06.08.2001 · Wilfried Erdmanns Einhandtörn um die Welt zählt zu einer der größten Leistungen des Sports. Der Psychologe Michael A. Stadler, Psychologiedozent an der Uni Bremen und selbst Hochseesegler, analysiert die schwachen Momente und die starken Seiten des einsamen Kämpfers.
Von Uwe Jansen und Jochen Rieker, Autoren der Zeitschrift YACHTWilfried Erdmanns Einhandtörn um die Welt zählt zu einer der größten Leistungen des Sports. Der Psychologe Michael A. Stadler, Psychologiedozent an der Uni Bremen und selbst Hochseesegler, analysiert im Interview der zeitschrift „Yacht“ die schwachen Momente und die starken Seiten des einsamen Kämpfers.
Sie haben gesagt, es brauche eine besondere psychische Verfassung, um so etwas zu planen und dann auch durchzuhalten. Erkennen Sie diese Art von geistiger Kraft bei Erdmann?
Stadler: Wilfried Erdmann ist ein seltener Glücksfall. Auf der einen Seite der „lonesome sailor“, der einsame Protagonist, aber andererseits nicht der große Helden-Darsteller. Er ist in der Lage, über sich zu sprechen und die psychischen Probleme und Stimmungsschwankungen, die bei solch einem Extremtörn auftreten, aufrichtig anderen mitzuteilen.
Welche elementaren Eigenschaften braucht ein Nonstop-Weltumsegler außerdem?
Das Feuer der Motivation muss ständig weiter brennen. Auch wenn man dem Aufgeben sehr nah ist. Wilfried Erdmann schreibt ja in seinen Briefen sehr eindringlich,dass er sich nicht getraut hat, nah an Land heranzufahren, weil er den „Attraktor-Effekt “fürchtet. Der ist in der Verhaltensforschung auch von Tieren bekannt: Wenn sie dem Stall näher kommen, werden sie schneller. Genau so zieht das Land einen einsamen Segler förmlich an. Jeder Segler weiß, dass einer der Gründe für das Losfahren die Hoffnung auf sichere Ankunft ist. Das ist das eigentlich Schöne, aber der Extremsegler muss dem andauernd widerstehen. Im Falle von Erdmann ein Jahr lang, und das erfordert unglaublich viel Kraft und den Willen, diese Sache zu Ende zu bringen.
Was ist noch nötig, um eine solch extreme Segelreise erfolgreich zu Ende zu bringen?
Vor allem hohe Intelligenz im Sinne von Vorstellungskraft, Antizipationsfähigkeit. Eins der Geheimnisse liegt in der richtigen Vorbereitung. Weiterhin braucht man die Kraft, etwas anzufangen und zu Ende zu bringen, also auch Stimmungsschwankungen zu überwinden. „Positive Selbstverbalisation “wird das fachlich genannt. Man muss sich ständig die Vorteile und Ziele vorsagen und darf sich nicht von möglichen Nachteilen beeinträchtigen lassen. Nur so kann man mit der Belastung fertig werden.
Wie wichtig ist dabei Selbstdisziplin?
Sie gehört zu den wesentlichen Persönlichkeitseigenschaften, die man dafür besitzen muss, denn es gibt ja keine äußeren Disziplinierungsfaktoren. Erdmann hat gewiss einige von ihnen internalisiert, gewisse gesellschaftliche Gepflogenheiten. Beispielsweise, dass er sich zu bestimmten Anlässen etwas Besonderes anzieht, etwa zum Telefonieren. Obwohl ihn dabei niemand sehen kann und er nur sich selbst verantwortlich ist. Es gibt niemanden, der ihm sagt, was er zu tun hat. Also braucht er Selbstdisziplin. Er sagt ja offen, sein Tag sei sehr rhythmisiert. Diese Fähigkeit, sich selbst Fixpunkte zu geben, ist enorm wichtig, um bei der Sache zu bleiben.
Wilfried Erdmann macht aus seinen Ängsten keinen Hehl. Aber sie scheinen ihn nicht zu behindern. Wie erklären Sie sich das?
Es gibt eine interessante Untersuchung: Menschen, die erfahren und erfolgreich sind, durchleben und bewältigen ihre Angst, bevor eine gefährliche Situation entsteht. In dem konkreten Moment sind sie dann aber sehr kontrolliert. Diese Art Angst ist also hilfreich, um sich zum Beispiel optimal vorzubereiten auf ein kritisches Manöver. Wer so geartet ist, kann, wenn es hart kommt, cool und überlegt agieren. Angst, die sich erst in der Bedrohung zeigt, ist hingegen lähmend.
In einem schweren Sturm vor Südafrika kam Wilfried Erdmann an einen Punkt, an dem er mit dem Leben „abgeschlossen“ hatte: „Ich war in Gedanken - eine Zeit lang - sehr glücklich“. Ist das ein bekannter Effekt?
Ich habe mir lange überlegt, was das bedeuten könnte. Wahrscheinlich bestand in diesem Moment eine unglaubliche Entlastung darin, dass er sich selbst aufgegeben hatte. Wenn er in diesem Moment irgendwo hätte einlaufen können, es wäre ihm gleichgültig gewesen. Der ganze Druck, um das Feuer der Motivation am Leben zu halten, war in der Situation nicht mehr da, er fühlte sich deshalb glücklich. Ich kenne keine anderen vergleichbaren Beispiele. So etwas wird selten beschrieben.
Wie beurteilen Sie die Situation, wenn jemand nach solch langer Abwesenheit wieder im Ausgangshafen festmacht?
Die Yachten, die Erdmann schon weit vor Cuxhaven empfangen und begleiten, die ganzen Leute an Land - viel zu viel Rummel. Es wird noch mal richtig schwierig für ihn, sich an die Kommunikation und die anderen Menschen zu gewöhnen, ohne sie als störend ablehnen zu dürfen. Dann geht es ja weiter: Funk, Fernsehen, Presse. Auch das wird schwer, denn er denkt zunächst wohl erst an die Familie und an seine Freunde. Nur darauf freut er sich.
Und danach kommt die große Leere?
Fest steht allemal, dass die nächsten Wochen für Wilfried Erdmann ähnlich schlimm werden wie ein tagelanger Orkan im Südpolarmeer.