http://www.faz.net/-g8b-7m2ha

IOC-Session : Plötzlich ist Leben in der Bude

Von den aktuellen Problemspielen lässt er sich nicht bremsen: IOC-Chef Thomas Bach Bild: AFP

Leidenschaftlich diskutieren die IOC-Mitglieder über Defizite ihrer Bewegung und wie Deutschland wieder für eine Bewerbung gewonnen werden kann. Präsident Bach treibt mit Wucht seine „Agenda 2020“ voran.

          Die Session lebt! Als neuer Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) muss sich der Deutsche Thomas Bach in diesen Tagen von Großmächten beuteln und von Menschenrechtlern und Naturschützern heftig kritisieren lassen. Als launiger Animateur aber hat er am ersten Tag der 126. Vollversammlung in Sotschi – seiner Premiere als Chef – eine glänzende Rolle gespielt.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Notorische Hinterbänkler bekamen am Mittwoch Farbe ins Gesicht, und eine bunte Auswahl aus der guten Hundertschaft meldete sich zu Wort, viele zum ersten Mal. Bach hat anderthalb Tage reserviert, um über die Zukunft der olympischen Bewegung zu diskutieren, und plötzlich ist Leben in der Bude. Mit Wucht treibt er sein Reformprogramm unter dem Motto „Agenda 2020“ voran, von den aktuellen Problemspielen lässt er sich nicht bremsen.

          Nach abschreckenden Beispielen, die ihnen den Reformbedarf ihrer Organisation vor Augen führen, müssen die Olympier ja zur Zeit nicht lange suchen. Vor der Tür erleben sie eine Rekord-Kostenexplosion und eine alarmierende Bedeutungsübernahme der Spiele durch die Politik. Sie müssen die Rolle des hilflos Mitgehängten in Putins provokantem Machtspiel ertragen. Und dazu sagen auch noch alle: Selbst schuld an der Milliardenpanne. Das IOC hätte vor sieben Jahren in Guatemala-City Putins Werben ja nicht erliegen müssen.

          Der einzige offene Traditionalist: Fürst Albert von Monaco
          Der einzige offene Traditionalist: Fürst Albert von Monaco : Bild: REUTERS

          Risikoanalyse – dies war dann auch eines der Schlüsselwörter in der Diskussion um die Regulierung künftiger Olympiabewerbungen. Im Dezember hatten die Führungsfiguren des IOC in einer Klausur in Montreux einen Ideenkatalog erarbeitet, der nun der Session vorgelegt wird. Beschlüsse gibt es erst im Dezember. Die Frage, ob die Wiedereinführung persönlicher Inspektionsbesuche den Mitgliedern ein realistischeres Bild von den Problemen eines Bewerbers geben könnte, wurde am Mittwoch lebhaft abgewogen gegen die Risiken solcher Reisen. Sie waren einst Ausgangspunkt der Korruptionskrise, in die einige gierige Mitglieder das IOC 1999 stürzten, und wurden darum abgeschafft. Mit Hilfe von hübschen Büchern und Videos könne man den Mitgliedern aber viel erzählen, bemängelten gleich mehrere Diskutanten. Und tatsächlich: Die Bewerber von Sotschi präsentierten der Session einst begeisternde Trickfilme vom geplanten Wintersportzentrum am Schwarzen Meer. Fürst Albert von Monaco war in dieser Frage der einzige offene Traditionalist: „Die Entscheidung vor 15 Jahren war richtig.“

          Manchmal fehlt die simple Eigenrecherche

          Als Alternative wurde vom Plenum ein meinungsfreudigerer Bericht der Evaluierungskommission vorgeschlagen, der den Mitgliedern bisher nur als technische Grundlage ihrer Entscheidung dienen soll und selten gelesen wird. „Ich habe noch keinen Report gesehen, der mich ermutigt hätte, eine Stadt nicht zu wählen“, beklagte Austin Sealy aus Barbados, IOC-Mitglied seit 1994. Dass manchmal aber auch die simple Eigenrecherche fehlt, könnte die Entscheidung vom vergangenen September erklären, die Sommerspiele 2020 trotz der atomaren Risiken von Fukushima nach Tokio zu vergeben.

          Die olympische Familie: Mit Hilfe von hübschen Büchern und Videos kann man den Mitgliedern viel erzählen
          Die olympische Familie: Mit Hilfe von hübschen Büchern und Videos kann man den Mitgliedern viel erzählen : Bild: REUTERS

          Das Erwachen von Sotschi mag für manches naive IOC-Mitglied jetzt eine Enttäuschung sein. Es hat aber – zusammen mit der nackten Korruption bei der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 nach Russland und 2022 nach Qatar, für die das IOC nichts kann – das Image der internationalen Sportpolitiker zumindest im aufgeklärten Europa nahezu ruiniert. Eine Kultur der Geldgier und des Größenwahns wird ihnen unterstellt, und es wird schwer sein, dieses Bild zu verbessern. Ausgerechnet der scheidende Marketingchef Gerhard Heiberg – einer der Motoren der marktorientierten Spiele-Vergaben – benannte am Mittwoch dieses Problem: „Es gibt natürliche Gründe, warum nur wenige Länder Winterspiele organisieren können“, sagte er.

