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Radsport Rundenfahrten im Teufelskreis

17.01.2003 ·  Den Sechstagerennen fehlt es am Nachwuchs. Das Problem erfasst den gesamten Bahnradsport und sorgt nicht nur die Sixdays-Veranstalter.

Von Frank Hellmann
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Wenn in Stuttgart am Freitag das vorletzte Sechstagerennen der Saison angeschossen wird (vom 17. bis 22. Januar), dann startet auch gleich wieder ein Zukunftsrennen der Amateure. Die Idee ist gut gemeint: An den großen Sixday-Standorten wie München, Bremen, Stuttgart und Berlin (23. bis 28. Januar) dreht vor den Profis der Nachwuchs seine Runden.

Fahrer aus dem deutschen U-23-Kader des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), das Ganze unter dem Patronat einer großen Versicherung, dazu starke Konkurrenz aus dem Ausland. Doch was sich wie ein schlüssiges Nachwuchskonzept anhört, wird schon in Stuttgart konterkariert. Stefan Löffler, Sieger bei ARAG-Cup in Bremen, muss in Stuttgart bei den Profis an den Start gehen - gegen seinen Willen.

An den Gagen wird gespart

„Mir ist ganz schön mulmig“, hat der junge Mann ausrichten lassen. Denn der Sixday-Frischling wird Lehrgeld zahlen und schon nach zwei Nächten hoffnungslos hinterherfahren. Doch die Stuttgarter Veranstalter hatten keine andere Wahl: Im Schwabenland muss gespart werden; auch an den Gagen der Hauptdarsteller eines Sechstagerennens.

„Den Fahrern bläst der Wind frontal ins Gesicht“, sagt Sportdirektor Winfried Holtmann. Weil die Bahn in Stuttgart sehr viel länger als in Bremen, das Fahrerfeld größer, der Etat jedoch kleiner ist, bleibt nur der Rückgriff auf unerfahrene Neulinge.

Startverbote für die Stars

Die Sixday-Spezialisten gehören zu einer aussterbenden Gattung. „Alle guten Fahrer zieht es sofort auf die Straße“, bedauert Patrick Sercu. Der sportliche Leiter in Bremen, noch in Zeiten aktiv, als Straßenfahrer ihre Erfolge auf der Bahn versilbern mussten, ist zusammen mit seinen Kollegen in Sorge.

Wilfried Spronk von der Münchner Olympiapark GmbH beklagt ein „akutes Nachwuchsproblem.“ Dass Mannschaften wie Team Telekom mittlerweile gar Startverbote für ihre Stars bei den Sechstagerennen erlassen, ärgert den früheren Radsport-Funktionär. „Wir können eigentlich nur hoffen, dass es bald auf der Straßen weniger zu verdienen gibt“, sagt Sercu sarkastisch.

Zwist mit dem Weltverband

Der Weltverband UCI nimmt von den Nöten der Sixday-Macher kaum Notiz. Spronk: „Da herrscht Funkstille und interessiert sich keiner für uns.“ Sylvia Schenk, die BDR-Präsidentin, schon. Eine Strukturreform ist für die Sparte in Auftrag gegeben. Schenk fürchtet, dass der Bahnradsport irgendwann aus dem olympischen Programm verschwindet, wenn er für das Fernsehen nicht mehr interessant genug ist.

Ein ideales Podium für die Präsentation des Bahnradsports bietet ein Sechstagerennen - davon sind Spronk und Sercu überzeugt. „Bei einer Bahnrad-WM schauen vielleicht 3000 Experten zu. Zu einem Sechstagerennen locken wir mit Show und Sport ein Vielfaches in die Halle“, erklärt Spronk. Wenn der Bahnradsport diese Bühne aufgebe, beraube er sich einer wichtigen Darstellungsmöglichkeit.

Populär in den Bier-Ländern

Sercu weiß, was noch eine bestimmte Rolle spielt: Bier. „Sechstagerennen sind am populärsten in Belgien, Holland, Dänemark und Deutschland - das sind die Bier-Länder.“

Aber ist die Fahrerauswahl nicht längst die schönste Nebensache, wenn manch Sixday-Besucher die bier- und rauchgeschwängerten Vergnügungstempel wieder verlässt, ohne einen Blick auf das Lattenoval geworfen zu haben?

Nachwuchs fehlt

„Nein“, sagt Andreas Kappes, 37-Jähriger Sixdays-Spezi, „ohne uns geht es nicht.“ Kollegen wie Kappes sind selten. Kaum einer der Straßenfahrer hat es noch nötig, sich im Winter etwas dazu verdienen. Viele können es auch gar nicht.

Sercu: „Vom Team Telekom würde nur Erik Zabel in Frage kommen - der aber darf nicht. Und einen Mario Cipollini wollen wir nicht - der hätte nach zwei Nächten 14 Runden Rückstand.“ So stecken die Sechstagerennen im Teufelskreis. Die Zahl der Veranstaltungen - acht in diesem Winter - ist am unteren Ende angelangt.

980 Kilometer an sechs Tagen

Dabei ist das Rundenfahren auf dem Holzoval richtig harte Arbeit: In rund 50 Stunden an den sechs Tagen legten die Fahrer beispielsweise gerade in Bremen 5900 Runden und insgesamt 980 Kilometer zurück. Spitzengeschwindigkeiten bis zu 70 Stundenkilometer, Intervallbelastung, lähmende Pause, schlechte Luft, Hotelleben.

„Eddy Merckx hat mir immer gesagt, dass er lieber einmal die Tour de France fährt als drei Sechstagerennen in Folge“, erläutert Sercu. „Dazu kommt: Ein Großer auf der Bahn wirst du erst in zehn Jahren: Das braucht Mut, Geduld und Zeit.“

Die Jungen suchen kurzfristig Erfolg

Doch die bringt kaum einer noch auf: Sercu erzählt dann gern die Geschichte des jungen Bradley Wiggins, der auf dem Holzoval in die Fußstapfen seines bei Sixday erfolgreichen Vaters treten wollte. In Gent im November 2002 ist der Brite mit Matthew Gilmore auf Anhieb Zweiter geworden. 22 Jahre alt, was für ein Talent, dachte Sercu.

Doch ehe die Karriere unterm Dach begann, ist sie zuende: Trainingslager mit den Straßenfahrern, Rundherumversorgung, bessere Bezahlung. Auch Wiggings junior lockt lieber der kurzfristige Triumph bei einem Klassiker, einer Giro- oder Tour-Etappe. „Dann bist du heute sofort ein Star“, weiß Sercu.

Martinello und Baffi auf Abschiedstour

Der 58-Jährige ist jedesmal zu Tränen gerührt, wenn er wieder einen alten Rivalen der Rennbahn verabschieden muss. Derzeit befinden sich gerade Silvio Martinello und Adriano Baffi auf Abschiedstournee. Martinello wird am Sonntag 40 Jahre alt - und fährt noch immer vorne mit.

Der Italiener gilt als der heimliche Boss der Bahn. „Er hat sich für alles und für alle verantwortlich gefühlt“, sagt Sercu traurig, „unheimlich nett, professionell und seriös.“ Wieder eine Lücke, die im Sixday-Geschäft nicht zu schließen ist.

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