10.07.2001 · Wieviel Zeitmanagement-Tipps kann ich verarbeiten und sinnvoll umsetzen? Antworten gibt Axel Schlote in: „Zeit genug. Wege zum persönlichen Zeitwohlstand“.
Von Jan FriedmannZeitmanagement-Seminare versprechen einen effektiveren Umgang mit Zeit - in acht Stunden. Ratgeber stellen eine Erhöhung der Leistungskraft in Aussicht - während der Arbeit und in der Freizeit. Wer seinen Umgang mit Zeit verändern und sich dafür mit Zeitmanagement-Literatur auseinandersetzen möchte, hat die Qual der Wahl. Und setzt sich zugleich unter Zeitdruck: Wieviel Tipps kann ich verarbeiten und sinnvoll umsetzen? Dass ein gelungener Umgang mit Zeit auch ohne Ratgeber möglich ist, belegt - ein weiterer Ratgeber: „Zeit genug. Wege zum persönlichen Zeitwohlstand“, geschrieben vom Sozialwissenschaftler Axel Schlote.
Zeitwohlstand statt Zeitmanagement
„Zeit genug“ ist kein Buch über Zeitmanagement, denn das ist eine „Illusion“. Schlote setzt der Formel „Zeitmanagement“ den Begriff des „Zeitwohlstandes“ entgegen.Wo Zeitmanagement mehr Zeit verspricht, stellt „Zeit genug!“ eine bessere Zeit in Aussicht. „Zeitwohlstand“ ist Resultat eines Lernprozesses - ohne simple Ratgeberrezepte.
„Zeitwohlstand“ meint keinen materiellen Wert, sondern das Privileg, innerhalb der bestehenden Sachzwänge und der sozialen Verpflichtungen selbst über die eigene Zeit bestimmen zu können. Vielleicht wird in Zukunft nicht der volle Terminkalender ein Statussymbol sein, sondern der leere.
Zeit ist von Menschen gemacht
Schlotes Buch ist ein Ratgeber nach der kulturwissenschaftlichen Wende der Zeitdiskussion durch den Soziologen Norbert Elias. Elias stellt in seinem Buch „Über die Zeit“ die These auf, Zeit sei nicht nur eine physikalische Größe, sondern ebenso ein soziales Konstrukt: Die Menschen haben die Zeit erfunden, um ihr Miteinander zu koordinieren. Die heutige Fixierung auf die Uhrzeit und die aus ihr resultierende Zeitökonomie sind also nicht naturgegeben, sondern das Ergebnis einer gesellschaftlichen Vereinbarung.
Elias' These wird von ethnologischen Untersuchungen gestützt. Der amerikanische Sozialpsychologe Robert Levine zeigt in seinem 1998 erschienenen Buch „Eine Landkarte der Zeit. Wie Kulturen mit Zeit umgehen“, wie sich Zeitvorstellungen in verschiedenen Kulturkreisen unterscheiden. So dauert beispielsweise beim westafrikanischen Volk der Dogon das Wochenende drei bis vier Tage. Levine stellt eine weltweite Landkarte der Zeiten auf, geordnet nach Beschleunigungsgrad und Rationalisierung der Zeit. Auf dieser Landkarte rangiert Deutschland hinter den schnellsten Ländern Schweiz und Irland an dritter Stelle.
Time is running
Schlotes Buch widmet sich nun dieser sozial definierten Zeit in den westlichen Industrieländern und nimmt die hiesigen Zeitkonventionen unter die Lupe. Seine Kritik: Die Beschleunigung der Zeit hat zur Folge, dass auch der Zeitdruck wächst. Dieser Zeitdruck äußert sich in psychosomatischen Störungen, in innerer Unruhe und Versagensängsten, aber auch in Langeweile und innerer Leere in Ruhephasen. Die Ökonomisierung der Zeit führe nicht etwa zu mehr Freizeit, sondern zu höherem Stress.
Schlote belegt diesen Zusammenhang mit einer einfachen Modellrechnung: Wer ein Arbeitspensum von zehn Stunden in acht Stunden erledigt, erhält für jede Stunde einen erhöhten Effektivitätsquotienten. Um diesen Quotienten beizubehalten, muss er aber auch in den „gewonnenen“ zwei Stunden mit derselben Geschwindigkeit weiterarbeiten - sonst hätte ja das Einsparen keinen Sinn gemacht. So führt das Gesetz der Zeitökonomie, wenn es konsequent angewandt wird, zu einer Spirale der Beschleunigung.
Alles zu seiner Zeit
Nun könnte „Zeit genug!“ nicht in einer Reihe für berufliche Fortbildung erscheinen, würde es sich nicht mit der klassischen Ratgeberliteratur auseinandersetzen. Schlote lehnt solche Zeitmanagement-Methoden nicht generell ab, weist ihnen aber einen angemessenen Platz zu: Effizienz ist wichtig - in bestimmten Bereichen. Die Festsetzung von persönlichen Prioritäten kann hilfreich sein. Aber die in manchen Ratgebern empfohlene schriftliche Fixierung von Lebenszielen mehrere Jahre im voraus erscheint bei genauerem Hinsehen als nachgerade absurd.
„Zeit genug“ propagiert einen sensibleren Umgang mit Zeit. Dazu schlägt der Autor einen Dreischritt vor: Zunächt soll die eigene „Zeitpersönlichkeit“ ermittelt werden, indem unter anderem Arbeitsweise und persönliches Umfeld analysiert werden. In der nächste Stufe sollen Übungen die eigene Zeitsensibilität erhöhen. Im letzten Schritt sollen dann Formen des persönlichen Zeitwohlstandes erprobt werden.
„Zeitwohlstand“ bedeutet nicht den vollständigen Ausstieg aus der Zeitökonomie. „Zeitwohlstand“ umfasst aber die Fähigkeit zur kritischen Zeitreflexion und eine gewisse Distanz gegenüber den Methoden des Zeitsparens. Zur beschränkten Tragweite solcher Methoden sagte Woody Allen in unvergleichlicher Weise: „Ich habe einmal einen Kurs im Schnelllesen mitgemacht und bin nun in der Lage, 'Krieg und Frieden' in zwanzig Minuten durchzulesen. Es handelt von Russland.“