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Dart-Spieler Jyhan Artut „Nachdenken ist der größte Feind“

Jyhan Artut ist einer von zwei deutschen Teilnehmern bei der Dart-WM in London. Im FAZ.NET-Interview spricht der 35-Jährige über Rechenkunst, Nervenkitzel und die Wurzeln des Sports in der Kneipe.

© picture-alliance/ dpa Vergrößern In Festzeltatmopshäre wird in London die Dart-WM ausgetragen

Bis zum 2. Januar schaut die Dart-Welt auf den Londoner Alexandra Palace. In der Veranstaltungshalle wird in Festzeltatmosphäre die Dart-WM ausgetragen. Die Weltspitze wird vornehmlich von Spielern von der britischen Insel und aus den Niederlanden dominiert. Immerhin zwei deutsche Spieler haben es ins Feld der 64 weltbesten Pfeilewerfer geschafft. Jyhan Artut muss sich am Dienstag (23 Uhr / Live in Sport 1) in seinem Erstrundenmatch gegen den schottischen Weltklassespieler und Vorjahresfinalisten Gary Anderson behaupten.

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Was löst die Zahl 180 bei Ihnen aus?

Das ist die höchste Punktzahl bei je drei Dartwürfen, die man im Wechsel mit dem Gegner ausführen darf. Es fühlt sich gut an, wenn man dreimal in Serie ins Dreifach-20-Feld wirft.

Und was löst eine Zahl wie beispielsweise die 82 aus?

Dann peile ich das Bull an und habe bei einem Treffer 32 Punkte Rest. Dann kann ich mit der Doppel-16 auschecken. Falls ich nur das halbe Bull treffe, habe ich immer noch mit der 17 und der Doppel-20 einen guten Weg zum Abschluss. Wenn der Gegner weit weg ist, kann ich aber auch weniger Risiko gehen, die Dreifach-18 anpeilen, um dann mit 28 Restpunkten mit der Doppel-14 aufzuhören.

Das kommt bei Ihnen wie aus der Pistole geschossen. Müssen Dart-Spieler Rechenkönige sein, wenn sie versuchen, mit möglichst wenigen Würfen die jeweils 501 Punkte eines Spiels runterzuwerfen?

Wenn man zwei, drei Jahre richtig spielt, dann hat man das einfach drin, welcher Weg der günstigste zur Null ist. Da wird nicht mehr gerechnet. Man muss so schnell sein, damit man während des Spiels nicht nachdenken muss.

Ist das die größte Gefahr beim Dart, dass man ins Nachdenken kommt?

Absolut: Nachdenken ist der größte Feind, weil man dann aus dem Wurfrhythmus kommt.

Sind Sie in einem Spiel also nur auf sich fokussiert, während der Gegner keine Rolle spielt?

Man sollte sich wirklich total auf sich konzentrieren, aber schon wissen, bei welcher Punktzahl der Gegner steht. Danach muss man sein Risiko im Versuch beim Auschecken abwägen.

Mit Auschecken meinen Sie die Situation, dass man mit drei Würfen exakt auf die Null runterspielt, wobei der letzte Wurf gemäß den Regeln in einem der kleinen Felder am Rand des Bretts landen muss, die doppelt zählen. Wie trainiert man diese Zielgenauigkeit?

Ich stehe jeden Tag vier bis sechs Stunden vor der Scheibe. Ohne Druck treffen viele sicher in die Doppel- oder Dreifach-Felder. Die Kunst ist, das auch unter Druck zu tun.

Wie simulieren Sie diesen Druck im Training?

Man muss sich selbst Spiele ausdenken, die einem das Leben schwer machen. Ich werfe beispielsweise reihum alle Doppelfelder ab, bestrafe mich mit einem Neuanfang, wenn ich ein Feld nicht treffe. Die beste Schule sind aber Turniere mit den besten Gegnern. Da war ich bislang im Nachteil.

Wieso?

Ich habe nur rund alle sechs Wochen ein Turnier spielen können. Jetzt kann ich dank eines Sponsors fast wöchentlich ran, sehr oft auch in der besonderen Situation vor TV-Kameras. Das macht einen hart für Drucksituationen.

