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Pistorius unter Mordverdacht : Eine Kugel im Lauf

Oscar Pistorius unter Mordverdacht: Der Athlet stand bei seiner Festnahme unter Schock Bild: Reuters

Oscar Pistorius, ein Vorkämpfer für den Behindertensport und der wohl bekannteste Mann mit Prothesen an den Beinen, soll seine Freundin im Keller des eigenen Hauses in Südafrika erschossen haben.

          Oscar Pistorius hat am Donnerstagmorgen offenbar seine Freundin Reeva Steenkamp getötet. Er wurde unter Mordverdacht festgenommen und soll am Freitag dem Haftrichter vorgeführt werden. Pistorius hat das 30 Jahre alte Fotomodell nach Berichten aus Südafrika in den frühen Morgenstunden im Keller seines Hauses in Pretoria erschossen. Nach Radioberichten erlag sie den Schusswunden in Kopf, Brust und Arm. Pistorius feuerte demnach vier Schüsse auf die Frau ab, mit der er seit wenigen Wochen liiert war.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Eine Polizeisprecherin sagte, sie sei sehr überrascht von der Hypothese, dass der 26 Jahre alte Pistorius seine Freundin mit einem Einbrecher verwechselt und deshalb auf sie geschossen habe. Viele Südafrikaner sind bewaffnet, das Land hat eine der höchsten Gewaltraten der Welt. Südafrikanische Medien hatten über eine tragische Verwechslung spekuliert, weil Reeva Steenkamp am Vortag ihres Todes über Twitter auf den Valentinstag angespielt hatte. „Welche Überraschung habt ihr für eure Liebe im Ärmel?“, sendete sie am Mittwoch. Ihre letzte Nachricht war die Antwort auf eine Einladung zum Kuchenessen: „Ich werde dort sein wie ein Bär.“ Die Polizeisprecherin sagte, dass die Polizei früher wegen häuslichen Streits zur Adresse von Pistorius gerufen worden sei. Die Staatsanwaltschaft kündigte an, dass sie einer Freilassung auf Kaution widersprechen werde. Der Athlet stand bei seiner Festnahme unter Schock.

          Reeva Steenkamp und Oscar Pistorius: „Welche Überraschung habt ihr für eure Liebe im Ärmel?“

          Pistorius ist sechsfacher Paralympics-Sieger, einer der bekanntesten Athleten der Welt und Vorbild vieler behinderter Sportler. Er hat sich als erster Läufer auf Prothesen das Recht erstritten, an den Leichtathletik-Wettbewerben der Olympischen Spiele teilzunehmen. Im vergangenen Jahr startete er in London sowohl bei den Olympischen als auch bei den Paralympischen Spielen. Bei Olympia erreichte er über 400 Meter das Halbfinale. Bei den Paralympics gewann er über 400 Meter und mit der Staffel die Goldmedaille. Erst im Laufe des Donnerstags wurde eine Nike-Werbung von der Website von Pistorius entfernt, in der sich der Athlet mit den Worten vorstellt: „Ich bin eine Kugel im Lauf.“

          Fatale Folgen von Angst und Sicherheitswahn

          Pistorius hat ein Faible für Schusswaffen. Im vergangenen Jahr nahm er einen Reporter der „New York Times“, der ihn im „Silver Woods Country Estate“ von Pretoria besuchte, einer eingezäunten und bewachten sogenannten „gated community“, mit auf einen Schießstand. Aus seinem Zuhause, das er sich mit einem Studienfreund teilt, nahm er eine Pistole vom Kaliber neun Millimeter und scharfe Munition mit. Er gehe manchmal, wenn er nachts nicht schlafen könne, auf diese Anlage, zitierte ihn der Reporter. Pistorius erzählte zudem, wie er sich verhielt, als ein (falscher) Alarm ihn in der Nacht zuvor weckte: Er nahm seine Waffe und schlich die Treppe hinunter.

          Athlet mit Faible für Schusswaffen: „Ich bin eine Kugel im Lauf“

          In Südafrika werden täglich im Schnitt fast 50 Menschen ermordet. Bei Einbrüchen und brutalen Überfällen sowie bei deren Abwehr kommt es immer wieder zu tödlichen Zwischenfällen. Verwechslungen sind nicht selten. Vor 15 Monaten erschoss ein Vater seine 15 Jahre alte Tochter, die in der Nacht von einer Party heimkehrte; er hielt sie für einen Einbrecher. Die fatalen Folgen von Angst und Sicherheitswahn hat die südafrikanische Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer in der Kurzgeschichte „Es war einmal“ beschrieben: Ein Kind klettert einem Kätzchen nach und kommt in dem Stacheldraht um, mit dem seine Familie Haus und Kind zu schützen versucht.

          Vorkämpfer des Behindertensports

          Pistorius hat stets betont, dass er sich nicht als behindert betrachte. „Man wird nicht von seinen Behinderungen behindert“, sagte er, „sondern von seinen Fähigkeiten befähigt.“ Weil er ohne Unterschenkelknochen geboren wurde, ließen ihm seine Eltern als Kleinkind die Beine unterhalb der Knie amputieren. Er lernte laufen mit Prothesen und wurde als Blade-Runner bekannt, weil er im Wettkampf auf Karbonfedern läuft. Diese Prothesen hielt der Welt-Leichtathletikverband (IAAF) zunächst für Hilfsmittel, die ihm einen Vorteil gegenüber anderen Läufern verschaffen. Pistorius widerlegte dies in einem aufwendigen juristischen Verfahren.

          Er verstand sich als Vorkämpfer des Behindertensports, wenn er ein Grundrecht auf Sport und damit auf die Teilnahme an allen Wettkämpfen einforderte. Sein Rechtsstreit mit der IAAF kostete ihn so viel Zeit, dass er sich wegen mangelnden Trainings nicht für die Spiele 2008 in Peking qualifizieren konnte. Dennoch wurde Pistorius ein Star über Südafrika hinaus.

          Vorläufer mit Prothesen: „Man wird nicht von seinen Behinderungen behindert, sondern von seinen Fähigkeiten befähigt“

          Sein Leben als „schnellster Mensch ohne Beine“ ist in Büchern und einem Film beschrieben worden. Er qualifizierte sich mit der südafrikanischen Staffel über vier mal 400 Meter für die Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2011 in Daegu - und wurde zu seiner Enttäuschung und seiner Wut fürs Finale nicht aufgestellt. Als er im vergangenen Jahr im Halbfinale über 400 Meter bei den Olympischen Spielen ausschied, umarmte ihn der spätere Olympiasieger Kirani James unter dem Beifall von 80.000 bewegten Zuschauern herzlich.

          Als er bei den Paralympics von London über 200 Meter knapp dem Brasilianer Alan Oliveira unterlag, warf er diesem vor, sich mit überlangen Prothesen einen Vorteil verschafft zu haben - und stellte sich damit als Opfer des Techno-Dopings dar, das auch ihm vorgeworfen wird.

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