          Heiberg zählte die Nationen noch einmal auf, in denen jüngst entschieden wurde, auf Bewerbungen zu verzichten: Österreich, die Schweiz, Deutschland und Schweden. „Was ist passiert? Was können wir machen, dass diese Länder das wieder wollen?“, fragte der Norweger. Man müsse, betonte er übereinstimmend etwa mit dem russischen Top-Funktionär Alexander Schukow, die Olympia-Budgets besser erklären.

          Wie auf dem Jahrmarkt

          Jean-Claude Killy, Chef der Koordinierungskommission zwischen dem IOC und dem Organisationskomitee von Sotschi, beklagte in diesem Zusammenhang die negativen Medienberichte. Das operative Budget der Spiele von Sotschi betrage zwei Milliarden Dollar und werde zu einem Großteil vom IOC getragen. Es habe sich im Vergleich zu Vancouver 2010 nicht erhöht. 6,5 Milliarden habe Sotschi für olympische Bauten ausgegeben, die zur Hälfte vom Staat bezahlt würden. Alles Weitere seien Investitionen, die der Entwicklung der Region dienten. Dass die Spiele von Sotschi insgesamt 50 Milliarden Dollar kosteten, hat aber selbst den kuweitischen Scheich Ahmad Al-Sabah zwischendurch „ein bisschen nervös“ gemacht. Der Präsident aller Nationalen Olympischen Komitees gab an, er habe dann erkannt, dass diese Summe auch die Kosten für Infrastrukturmaßnahmen enthalte. Plus Korruption – das erwähnte der Scheich aber nicht.

          Abschreckend für ein aufgeklärtes Land dürften allerdings auch schon die Kosten für eine reine Bewerbung sein. IOC-Vizepräsident John Coates bezifferte sie in seiner Einführung auf siebzig Millionen Dollar, mehr als 50 Millionen Euro. „Die Kosten machen uns allen Sorgen“, sagte er. Bach möchte in Zukunft Bewerberstädte vom Zwang zur Konformität befreien und ihnen die Chance geben, Olympische Spiele in ihre eigenen Entwicklungspläne besser zu integrieren. Dies würde ihnen echte Argumente in die Hand geben und den Beratern und Spindoktoren die Geschäftsgrundlage entziehen, die das Glattfrisieren von Bewerbungen zu einem lukrativen Geschäft gemacht haben. Dem Nordkoreaner Chang sind solche Leute sowieso schon lange ein Dorn im Auge. „Manchmal komme ich mir vor wie auf dem Jahrmarkt“, sagte er. Der Eindruck sollte in Zukunft besser vermieden werden.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Nordkorea ohne Athleten

          Olympische Winterspiele : Nordkorea ohne Athleten

          Ob Pjöngjang Sportler nach Pyeongchang sendet, ist nicht nur eine politische Frage. Die meisten Wintersportler Nordkoreas sind schlicht zu schlecht, um sich für Olympia zu qualifizieren.

          Haftstrafen für zwei Syrer Video-Seite öffnen

          Terroristische Vereinigung : Haftstrafen für zwei Syrer

          Das Oberlandesgericht in München hat zwei Männer aus Syrien zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Die Angeklagten hatten nach Einschätzung der Richter als Mitglieder der Organisation Ahrar al-Sham am syrischen Bürgerkrieg teilgenommen.

          Topmeldungen

          Trumps UN-Rede : Feurige Worte und tödliche Missverständnisse

          Donald Trump hebt die Bedeutung „souveräner Nationalstaaten“ hervor und teilt gegen Nordkorea aus. UN-Generalsekretär Guterres mahnt zur Einigkeit – mit einem Seitenhieb gegen den amerikanischen Präsidenten.
          Amerikas Außenminister Rex Tillerson

          Iran : Tillerson fordert Änderungen am Atomabkommen

          Der amerikanische Außenminister hält die Iran-Vereinbarung für nicht streng genug. In einem TV-Interview droht er: Sollte es keine Änderungen geben, würden sich die Vereinigten Staaten aus dem Pakt zurückziehen.
          Die britische Regierungschefin Theresa May

          Brexit : Großbritannien will der EU 20 Milliarden Euro zahlen

          Die britische Regierung will der EU zum Austritt eine Milliardensumme überweisen. Doch der Betrag, den Regierungschefin May zahlen möchte, liegt offenbar deutlich unter den Forderungen aus Brüssel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.