Ist das der Grund, weswegen vor allem die Spieler von der Insel so überlegen sind?

Die sind die Situationen einfach gewöhnt. Da muss ich, wie andere Deutsche, noch hin kommen.

17948226 © ap Vergrößern Artuts Vorfreude auf Gegner Gary Anderson (im Bild): „Mir machen solche Duelle Spaß“

Sie spielen nun als einer von zwei Deutschen bei der Weltmeisterschaft des Profi-Dart-Verbands PDC in London vor mehreren tausend bierseligen und sangesfreudigen englischen Zuschauern im traditionellen WM-Spielort Alexandra Palace in einer Festzeltatmosphäre. Wie bewahrt man da den Rhythmus?

Das ist tatsächlich eine riesige Herausforderung und unvergleichlich. Das Ally Pally, wie die Engländer diesen fast heiligen Ort unseres Sports nennen, hat eine riesengroße Bühne von mehr als 40 Metern Breite, auf der du allein mit deinem Gegner stehst. Und je später der Abend wird, desto wilder werde die Zuschauer. Wenn dann auch noch wie bei meinem Erstrundenspiel gegen Gary Anderson ein Schotte gegen einen Deutschen spielt, dann gibt es keine Grenzen mehr.

Was heißt das?

Die Engländer fiebern eben mit ihren Landsleuten mit und konzentrieren sich bei denen auch aufs Spiel. So aber zelebrieren sie sich selbst und werden ständig tausendfach England-Rufe anstimmen. Ich hoffe, dass sie dann eher zu mir als Underdog als zu einem Schotten halten.

Glauben Sie deshalb an die Sensation gegen Vorjahresfinalist Gary Anderson, die Nummer vier der Setzliste?

Mir machen solche Duelle Spaß. Wenn ich Gary erst mal so weit habe, dass er in Bedrängnis ist, dann werde ich das Ding durchziehen. Dann muss ich eben einfach abschalten und das Doppel treffen. Wenn man zweifelt, ist es hinüber.

Ist dieser Nervenkitzel die Faszination an der Wiederkehr der immer gleichen Wurfübung?

Das ist nicht immer das Gleiche. Jeder Dart ist für sich interessant. Der muss eben da hin, wo ich ihn hin haben will. Es ist eine wahnsinnige Konzentrationsbemühung zu treffen. Wenn der Dart dann immer wieder reingeht, dann ist das Adrenalin pur.

Phil Taylor © dpa Vergrößern Artut über Dart-Schwergewicht Phil Taylor: „Das hat mit dem Gewicht nix zu tun“

Die Frage muss erlaubt sein: Spielen Sie eigentlich auch in der Kneipe?

Ja, wenn dort gute Gegner sind, spiele ich auch dort. Unser Sport kommt nun einmal aus der Kneipe und ist dort quasi geboren. Also ist das nichts Verwerfliches, dort zu spielen. Es gibt aber auch immer mehr gute Vereinsheime in Deutschland, wo die Spielmöglichkeiten besser sind.

Sie wirken recht schlank und sportlich. Die Superstars wie Phil Taylor, Raymond van Barneveld oder der aktuelle Weltmeister Adrian Lewis sind eher gut gebaut. Ist Übergewicht ein Vorteil in Ihrem Sport?

Nein, das hat mit dem Gewicht nix zu tun. Schön ist doch, es ist ein Sport für jedermann. Da haben es Golf und Tennis schwerer.

© FAZ.NET - Daniel Meuren Vergrößern Dart-Experte Gordon Shumway: „Taylor ist wie Schumacher, Pelé, Woods zusammen“

Die Größen des Darts haben markige Spitznamen. Rekordweltmeister Taylor ist einfach und unmissverständlich „The Power“. Haben Sie auch einen Nickname?

Ich habe mal über einen Spitznamen nachgedacht, mir aber dann gesagt, dass ich dafür erst mal eine gute Story brauche, die den Ehrennamen rechtfertigt. Um die werde ich kämpfen.

Das Gespräch führte Daniel Meuren.

Quelle: FAZ.NET

 
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Veröffentlicht: 20.12.2011, 10:42 Uhr