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Radsport Das war die Tour 2004

26.07.2004 ·  Armstrongs Dominanz, Ullrichs Schwäche, ein neues, feindseliges Publikum, Doping, Kritik, die keiner hören oder sehen soll - eine Bilanz der 91. Tour de France.

Von Michael Reinsch, Paris
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Lance Armstrong hat erreicht, was Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain nicht geschafft haben: seinem fünften Sieg bei der Tour de France einen sechsten folgen zu lassen. Der Texaner weckt in seiner Kompromißlosigkeit gegenüber der Konkurrenz und in seiner Begeisterung für das Rennen gar den Eindruck, er könnte im nächsten Jahr wiederkommen und sich den siebten Sieg nehmen. Die Altersgrenze hat er mit 33 Jahren jedenfalls noch nicht erreicht.

Die Tour allerdings ist bei ihrer 91. Austragung an Grenzen gestoßen. Staatsgrenzen, das hat sie mit dem Start in Lüttich bewiesen, überspringt sie routiniert; sie tut das schon länger, als es das vereinte Europa gibt. Ihr Publikum tritt nicht mehr nur vor die Haustür, um den Helden der Landstraße zuzujubeln. Es kommt inzwischen aus ganz Europa und in großer Zahl auch aus Amerika zusammen. Das Einzelzeitfahren in L'Alpe d'Huez ist der spektakuläre Gipfel dieser Begeisterung, die sich selbst gebiert. Auf der Alpe waren Radrennen und Love Parade, Tour und Rosenmontagszug sich so nah wie noch nie.

Alarmierender Ton

Nicht nur an der Begeisterung, die sie auslöst, droht die Veranstaltung zu ersticken. Auch ein neues Publikum, das sich - nach den Regeln von Fußballfans - feindselig verhält gegenüber Teams und Rennfahrern, bringt einen alarmierenden Ton in die fröhliche Geräuschkulisse. Jens Voigt, Armstrong und sein gesamtes Team sowie der Sprinter Robbie McEwen können ein Lied davon singen. Ob es Pfiffe und Beleidigungen sind oder Jubel und Begeisterung: viele Fahrer mußten sich gegen Aufdringlichkeit wehren, wie Andreas Klöden mit einem sehenswerten Faustschlag auf der Alpen-Etappe nach Le Grand-Bornand.

Bildergalerie: Das war die Tour 2004

Armstrong leistete sich im Hochgefühl seiner körperlichen Überlegenheit eine skandalöse Grenzüberschreitung. Weil der Radprofi Filipo Simeoni vor Gericht gegen den des Dopings hochverdächtigen Arzt Michele Ferrari ausgesagt hat, mit dem Armstrong aber seit Jahren zusammenarbeitet, verhinderte er persönlich, daß Simeoni in einer Ausreißergruppe mitfahren und um den Etappensieg kämpfen konnte. So demonstrierte der eloquente Amerikaner, daß die Homerta im Radsport immer noch gilt, daß er das Gesetz des Schweigens mit Macht durchzusetzen bereit ist.

Kritik wird unsichtbar gemacht

Die Veranstalter der Tour bekamen ihre Machtlosigkeit zu spüren, als sie den Tschechen Pavel Padrnos vom Rennen ausschließen wollten, weil Dopingermittlungen gegen ihn bekannt wurden. Sie hatten aus demselben Grund namhafteren Profis den Start verweigert und zwei Fahrer während der Tour ausgeschlossen. Padrnos aber ist ein Helfer in Armstrongs Team - und plötzlich intervenierte Hein Verbruggen, der Präsident des Internationalen Radsportverbandes, zu seinen Gunsten. Wie weltfremd die Unschuldsvermutung im Sport ist, zeigten die Protokolle der Vernehmung von Zeitfahr-Weltmeister David Millar, die während der Tour erschienen. Der Brite, der niemals bei einer Dopingprobe aufgefallen ist, gestand Doping, etwa bei der Weltmeisterschaft. Und sagte, geradezu literarisch, er sei ein Gefangener jener Person gewesen, zu der er durch Doping geworden war.

Kritik hat, vermutlich auch deshalb, für die Veranstalter längst die Grenze des Erträglichen überschritten. So wie sich das ZDF nur mit Zensur zu helfen wußte, als der Rennfahrer Voigt - sei es zu Recht, sei es zu Unrecht - einen ARD-Kommentator kritisierte, lassen auch sie unliebsame Meinungsäußerungen nicht in die Welt hinaus. Zur internen Straßenwacht, die Splitt von der Strecke fegt und Strohballen auslegt, gehört ein Rollkommando mit Farbeimern. Wo immer es Frivolitäten und Schmähungen, wie das aus dem Dopingmittel und dem Namen von Armstrongs Team zusammengezogene "EPOSTAL" entdeckte, schritt es zur Tat: Bevor das Peloton und die Kameras kamen, schwärzte es den Asphalt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.07.2004 / Nr. 171
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Jahrgang 1958, Korrespondent für Sport in Berlin.

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