Floorball: Der schlafende Riese - Randsportarten - FAZ
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Floorball : Der schlafende Riese

Sportart im Aufwind: Floorball kämpft um Anerkennung Bild: Tim Fuhrmann

Eishockey ohne Eis: Floorball ist eine der schnellsten Mannschaftssportarten der Welt - und eine der am schnellsten wachsenden. Nun soll der deutsche Markt erobert werden.

          Fünf Stunden vor dem ersten Spiel drängen sich Fragen auf: "Wenn ihr schlafen wollt, dann schlaft noch einmal", sagt Philippe Soutter. "Aber nicht mehr als eine halbe Stunde, sonst schläft man noch während der Hymne auf dem Feld. Könnt ihr die überhaupt alle?" Seine Spieler nicken. Soutter ist Bundestrainer im Floorball, einer der schnellsten Mannschaftssportarten der Welt, einer Mischung aus Eishockey und Hockey. Er hat sein Team im "Hiltruper Hof" in Münster versammelt.

          In einem Hotel mit dem rustikalen Charme der Vergangenheit, direkt vor den Fenstern rauschen die Autos auf der Bundesstraße 54 vorbei. Es ist kein Ort, an dem man eine Nationalmannschaft vermuten würde. Jeder Spieler musste 350 Euro zahlen, damit er überhaupt dabei sein kann beim Qualifikationsturnier für die Weltmeisterschaft im Dezember dieses Jahres in der Schweiz. "Für die Jungs ist das ein großer Traum - und dafür nehmen sie einiges auf sich", sagt Soutter.

          Vordenker des Floorball: Bundestrainer Philippe Soutter ist Entwicklungshelfer aus der Schweiz

          Viele haben Urlaub genommen, andere verzichten vorerst darauf, für die Klausuren an den Universitäten zu lernen. Kaum einer wird von seinem Verein für sein Talent ordentlich bezahlt - obwohl der zeitliche Aufwand enorm ist. Die meisten trainieren fünf Mal in der Woche, spielen an den Wochenenden in der Bundesliga, fahren dafür quer durch die Republik.

          Profi in Schweden

          Doch es gibt Ausnahmen, und eine von ihnen ist Fredrik Holtz. Der Sechsundzwanzigjährige ist der Star des deutschen Teams. Kein anderer ist athletischer, kaum einer schießt so präzise und hart wie er. Seit Jahren verdient er in der schwedischen Superligan sein Geld, derzeit spielt er für Storvreta Innebandyklubb. "Du kannst damit überleben", sagt er. "Aber du wirst ganz sicher nicht zum Millionär wie im Fußball." 20 000 Kronen, rund 2300 Euro, kann ein Profi in Skandinavien pro Monat verdienen.

          Ein Jahr hat Holtz nichts anderes gemacht als Floorball zu spielen. Er ist gegen elf Uhr aufgestanden, hat gegessen, in den Fernseher geschaut oder Playstation gespielt. "Ich habe eigentlich nur auf dem Sofa gesessen und gewartet, bis das Training beginnt", sagt er. Aber das reichte seiner Freundin nicht. Heute trainiert Holtz nebenher Kinder an einer Schule in Uppsala.

          Keimzelle Skandinavien

          Skandinavien ist so etwas wie die Keimzelle dieses Sports. Ende der sechziger Jahre brachte der Schwede Carl-Ake Ahlquist die Spielidee mit in die Heimat. Er hatte sie den Vereinigten Staaten entdeckt, wo es an den Highschools und Colleges als Sommervariante des Eishockeys schon in den fünfziger Jahren gespielt worden ist. Heute ist die schwedische Superligan die beste Liga der Welt, gefolgt von Finnland und der Schweiz. In Skandinavien sind die Stars der Szene beinahe so populär wie Fußballer oder Handballer, ihre Spiele werden live übertragen, viele Profis haben Werbeverträge.

          Zu Ehren von Holtz, der eine schwedische Mutter und einen deutschen Vater hat, wurden gleich mehrere Fanklubs gegründet. Er hätte auch für die schwedische Auswahl spielen können, entschied sich aber für das Nationalteam. Und so verpasste er das größte Floorball-Spiel der Geschichte: Mehr als 14.000 Zuschauer sahen 2010 das WM-Endspiel zwischen Finnland und Schweden (6:2) in der Hartwall-Arena in Helsinki.

          Im Osten blüht der Sport

          Deutschland steht noch am Anfang der Entwicklung. Mehr als zehntausend Mitglieder zählt der Verband "Floorball Deutschland", siebzig Prozent von ihnen sind jünger als achtzehn Jahre. Mittelpunkt der Szene ist der Osten der Republik. Sechs der acht Bundesligavereine stammen von dort. Die Gründe sind eng mit der Wiedervereinigung verwoben. Anfang der neunziger Jahre wurden etwa in Sachsen und Sachsen-Anhalt mehr und mehr neue Turnhallen gebaut, Schulen erhielten Geld für neue Materialien.

          Lehrer wurden von den Ausrüstern nach Skandinavien gefahren und sahen zum ersten Mal in ihrem Leben Floorball. Die Idee brachten sie mit, zuerst wurden Arbeitsgemeinschaften gegründet, später Vereine. Der Leipziger Nicolas Kujat lernte den Sport in der fünften Klasse kennen, später meldete er sich aus dem Fußballverein ab. Heute ist er 18 Jahre alt und Nationalspieler.

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