19.12.2003 · Rainer Schüttler will sich unter den "top ten festbeißen", aber in seiner kleinen Welt bleiben. Am Ende des erfolgreichsten Jahres seiner Karriere bittet der Tennisprofi zum „Kamingespräch“.
Von Peter PendersNein, sagt Rainer Schüttler, er werde nichts ändern. Das überrascht nicht, und nach dem erfolgreichsten Jahr seiner Tenniskarriere wüßte er auch gar nicht was. Am liebsten wäre dem derzeit besten deutschen Tennisspieler, es würde sich überhaupt nichts ändern, und auch einem Flirt seines Trainers Dirk Hordorff mit dem Präsidentenjob im Deutschen Tennis-Bund kann er nicht viel abgewinnen. "Von mir aus, aber nicht vor 2008", sagt Schüttler. Daß er nichts ändern will nach einem Tennisjahr, daß ihn bis auf den sechsten Platz der Weltrangliste gebracht hat, ist verständlich. Daß er sich aber nicht geändert hat, ist erfreulich. "Er ist der Gleiche geblieben", sagen seine ehemaligen hessischen Tenniskollegen über ihn.
Trotzdem haben die Erfolge das Leben des Korbachers natürlich gründlich geändert. In St. Anton hat er bei einem kleinen Einladungsturnier gerade nicht nur die Vorbereitung auf die kommende Saison begonnen. Hordorff hatte auch die Idee, Journalisten zu einem "Kamingespräch" zu bitten. Ein Liebling der Massen ist Rainer Schüttler schließlich noch nicht geworden. Nach wie vor verkauft sich nur Boris Becker im deutschen Tennissport immer noch wie von selbst. Seine Veteranenkämpfe sind stets binnen Stunden ausverkauft, und für die Vorstellung seiner Biographie räumte das ZDF gleich die komplette Kerner-Show einer Woche frei. Rainer Schüttler wurde dagegen kurz vorher im Sportstudio mit einem Mini-Interview an den Rand gedrängt, weil sich Moderator Steinbrecher mit dem Fußballtrainer Huub Stevens festgequatscht hatte. "Ein paar Minuten mehr wären schön gewesen", sagt Schüttler, nett wie immer. Aber er will nicht um jeden Preis in jeder Talkshow sitzen und sein Foto in jedem Magazin finden. "Mein Privatleben ist tabu", sagt er, was nicht weiter schwer ist. Er hat ja kaum eins. Im diesem Jahr hat der Deutsche bei 29 Turnieren 101 Spiele absolviert. Mehr hat kein anderer Profi gespielt.
Schüttler hat Spuren hinterlassen
Soviel spielen kann nur einer, der sich zum einen nicht verletzt, und der zum anderen die Mehrzahl seiner Partien auch siegreich beendet. Schüttler hat 71 Spiele gewonnen, mehr Siege haben nur der Weltranglistenerste Andy Roddick (72) und der Schweizer Masters-Cup- und Wimbledonsieger Roger Federer (78) erreicht. Schüttler stand zu Beginn des Jahres im Finale der Australian Open, er schloß die Saison mit der Halbfinal-Teilnahme beim Masters Cup in Houston ab, und auch zwischen den beiden Höhepunkten seines Tennisjahres lief es gut wie nie. Er hat die fünftbeste Bilanz aller Tennisprofis bei Grand-Slam-Turnieren, er zog dreimal - in Indian Wells, in Montreal und in Cincinnati - in ein Halbfinale bei Masters-Turnieren ein. Das hat Spuren hinterlassen. Der Einladung nach St. Anton sind alle Journalisten gefolgt.
Daß er vor einem Jahr vermutlich relativ alleine in St. Anton gesessen hätte, weiß Schüttler. Sein konstantes Tennisjahr hat ihn nicht nur in der Weltrangliste voran gebracht. Platz 33 vor einem Jahr offenbarte noch reichlich Entfaltungsmöglichkeiten in der Tennishierarchie, Rang sechs schränkt die Perspektive dagegen nun ziemlich ein. Aber der Deutsche will sich unter den "top ten festbeißen", und die Aussichten stehen nicht schlecht. Er hat soviele Punkte gesammelt, daß er in der Weltrangliste selbst dann nicht aus der obersten Führungsebene herausgeschleudet würde, sollte er bei den Australian Open in der ersten Runde verlieren.
Siege über Agassi sind Komplimente von Agassi
Daß es noch schwerer ist, oben zu bleiben als nach oben zu kommen, ist eine Grundweisheit aller Sportarten. Schüttler hat dafür sein Umfeld ebenso professionell organisiert wie er insgesamt seinem Beruf nachgeht. Während sich sein Daviscupkollege Thomas Haas einst mit dem Deutschen Tennis-Bund herumstritt, ob der Verband ihm nicht einen gehörigen Zuschuß für einen Physiotherapeuten geben müßte, engagierte Schüttler mit Alex Stober einen der besten in Tenniskreisen. "Das kostet zwar etwas, lohnt sich aber in jedem Fall", sagt Hordorff. Sein Spieler gilt als einer der fittesten Profis der gesamten ATP-Tour, und daß dies selbst ein Fitneß-Guru wie Andre Agassi anerkennend feststellt, hat ihn stolzer gemacht als vieles andere. Siege über Agassi sind wie Komplimente von Agassi ein Adelsschlag in der Branche.
Am Amerikaner läßt sich auch der Wandel in der Karriere von Rainer Schüttler gut ablesen. Bei den Australian Open unterlag er dem glamourträchtigsten Protagonisten chancenlos, in Montreal besiegte er ihn im Viertelfinale, in Houston verlor er wiederum gegen Agassi im Halbfinale. "Mehr e-mails als nach seinem Sieg in Montreal hat Rainer aber nie bekommen", sagt Hordorff. Aber die beiden wichtigeren Spiele, jene Momente, in denen die große Popularität entsteht, hat Schüttler eben verloren.
Dr. Jekyll und Mr. Hyde
Vor allem die Niederlage in Houston war nicht nur bitter - sie war auch teuer. Bei einem Sieg wäre der Deutsche auf den vierten Platz der Weltrangliste geklettert, was neben der nicht ganz unbedeutenden Siegprämie auch einige Euros mehr vom Ausrüster und Schlägerhersteller bedeutet hätte. Doch Schüttler hatte mal wieder den "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" auf dem Tennisplatz gegeben und sich zu sehr darüber geärgert, daß ihm bei einem Aufschlag der Schläger aus der Hand geflogen war. "Ich bin dann in meiner kleinen Welt", sagt Schüttler über die nicht druckreifen Selbstgespräche, die er dann führt. Die große Welt da draußen, die will er lieber gar nicht erst erleben, und auf einen wie ihn wartet sie wohl auch erst, falls er tatsächlich auch noch ein Grand-Slam-Turnier oder die olympische Goldmedaille gewinnt. Und nur dafür, soviel ist sicher, würde Rainer Schüttler soviel Belästigung auf sich nehmen. Ohne den großen Triumph aber wird er kein großer Star in Deutschland werden. "Aber er wird ein glücklicher Mann nach seiner Karriere sein", prophezeit Hordorff. Im Zweifel ein lohnenswerteres Ziel als ein Grand-Slam-Triumph.