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Porträt : Marcel Wüst: „Ich sehe optimistisch in die Zukunft - mit einem Auge“

  • -Aktualisiert am

August 2000: In der Klinik Bild: dpa - Sportreport

Ein Schicksalsschlag hat den Radprofi im August 2000 getroffen. Bei einem Sturz verlor er sein rechtes Augenlicht. Ein Porträt.

          „Wenn ich von einem Tag auf den anderen sehen könnte“, sagt Marcel Wüst, „dann bräuchte ich drei Wochen und könnte wieder mitfahren.“ Als der 33-Jährige diesen Satz spricht, hebt er die linke Augenbraue.

          Denn mit der rechten könnte er das kaum. Dem Radprofi ist auf den ersten Blick anzusehen, wie grausam der Unfall im August vergangenen Jahres war. Das Auge ist geschwollen und geschlossen. „Ich sehe im Moment zwar nur mit einem einem Auge, aber ich sehe optimistisch in die Zukunft.“ Weil Marcel Wüst Mitleid ahnt, sagt er Sätze wie diese mit einem verschmitzten Lächeln auch in die Fernsehkameras.

          Schilderung mit Schaudern

          Marcel Wüst trägt oft eine Brille. Mit nicht getönten Gläsern. Marcel Wüst versteckt sich und sein Leid nicht. Sein Auge liegt tief in der Augenhöhle, es ist mit Silikon gefühlt. Das Lid ist fast geschlossen. Mit einer Selbstverständlichkeit, die eine Mischung aus Bewunderung und Erschrecken erzeugt, kann er heute über die Operation berichten. Die Schilderung ruft Schaudern hervor: Da ist davon die Rede, dass ein Schädel geöffnet, Platten und Schrauben eingesetzt („Die kann man fühlen.“), Hirnhaut vernäht und Knochen zersägt wurden. Alles um eine zertrümmerte Augenhöhle zu operieren. Passiert war der Unfall nach der Tour de France in einem Örtchen namens Issoire in Frankreich, bei einem Kirmesrennen.

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          Dass einer nach solch einer Operation überhaupt wieder an Radfahren denkt, gemeinsam mit seiner Frau Heike, auf Mallorca intensiv trainiert hat und die kleine Hoffnung auf das Comeback im Hinterkopf hat, das verblüfft. Ebenso Ausstrahlung und Aura des Athleten.

          „Ich falle nicht ins Leere“

          Was macht der Top-Sprinter bei den Rennen dieses Frühjahrs und Sommers? „Ich bin dabei“, lacht er und denkt an die Deutschland Rundfahrt. Da hat er im Vorjahr vier Etappen gewonnen, diesmal wird ihm nicht minder viel Aufmerksamkeit gewiss sein. Ihm ist eine Aufgabe im Management von Festina übertragen worden, heißt es offiziell. „Ich falle nicht ins Leere“, verspricht er, „ich habe genug Angebote.“ Auf dem Rad ist er derzeit vorsichtiger als früher. „Ich sehe ja im Moment nicht einmal meine rechte Hand am Lenker.“ Allein fahren könnte er, doch in der Masse, im Pulk, im oft halsbrecherischen Sprint nicht mehr.

          Allein die Fähigkeit, dass er fünf Sprachen spricht, macht ihn in der internationalen Radszene begehrt. Ob Englisch, Französisch, Holländisch oder Spanisch - Marcel Wüst antwortet fließend. Bei der Präsentation der Deutschland Tour im Hamburger Schauspielhaus mimt er den Interviewer für Vorjahressieger David Plaza aus Spanien. Er übersetzt alle Platitüden fehlerfrei - am Ende gilt der Applaus eigentlich ihm. „Der Mann ist ein Wunder“, meint Moderator Gerhard Delling. Wüst, nie um Antwort verlegen: „Wenn man Kölsch dazu rechnet, kann ich sogar sechs Sprachen.“ Nicht Erik Zabel, Jan Ullrich oder Alex Zülle sondern Marcel Wüst heimst die Ovationen in Hamburg ein.

          Positives Denken und Rücksicht

          Marcel Wüst hat kaum Langeweile. Auf die Frage, wann er für Nachfragen zu erreichen sei, muss er überlegen. Motto: Da bin ich dort, dann bin ich fort. Und er ist gefragt. Weil kaum einer so überzeugend den Prototyp des Menschen verkörpert, der ganz am Boden lag und wieder aufgestanden ist. „Der Kölner Friedhof ist 'ne tolle Adresse, aber nicht in meinem Alter“, hat er mal in einem Interview verraten.

          Marcel Wüst ist herumgereicht worden in den vergangenen Monaten und Wochen. Er ist der Mensch, bei dem die Frage „Wie geht's?“ derzeit am ehrlichsten gemeint ist. Bei der ARD ist er vor dem Jahreswechsel aufgetreten, als die „Sportler des Jahres“ gekürt wurden. Die Anteilnahme und Anerkennung kannte schon da kaum Grenzen. Auch anschließend muss es ihm ein wenig komisch vorgekommen sein. Erst zum Karriereende kommen die Medien zu ihm.

          “Eine Deadline gibt es nicht“

          Er hat 1996 bei Rundfahrten erste Etappen gewonnen, er stand im Jahr darauf nach einem Abschnitt des Giro d'Italias auf dem obersten Podest, hat 1998 bei der Spanien-Rundfahrt drei, und 1999 gar vier Etappensiege auf seinem Konto versammelt. Und doch bedurfte es eines Etappenerfolgs bei der Tour de France, um im vergangenen Jahr überhaupt in das Bewusstsein einer angeblich am Radsport interessierten deutschen Öffentlichkeit zu gelangen. In zehn Jahren stand er fast Hundert Mal auf dem Podium, doch diese Siege wurden kaum registriert. „So ist das, wenn du in einem ausländischen Team fährst“, sagte Wüst.

          Die Behandlung des rechten Auges ist nicht abgeschlossen. Hat er eine Ahnung davon, ob er jemals wieder vollständig sehen kann? Wann eine Besserung eintritt? Marcel Wüst wirkt bei der Antwort nachdenklich. „Nein, das weiß ich alles nicht. Eine Deadline gibt es für mich nicht.“

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