24.10.2008 · Die deutschen Reiterfunktionäre stehen unter Druck und wenden sich gegen die eigenen Sportler. Sie geben sich selbst die Sporen - doch diesmal könnten die Aktiven sich wehren.
Von Evi SimeoniWas für Déjà-vu-Erlebnisse: Die deutschen Reiterfunktionäre stehen unter Druck und wenden sich gegen die eigenen Sportler. Das hatten wir 1990 schon einmal, als die Aufregung um geächtete Methoden im Springpferdetraining die ganze Branche erschütterte.
Damals standen die Reiter allein. Niemand schien sie mehr zu verstehen. Sie wurden konfrontiert mit den Wertvorstellungen der „Städter“, die nicht nachvollziehen konnten, dass Spitzenleistungen weder beim Menschen noch beim Tier nur mit Hilfe von Streicheleinheiten erzielt werden können. Das Pferd als Nutztier zu sehen war schon zu jener Zeit nur noch bei Minderheiten üblich. Der Sprung der großen Vierbeiner vom lebenden Traktor oder gar Panzer zum Kuscheltier war da in weiten Teilen der Gesellschaft schon vollzogen.
Bekannte Mechanismen
Eine einfache Umbenennung machte damals dem Problem ein Ende. Das Springtraining mit Hilfe einer Stange nannte man nicht mehr mit grobem Klang „Barren“, sondern sanft und frankophon „Touchieren“ und verbot den Anblick während des Turniergeschehens. Und schon ging es wieder. Und jetzt? Der Fall des Christian Ahlmann, der seinem Pferd bei den Olympischen Spielen – wohin auch immer – eine scharfe Salbe verabreichte, hat die alten Wunden wieder aufgerissen. Dazu kommen just in dieser heiklen Zeit in der Fachpresse veröffentlichte Fotos von verwerflichen tierquälerischen Auswüchsen. Wieder ist das Geschrei groß.
Und noch ein bekannter Mechanismus: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen verlangt von einer Sportart, sie solle sich von innen heraus selbst „reinigen“, sonst könne es seine Übertragungen nicht mehr vertreten (siehe: Pferdesport: Das Fernsehen gibt den Reitern die Sporen). Was tun? Das beste Beruhigungsmittel ist die Einzelfalltheorie. Das Aussondern und Erledigen der angeblichen „Schwarzen Schafe“, das von den Systemproblemen ablenkt.
Die Reiterfunktionäre geben sich selbst die Sporen
Im Reitsport ist Christian Ahlmann nun die unerwünschte Person, die für die Sünden einer ganzen Branche büßen muss. Er hat von einem unabhängigen Sportgericht eine viermonatige Sperre wegen „unerlaubter Medikation“ bekommen. Der Doping-Verdacht konnte, so scheint es, nicht ausreichend belegt werden. Dass der deutsche Verband gegen das Urteil in Berufung geht, dürfte viel Druck von allen Beteiligten nehmen.
Dass der Verband den Reiter aber ohne juristische Grundlage für zwei Jahre von der Nationalmannschaft ausschließt, kann nur als Flucht nach vorn gewertet werden. Die Reiterfunktionäre geben sich selbst die Sporen, doch diesmal könnten die Aktiven sich wehren. Ludger Beerbaum, einer der Spitzenleute im Parcours, fordert eine gesellschaftliche Neupositionierung. Er möchte der Selbstbesinnung den Vorrang geben vor dem Selbsterhaltungstrieb, und dafür ist es auch höchste Zeit.