16.12.2006 · Das Glasgower Fußballderby ist das älteste der Welt. Am Sonntag treffen die protestantischen Rangers und das katholische Celtic wieder aufeinander. Doch während die Sache sportlich wenig brisant ist, brodelt es abseits des Platzes um so mehr.
Von Tobias Rabe, GlasgowDas „Old-Firm-Derby“ vom 12. Februar dieses Jahres wird Artur Boruc wohl nie vergessen. Der polnische Nationaltorwart trat mit seinem Klub Celtic Glasgow beim verfeindeten Stadtrivalen Rangers an. Kurz vor Beginn der Partie geschah es dann: Der gläubige Katholik bekreuzigte sich - ein Ritual, wie es zahlreiche Fußballer auf dem Platz praktizieren. Nicht aber im Ibrox Park der protestantischen Glasgow Rangers. Die Heimfans fühlten sich zutiefst provoziert, zumal der 26jährige aus ihrer Sicht mit voller Absicht handelte.
Gerade weil sich die „alte Firma“, wie beide Glasgower Klubs aufgrund ihrer sportlichen und finanziellen Dominanz genannt werden, darauf geeinigt hatten, daß religiöse Symbole im Stadion keinen Platz haben, war die Angelegenheit äußerst pikant. Borucs Vergehen bleibt zwar bis heute etwas nebulös, weil keine Fernsehkamera das genaue Verhalten des Schlußmanns dokumentiert hatte. Doch gleich hundert Rangers-Fans erstatteten Anzeige gegen Boruc. Das reichte für eine Geldstrafe und einen Eintrag ins Vorstrafenregister.
Emotionaler Ausnahmezustand einer geteilten Stadt
Solche Vorfälle sind kein Einzelfall bei der sportlichen Konfrontation der Religionen. Sie verdeutlichen, warum das älteste Fußball-Derby der Welt gleichzeitig auch das brisanteste ist. An diesem Sonntag (13.30 Uhr/MEZ) steht vor gut 50.000 fanatischen Fans im Ibrox Park das zweite Duell dieser Saison auf dem Spielplan - und damit der emotionale Ausnahmezustand einer zweigeteilten Stadt. Pünktlich stellte die schottische Fußball-Liga daher am Mittwoch eine weitere Maßnahme vor, um die Probleme mit der Religion in den Griff zu bekommen.
Ein Gesetz gegen Sektierertum, das allerdings erst im Sommer in Kraft tritt, soll nun alle Vereine zum Kampf gegen verbotene Gesänge vereinen und ermöglicht im Sinne der Europäischen Fußball-Union harte Strafen. Im Juli bereits starteten die Rangers eine Initiative gegen anti-katholische Gesänge. Dabei nahm man bewußt Paul Le Guen, der erste katholische Rangers-Trainer der 134jährigen Vereinshistorie, ins Boot. Doch Heftchen mit erlaubten Gesängen und die Drohung des Dauerkarten-Entzugs wirkten nur im heimischen Stadion.
„Religion gewinnt keine Spiele“
Neben den gesanglichen Verfehlungen leidet die „Old Firm“ aber auch immer wieder unter gewalttätigen Auseinandersetzungen. 1999 wurden die Rangers im Celtic-Park Meister - eine filmreife Konstellation. Mehrere Personen wurden verletzt, 113 Randalierer verhaftet, einige stürmten den Platz. Der Verband zog Konsequenzen: Das Spiel wird nicht mehr in der entscheidenden Saisonphase angesetzt und auch eine frühe Anstoßzeit ist mittlerweile Usus. So hofft man, daß sich der Alkoholpegel der Anhänger in der Mittagszeit noch im Rahmen hält.
Deren religiöser Haß überträgt sich aber kaum auf die Profis. Maurice Johnston machte 1989 den Anfang und ging als Katholik zu den Rangers. Er mußte noch erhebliche Anfeindungen aus beiden Lagern anhören. Bestes Beispiel, wie man sich über Tore die Anerkennung der Fans sichert, ist der Protestant Henrik Larsson, Der schwedische Stürmer ist eine Celtic-Legende. Paul Lambert, der früher für Dortmund spielte, bringt die heutige Einstellung auf den Punkt: „Erfolg zu haben ist wichtiger als Religion. Denn Religion gewinnt keine Spiele.“
Le Guen will „einfach nur das Spiel gewinnen“
Die sportlichen Vorzeichen sind dagegen beileibe nicht so brisant. Celtic führt die schottische Premier Legaue mit 16 Punkten Vorsprung an und ist seit 16 Spielen ohne Niederlage. Selbst wenn die Rangers siegen würden, ist der Meisterschaftszug wohl abgefahren. Die Situation in der nationalen Liga spiegelt sich auch auf europäischem Parkett wider. Während die Rangers im Uefa-Pokal zwar überwintern und im Februar gegen Hapoel Tel Aviv antreten, befindet sich Celtic auf Höhenflug in der Champions League. Im Achtelfinale wartet der AC Mailand.
Symbolisch für das Befinden der Klubs stehen die Trainer. Rangers' Le Guen weiß um seine schlechte Position und übt sich in Bescheidenheit: „Ich will einfach das Spiel gewinnen, weil ich weiß, was es den Fans bedeuten würde“. So wolle sein Team „im Spiel um die Ehre“ zumindest manche enttäuschende Vorstellung wiedergutmachen. Über eine Aufholjagd spricht er erst gar nicht. Der Widerhall der Presse bei einer Niederlage wäre entsprechend. Doch auch der Franzose weiß, daß es die letzte Chance ist, den Rivalen noch einzuholen.
Celtic ist das fairste Team der Liga
Das weiß auch sein Trainerkollege Gordon Strachan: „Wenn wir verlieren, haben wir ein Problem, auch wenn es noch 13 Punkte Vorsprung wären.“ Seinen Optimismus zieht der 49jährige aus der Entwicklung unter seiner Führung. In seinem ersten „Old-Firm-Derby“ im vergangenen Jahr verlor man neben dem Spiel auch zwei Spieler durch Undiszipliniertheiten. „Nun basiert unser Erfolg auf Disziplin“, sagt Strachan. Celtic ist derzeit das fairste Team in der rauhen schottischen Liga und das ist vor allem der Verdienst des erfahrenen Coaches.
Sein Vorstandsvorsitzender Peter Lawwell beschäftigt sich derzeit mit ganz anderen Visionen. Da die Tür für einen Wechsel in die englische Liga geschlossen ist, plädierte er für einen neue Europaliga anstatt der Champions League. „Wir wollen uns mit den besten der Welt auf höchstem Niveau messen.“ Aber Woche für Woche müssen man in einer unattraktiven Liga spielen. Dabei geht es Lawwell aber nur vordergründig ums Sportliche. Und viel wichtiger als neue Ligenstrukturen, ist momentan sowieso der Kampf gegen religiöse Schmähgesänge.