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Aktualisiert: 12.02.2014, 11:28 Uhr

Olympia in Sotschi IOC verbietet Trauerflor

Das IOC verbietet zwei Sportlerinnen das Totengedenken. Man halte es schlicht nicht für angemessen. Eine Regel dafür gibt es nicht. Die Aussage, die olympische Freude solle nicht gestört werden, ist entlarvend.

von , Sotschi
© dpa Die Norwegerinnen wollten nur gemeinsam mit Astrid Jacobsen und deren Familie trauern

Kaum zu glauben, aber wahr: Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat es geschafft, Wladimir Putin vorübergehend die Schau zu stehlen. Am ersten Wettkampfwochenende trafen die Olympier eine eigene, erschütternde Entscheidung, mit der sie stärker ins Leben der Athleten eingreifen, als der russische Präsident es bislang gewagt hat. Wobei: Genau genommen sind es zwei Entscheidungen, die so weltfremd und gefühllos daher kommen, dass man sich fragen kann, ob im IOC noch irgend etwas anderes zählt als das gelackte Fernsehbild. Denn offenbar scheint es genau darum zu gehen.

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Der Reihe nach: Fall eins betrifft die norwegische Langläuferin Astrid Jacobsen. Ihre ganze Mannschaft war am Samstag im Skiathlon mit Trauerflor gestartet, in Gedenken an Astrid Jacobsens am Vortag verstorbenen Bruder. Anschließend gab es vom IOC – eine schriftliche Rüge. Das Tragen eines Trauerflors sei nicht angemessen.

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Fall zwei betrifft kanadische Snowboarderinnen, die mit einem Sticker an ihre vor zwei Jahren tödlich verunglückte Landsfrau Sarah Burke erinnern wollten, eine der besten Snowboarderinnen der Welt. Das IOC tat was? Genau. Es verbot den Aufkleber am Helm.

Frage an die Olympier: Welche Regel verbietet den Sportlern das Totengedenken in dieser Form? Antwort des IOC-Sprechers: Keine. Und wieder: Man halte es schlicht nicht für angemessen. „Der Wettkampf soll eine Feierstätte bleiben, sie müssen andere Orte zum Gedenken finden.“ Das macht sprachlos, aber nur fast. Denn das IOC hat ein Problem: Es gibt tatsächlich keine Regel in der Olympischen Charta, mit der sich die Verbote von schwarzen Armbändern und kleinen Aufklebern zum Gedenken an Verstorbene verbieten lassen. Sie verbietet in Regel 50 allein Propaganda. Aber Totengedenken an Angehörige und Freunde wird wohl kaum unter Propaganda zu subsumieren sein, sofern nicht plötzlich Che Guevaras, Karl Marx‘ oder anderer politisch oder ideologisch besetzter Toter gedacht wird.

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Das IOC steht mit seiner Haltung im Sport allein. Im Fußball laufen Spieler seit Jahrzehnten mit Trauerflor auf, sollte der Anlass es gebieten. Und selbst die auf jeden Quadratzentimeter vermarktbare Fläche spekulierende Formel 1 schafft bei Unglücksfällen Platz – entweder auf den Autos oder den Helmen der Fahrer, vielfach auf beidem. Zur Zeit auch bei den Testfahrten, als Ausdruck der Anteilnahme an Michael Schumachers Schicksal. Aber das IOC hält diese Form des Mitgefühls nicht für angemessen.

Die Frage ist: Wen stört es? Die Aussage, die olympische Freude solle nicht gestört werden, ist entlarvend. Gestört würde allein das perfekte Fernsehbild von rackernden Athleten und strahlenden Siegern – durch ein Zeichen menschlicher Anteilnahme. Schlimmer noch: Nach der Einschränkung der politischen Äußerungen greift das IOC nun in die Intimsphäre der Sportler ein. Die norwegischen Langläuferinnen wiesen darauf hin, dass sie Astrid Jacobsen bei der Trauerbewältigung helfen wollten. Nicht ihr Akt des Mitgefühls, sondern die Reaktion der Funktionäre darauf ist nicht angemessen. Sie sollten ihre Aufforderung sofort zurücknehmen.

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