du, was du im Kopf haben musst, um das zu tun?’
Ich sah Bender eine Weile zu. Er lief ungeschlacht, aber er sah so unbeirrbar aus wie die Gezeiten - wie der Bote des Altertums, der bei seiner Ankunft sterben würde, aber niemals früher. ,Ich kann mir nicht vorstellen, dass man dabei irgend etwas im Kopf haben könnte’, sagte ich.

,Ja, genau das ist es’, sagte Winter. ,Aber versuch es mal. Versuch, das reine Nichts im Kopf zu haben. Das ist es, was die Leute nicht verstehen. Es braucht beträchtliche geistige Energie, nicht daran zu denken, was man tut.’
An diesen heißen Augusttagen ging ich mir jeweils ansehen, wie Severin von Bender fertiggemacht wurde. Manchmal wurde er so müde, dass Bender derjenige war, der ihm sagte, wann er aufhören musste. ,Ich lauf mal ein paar’, sagte er dann und stand von Winter auf, der genauso liegen blieb, wie Bender ihn hatte liegen lassen, und den Gebrauch von Armen und Beinen wiedergewann und das Atmen wiederentdeckte. Wenn er mich sah, wedelte er mit dem Finger und versuchte es ein paar Minuten später mit Reden. „Kommst du dir ansehen ... wie ich ... Prügel kriege?’

Er grinste. Auf seinen Zähnen lag ein feiner Blutschaum.“

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Aus: John Irving Eine Mittelgewichts-Ehe, Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl, © 1986 Diogenes Verlag AG, Zürich

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 17.02.2013, 12:31 Uhr

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