http://www.faz.net/-gtl-2m8a

Porträt : Schiedsrichterin Nicole Petignat: Allein unter Männern

  • -Aktualisiert am

Vorzeige-Schiedsrichterin aus der Schweiz: Nicole Petignat Bild:

Der Job als Schiedsrichterin ist für die Schweizerin Nicole Petignat eine harte Aufgabe. Eine, die in einer Männer-Welt die ganze Frau fordert.

          Das kleine Bahnhofsbistro in der Schweizer Provinz St. Gallen ist zum Interview und Fernsehstudio geworden. „Ich weiß, wo die Schwachstellen der Männer sind“, sagt Nicole Petignat und lacht. Solche Sätze mögen die Reporter. Trotzdem sind es nicht das Kamerateam einer schlüpfrigen Fernsehshow, es ist ein Sportkanal.

          Redaktion Fußball. Nicole Petignat ist Schiedsrichterin. Und sie ist eine Frau. Die einzige in der Schweiz, die unter Männern auf dem Fußballplatz in der Nationalliga A oder anderen europäischen Ligen steht. Dunkelblonde Löckchen, braune Augen, direkter Blick, nettes Gesicht, meistens lacht sie.

          „Hart am Ball statt am Herd“

          Eine moderne Frauenrechtlerin argwöhnen manche. Eine Besserwisserin, die keine Ahnung vom Fußball hat. Eine Frau eben. Urteile und Vorurteile drehen sich wie bunte Lichter am Karussell im Kreise. „Ganz akzeptiert haben mich die Männer nie. Aber ich will es denen zeigen, was eine Frau leisten kann.“ Eine harte Probe. Wer liest gerne solche Schlagzeilen. „Nicole - hart am Ball statt am Herd.“

          Die Männer vom Boulevard machen ihren Job, ihre Freunde sind sie nie geworden. Und oft genug wissen die Experten auf den Sitzen im Stadion genau was für die 35 Jahre alte „Ref-Frau“ aus dem Jura gut ist. „Ab in die Küche mit dir.“ Oder „Blöde Hure - geh stricken“, schrie einer einmal. Sie hat ihn nur grinsend angeschaut und gesagt: „Was willst du, Pullover oder Socken.“ Dann herrschte Ruhe. Der Maulheld verkroch sich. Betonköpfe gibt es viele, die das Leben als Schiedsrichterin beschwerlich machen. Nicole Petignat hat ihre eigene Art darauf zu reagieren. Kein leichter Job: Nicht alles ist locker und leicht. Sie aber hat ein Rezept: Situationskomik.

          Ohne Schlagfertigkeit aufgeschmissen

          Der arme Kerl lag da und krümmte sich vor Schmerzen. Der Schuss traf nicht ins Tor, aber trotzdem mitten ins Schwarze. Viele standen mit mitleidigen Blicken um ihn herum. Auch Frau Petignat. Das täte höllisch weh sagte einer. „Sorry“, sagte sie, „ich weiß nicht wie man sich da fühlt.“ Die Kerle in ihren Kickstiefeln lachten los. Ohne Schlagfertigkeit ist man als Frau im Männersport Fußball aufgeschmissen. Nicole Petignat ist 1983 dabei. Sie pfiff das Frauenfinale der WM 1999 USA gegen China, Ligaspiele in Österreich, das Olympiaturnier in Sydney und die Nationalliga A.

