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Olympia-Kommentar : Die vergifteten Spiele von Pyeongchang

Winterspiele mit rätselhaftem Erbe: Was bleibt von Pyeongchang? Bild: dpa

Die Winterspiele haben in ihren besten Momenten die Kraft des Sports gezeigt. Das Desinteresse des IOC am staatlich organisierten Doping Russlands ist indes erschütternd.

          Vierzehn Goldmedaillen für Deutschland: Nie sind deutsche Sportler erfolgreicher von Olympischen Winterspielen zurückkehrt als aus Südkorea. Kein anderes Land hat mehr Wettbewerbe gewonnen. In Erinnerung bleiben wird aber vor allem: eine Niederlage. Das 3:4 nach Verlängerung im Eishockey-Finale gegen die „Sbornaja“, wer hätte das für möglich gehalten? Ein Sieg, eine der größten Sensationen des Sports, war greifbar nahe. Aber die Spieler werden dennoch als große Sieger in Erinnerung bleiben. Eine Mannschaft, als krasser Außenseiter ins Turnier gestartet, drängte das Team, das von Wladimir Putin mit dem Auftrag ins Turnier geschickt wurde, an die Zeiten sowjetischer Eishockey-Dominanz anzuknüpfen, an den Rand einer Niederlage.

          Diese Winterspiele haben in ihren besten Momenten die Kraft des Sports gezeigt: Am stärksten berührt das Unerwartete. Scheinbar aussichtslos in Rückstand nach dem Kurzprogramm, zeigten Aljona Savchenko und Bruno Massot ein viereinhalb Minuten währendes bezauberndes Kunstwerk auf dem Eis, das sie zu Gold im Paarlauf trug. Plötzlich schwärmt Deutschland, das Land, das viele auf dem Weg zur Fußball-Monokultur sehen, von Eishockeyspielern und Eiskunstläufern. Es wirkt wie die Freude, die diese Auftritte erzeugt haben: durch und durch erfrischend.

          Abseits der Eishallen zeigten die deutschen Sportler, dass es sich für Deutschland lohnt, wie kaum ein anderes Land im hochtechnisierten Wintersport nach Perfektion zu streben. Der Erfolg rechtfertigt die Investitionen. „Perfekt“, wie Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, das Bild nannte, das der deutsche Wintersport abgibt, ist es aber nicht: Die Sportarten, in denen Deutsche traditionell glänzen, haben keine globale Anziehungskraft, daran ändern auch Bobs aus Nigeria und Jamaika nichts. Es gibt nahezu keine Disziplin bei Winterspielen, in denen sich, wie bei den Schwimmern oder Leichtathleten im Sommer, die Jugend der ganzen Welt misst.

          Dafür sind weder Kombinierer noch Biathleten, kein Rodler und kein Skispringer verantwortlich. Aber ausgerechnet in den Sportarten, die Olympia attraktiv machen für Jugendliche, in denen Sportler aus nahezu aller Welt antreten, hat der DOSB nichts zu bieten: Slopestyle, Big Air, Halfpipe? Nein, danke, wir sind Deutsche.

          In Pyeongchang wird schon an diesem Montag wieder Ruhe einkehren, noch mehr Ruhe. Die Sogwirkung der Spiele auf die Koreaner hielt sich in äußerst überschaubarem Rahmen. Auch die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) waren vom Unterhaltungswert offenbar nicht überzeugt, selbst nach dem gemeinsamen Auftritt der Sportler aus Süd- und Nordkorea bei der Eröffnungsfeier und den Spielen des vereinten Eishockey-Teams. Zur letzten Sitzung der IOC-Vollversammlung trafen sich am Sonntagmorgen 52 von 97 Mitgliedern. Die Beschlussfähigkeit war gerade so hergestellt.

          Dabei sollten die Mitglieder die Entscheidung ihrer Exekutive bestätigen, Russland zwar nicht zur Abschlussfeier, aber nach Auswertung der Doping-Kontrollen in ein paar Tagen wieder formal in den olympischen Zirkel aufzunehmen. Sie taten es. Das Desinteresse der IOC-Mitglieder am Umgang mit den Konsequenzen des staatlich organisierten Doping-Betrugs von Sotschi 2014 ist erschütternd. Für die weitere Aufarbeitung der den Sport zersetzenden Korruption lässt das nichts Gutes ahnen. Auf ein überzeugendes Signal, aus dieser dunklen Affäre gelernt zu haben, wartet die Welt vergeblich. Inzwischen ist es zu spät. Die Zahl der von ihren Funktionären frustrierten Sportler wächst und wächst, die Stimmung ist, nicht zuletzt wegen der zwei Doping-Fälle in Pyeongchang unter den vom IOC als „neue, saubere“ Generation gepriesenen „Olympischen Athleten aus Russland“, vergifteter denn je. Athleten fühlen sich im Stich gelassen.

          Die Funktionäre des IOC sind dagegen gedanklich schon weiter: bei den Winterspielen 2022 in Peking. Die Chinesen werden niemals so viele leere Ränge zulassen wie die Südkoreaner. Schon jetzt erfüllten sie dem IOC jeden Wunsch. Sie investierten mit nie dagewesenem Aufwand. Chinesische Sponsoren steigen in das Geschäft ein. Wie heiter die Spiele von Peking werden, zeigte sich am Samstag in Pyeongchang. In einer Pressekonferenz der chinesischen Organisatoren stellte das chinesische Pressekorps vorformulierte Fragen und bekam vorformulierte Antworten. Nach getaner Arbeit, aber lange vor Ende der Pressekonferenz, verließ man einhellig den Saal. In China wird zu lesen sein, dass man die Umweltprobleme gelöst hat, bevor sie entstehen konnten.

          In Pyeongchang dagegen ist auch nach Ende der Spiele nicht klar, was mit einem Viertel der Wettkampfstätten geschehen soll. Für einen Bewerber, der den Spielen so lange hinterherlief, dass sogar der wegen Korruption verurteilte Samsung-Chef Lee Kun-hee – ein IOC-Mitglied – vom Staatspräsidenten zu Hilfe gerufen wurde, ist das ein erstaunlich gedankenloser Auftritt. Er zeigt auch, dass es dem IOC bislang nicht gelungen ist, das stets verwendete Vokabular von Nachhaltigkeit und bescheideneren Spielen in die olympische Tat umzusetzen. Das Misstrauen gegenüber den Herren der Spiele wird auch dadurch weiter wachsen.

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