Die Ehrung erfolgt - zwangsläufig - ziemlich verspätet, und ob Andy Schleck daran seine helle Freude haben wird, kann bezweifelt werden. Der Luxemburger Radprofi soll auf alle Fälle in der kommenden Woche in seinem Heimatort Mondorf ein Gelbes Trikot erhalten. Für den Sieg im Jahr 2010 bei der Tour de France.
Schleck war damals eigentlich Zweiter hinter Alberto Contador geworden, aber dem Spanier wurde die Einnahme eines illegalen Hilfsmittels nachgewiesen, weswegen die Tour ihn, das Rennen 2010 betreffend, vom Podest gestoßen hat. Schleck wird das begehrteste Leibchen des Radsports zwar entgegennehmen, aber er hätte es natürlich lieber im direkten Duell auf der Straße gewonnen.
Dafür hatte es bisher nie gereicht, trotz großer Anstrengungen; 2011 zum Beispiel war der Australier Cadel Evans schneller als der Sportheld des Großherzogtums Luxemburg.
Dabei hatte der Finanzier des Teams, der Immobilienmakler Flavio Becca, tief in die Tasche gegriffen, um ein erstklassiges Ensemble zusammenzustellen. Dass die sportlichen Hoffnungen sich nicht erfüllten, hatte den umtriebigen Becca mächtig gewurmt.
Reichlich Stunk
Prompt blies er zur nächsten Attacke, mit einem spektakulären Coup: Zusammenschluss mit der Equipe des Belgiers Johan Bruyneel, der nicht den besten Leumund hat, aber eine Menge Erfolge vorweisen kann, vor allem als Mentor von Lance Armstrong.
Aber schon steckt Beccas Team, das jetzt den sperrigen Namen RadioShack-Nissan-Trek trägt, wieder im Schlamassel. Es gibt reichlich Stunk in der vermeintlich besten Mannschaft des Profiradsports, ausgelöst durch den Ausstieg von Fränk Schleck beim Giro d’Italia wegen einer Schulterverletzung. Bruyneel konnte das nicht nachvollziehen, er gerierte sich wie ein Schleifer: „Schmerzen gehören zum Geschäft.“
„Ein regelrechtes Pulverfass“
Er kritisierte Fränk Schleck also heftig, er fühlte sich von ihm im Stich gelassen, und er beklagte gleichzeitig den allgemeinen Zustand seiner Truppe. „Wie sieht unsere Bilanz aus? Null. Sie ist null.“ Weswegen nun auch in Luxemburger Medien, wenige Wochen vor der Tour, beträchtliche Sorge zu herrschen scheint. „Ein regelrechtes Pulverfass“, heißt es drastisch über Beccas Rennstall.
Ein lustloser Fränk Schleck? Ein ernüchterter Bruyneel? Ein teures, aber keineswegs harmonierendes Team? Becca wird sich fragen müssen, ob eine Ansammlung vieler eigenwilliger Charaktere der Sache wirklich dienlich ist.
Als eine funktionierende Einheit, vorbehaltlos fixiert auf das große Ziel Tour de France, stellt sich das Luxemburger Gebilde um die Schleck-Brüder vorläufig jedenfalls nicht dar. Die Tour 2012 dürfte spannend werden. Auch wegen der Spannungen im schillerndsten Team der Branche.