          Früher war Nicole Petignat Musiklehrerin. Heute ist sie Geschäftsführerin in einem Sportstudio. Vielleicht passt das besser zu ihrem dynamischen Auftreten, der Mischung aus burschikos und weiblicher Intuition. Dieser Mut hat ihr viele Fans eingebracht. Respekt der Zeitungen weniger. Auch in der Schweiz haben sie viele Blätter mit großen Buchstaben, die gerne auf Klischees herumreiten. „Die machen vor dem Privatleben nicht halt.“

          Lebensgefährte ist Fifa-Referee

          Tagelang waren sie und ihr neuer Freund Thema in den Überschriften und langen Artikeln. Nicht nur, weil der Liebste Urs Meier heißt und ein bekannter Fifa-Schiedsrichter ist. Sie warfen ihr am Ende sogar vor, sie hätte ihn das Finale oder wenigstens das Halbfinale bei der EM 2000 in den Niederlanden gekostet. „Stolperte Meier über seine Nicole?“ hieß die Überschrift, nur weil sie ihn dort besuchte und mit ihm ausging. „Andere haben auch privaten Besuch erhalten“, sagt Meier. Nur war es nicht Nicole Petignat, die Schiedsrichterin aus der Schweiz, die einzige Frau.

          Sie sitzt im Glashaus, nicht nur heute im Bistro des St. Gallener Bahnhofes. Sie ist es gewohnt, beobachtet zu werden. Begeisterung löst das nicht aus. Es bleibt der anonyme Vorwurf, der sie wie ein Schatten überall begleitet: Ein „Weibsbild“ richtet auf dem Fußballplatz nur Unheil an. Es ist mehr als ein Gerücht, dass bei ihr mehr Beobachter auf der Tribüne sitzen als bei anderen. Sicher auch, weil sie von Diplomatie wenig hält. Spontaneität, ein Schuss Menschlichkeit, den andere im Geschäft der Unparteilichkeit als Schwäche auslegen, auf den legt sie Wert.

          Ruf der Außenseiterin

          Als sie Sions Torwart Fabrice Borer abklatschte, als der gegen den FC Zürich einen Elfmeter hielt, gab es einen Aufschrei der Entrüstung und den Hinweis aus der Verbandszentrale, weniger theatralisch zu sein. Der Ruf der Außenseiterin festigte sich und den wird sie wohl nie wieder los.

          „Nur wenn du keine Angst zeigst, geht es.“ Auf dem Rasen weicht sie deshalb keinen Millimeter zurück. „Die spüren das.“ Es sieht trotzdem lustig aus, wenn so ein Zweimeter-Hüne mit Bartstoppeln vor ihr steht und sie ihm mit Mühe die gelbe Karte unter die Nase hält. „Man muss seine Fehler akzeptieren, sonst macht man sich doch selbst fertig.“ Einmal, erinnert sie sich, da meckerte einer: „Du hast wohl Tomaten auf den Augen“, weil sie nicht pfiff als er es wollte. Ein paar Minuten später stand der Kritiker allein vor dem Tor.

          Es waren wohl ein paar Meter, die er kläglich vorbei schoß. Nicole Petignat ging zu ihm hin und sagte: „Na, jetzt hast wohl du Tomaten auf den Augen gehabt, oder?“ Rache ist süß. So etwas bringt wohl nur sie fertig. Ihre Art hat ihr Respekt eingebracht, um Anerkennung kämpft sie weiter, die einzige Frau mitten unter Männern.

          Weitere Themen

          Sie nähen an ihrer Zukunft

          Integration : Sie nähen an ihrer Zukunft

          Als eine Modedesignerin in Deutschland keine Schneiderinnen findet, stellt sie geflüchtete Frauen ein. Die Näherinnen überraschen die Gründerinnen immer wieder.

          Leistungsdruck im Leistungssport Video-Seite öffnen

          Bis der Körper schmerzt : Leistungsdruck im Leistungssport

          Leistungsdruck ist im Sport allgegenwärtig. Nur wer damit umgehen kann, wird auch wirtschaftlich gefördert. Die Eisschnellläuferin und Olympiateilnehmerin Bente Pflug berichtet aus ihrem Leben im Leistungssport.

          Topmeldungen

          Mays Position nach dem Deal : Der Brexit macht einsam

          Premierministerin Theresa May verliert immer mehr Rückhalt. Nicht nur ein geordneter Brexit, auch ihre eigene Zukunft steht jetzt auf dem Spiel. Kann sie das verkraften?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.