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Paralympische Spiele : Eine, die niemals aufgibt

  • -Aktualisiert am

Kämpfernatur Anne Brießmann: „Über den Sport habe ich ins Leben zurückgefunden“ Bild: Kaufhold, Marcus

Eigentlich wollte Anne Brießmann als Leichtathletin bei den Paralympics starten. Doch ihre Disziplin wurde gestrichen. Jetzt ist sie als Rollstuhlbasketballspielerin auf dem Weg nach London.

          Leider ist Anne Brießmann so gar nicht der Typ, der sich gerne diese kitschigen Du-kannst-alles-schaffen-Filme anschaut. Dabei ließe sich ihr Weg in bester Hollywood-Manier erzählen: Die Geschichte von einer, die dem Schicksal sportlich trotzt. Die sich immer wieder aufrichtet, auch aus dem Rollstuhl heraus. Die sich selbst dann nicht unterkriegen lässt, wenn ihr die Funktionäre des Behindertensports die Paralympischen Spiele versemmeln. Die wieder von vorne anfängt, alles gibt und letztlich doch das Ticket für London in der Tasche hat. Wenn Ende August die Paralympics beginnen, kämpft sie im Team der Rollstuhlbasketballspielerinnen um eine Medaille.

          Dabei wollte die 39 Jahre alte Hessin aus der Nähe von Bensheim eigentlich als Leichtathletin nach London reisen. Die Teilnahme an den Paralympics war ihr Traum, seit den Olympischen Spielen 2008, als sie im Fernsehen verfolgte, wie Dirk Nowitzki mit strahlendem Gesicht die deutsche Fahne durch das Stadion in Peking trug. „Das will ich auch einmal erleben“, habe sie damals gedacht und seither vier bis fünf Mal die Woche trainiert - bis das Internationale Paralympische Komitee (IPC) Anne Brießmanns Paradedisziplin Diskuswerfen aus dem Programm strich. „Ich habe mich schwer geärgert“, erinnert sie sich heute.

          Aber wer wie sie eine Kämpfernatur ist, gibt nicht auf. Das hat sie schließlich auch vor sieben Jahren nicht getan, als sie beim Skifahren in Österreich stürzte, sich einen Wirbel brach und ihren Körper unterhalb des Bauchnabels nicht mehr bewegen konnte. Zurück aus der Reha, hat sie sich ein Handbike gekauft, ein Fahrrad für Querschnittgelähmte, das sie mit der Kraft der Arme antreibt. Und dann sagt sie doch diesen Satz, der in einem Drehbuch stehen könnte: „Über den Sport habe ich ins Leben zurückgefunden.“

          Mit klaren Zielen nach London: „Wir wollen eine Medaille“

          Deshalb war auch nach der folgenreichen Entscheidung des IPC klar, dass es für Anne Brießmann auch ohne Diskus sportlich irgendwie weitergeht. Sie konzentrierte sich voll auf Rollstuhlbasketball, das sie in Darmstadt schon als Ausgleichssport zur Leichtathletik gespielt hatte, wechselte erst nach Aschaffenburg, dann zu den Frankfurter Skywheelers. Wenn sie von ihrer neuen Leidenschaft spricht, kommt sie in Fahrt. Auf nationaler Ebene spielen Männer und Frauen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Behinderungen zusammen, auch Nichtbehinderte gehören zum Team; die werden Fußgänger genannt. „Diese Mischung ist einfach geil“, sagt die Bankkauffrau.

          Wer ihr beim Training in Frankfurt zusieht, nimmt ihr die Leidenschaft ab. Da fasst sie beherzt seitlich an die Räder, nimmt Tempo auf, dribbelt den Ball und spielt ihn ab, bevor sie von einem gegnerischen Spieler aufgehalten wird. Die beiden Rollstühle prallen gegeneinander, es scheppert, beide Spieler lachen.

          „Wir wollen eine Medaille“

          An ihre Rolle als Defensivspielerin habe sie sich allerdings gewöhnen müssen, gibt Anne Brießmann zu, die vor ihrem Unfall als Scorer spielte und auch mal auf 40 Körbe in einem Spiel kam. Heute ist sie diejenige, die aus der Defensive heraus den Ball in die Zone bringt. Sie sitzt tief in ihrem Rollstuhl mit hoher Lehne, der ihr Halt geben soll; eine 5000 Euro teure Spezialanfertigung aus Aluminium. Im Rollstuhlbasketball machen vorwiegend die Fußgänger die Körbe, weil sie beweglicher sind und höher auf ihren Rollstühlen sitzen. Heute kann sie froh sein, wenn sie aus der Defensive heraus einen oder zwei Körbe machen kann. Aber sie wolle sich nicht beklagen. „Man kann sich erarbeiten, dass man daran Freude hat“, findet sie.

          Jedenfalls ging im Trikot der Rollstuhlbasketballerin alles so schnell, dass man nicht umhinkommt, die Rede vom Shootingstar zu bemühen: Vergangenen Sommer debütierte sie in der ersten Bundesliga und spielte so gut, dass Bundestrainer Holger Glinicki auf sie aufmerksam wurde und sie zu Beginn des paralympischen Jahres zum Kadertraining einlud. Wieder ist für Anne Brießmann alles neu: Das Reisen zu Wettkämpfen in den Vereinigten Staaten oder Australien, die internationale Konkurrenz, die kleineren und leichteren Bälle, die im Frauenbasketball angeordnet sind. Sogar an die eigenen Teamkolleginnen muss sie sich noch gewöhnen. Deshalb geht es jetzt im Training der Nationalmannschaft, die in Peking Silber holte, viel um Taktik und Abstimmung, um die ewigen Favoritinnen aus den Vereinigten Staaten zu schlagen oder die starken Holländerinnen. „Wir wollen eine Medaille“, sagt Anne Brießmann. Das wäre allerdings ein Happy End.

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