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Sotschi 2014 : Olympischer Kannibalismus

  • Aktualisiert am

Schnee am Schwarzen Meer: „Sotschi lebt nicht von Wintersportarten“ Bild: dpa

Nach Politikern und Sportlern kritisieren auch Sportfunktionäre die Austragung der Winterspiele in Sotschi: „Mit ihrem Hang zu Gigantismus“, sagte IOC-Mitglied Gian-Franco Kasper, werde sich die olympische Bewegung „selbst auffressen“.

          Rund drei Wochen vor Beginn der Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi wird die Kritik an der Veranstaltung immer lauter. Neben kritischen Stimmen von Sportlern und Politikern kommen nun auch Funktionäre aus dem inneren Zirkel des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zu einem vernichtenden Urteil über die Vorbereitungen auf die ersten Winterspiele in Russland.

          Gian-Franco Kasper, der Präsident des Internationalen Skiverbandes (Fis) und Mitglied der Koordinierungskommission für Sotschi, sagte dem Schweizer Fernsehsender SRG, dass er nach wie vor davon ausgehe, dass rund ein Drittel des Rekordbudgets von rund 51 Milliarden Dollar für die Spiele und die damit in Zusammenhang stehenden Infrastrukturmaßnahmen in korrupte Geschäfte geflossen ist. Bauverträge seien vor allem mit Günstlingen des russischen Präsidenten Wladimir Putin und des Kreml geschlossen worden, die „Baumafia“ habe vom olympischen Geschäft enorm profitiert: „Die Verträge gingen an Leute, die den Fuß in der Tür hatten“, sagte Kasper, „das wissen wir.“

          Die Winterspiele gelten als teuerstes Großereignis der Sporthistorie, die Kosten der mit den Spielen in Zusammenhang stehenden Projekte übertreffen bei weitem jene der Olympischen Sommerspiele von Peking 2008, obwohl damals 302 Wettkämpfe ausgetragen wurden und dementsprechend mehr Sportstätten gebaut werden mussten. Sotschi erwartet 98 Entscheidungen.

          „Ein Drittel verschwindet“

          Kasper sagte, er habe zwar keine offiziellen Zahlen für seine Schätzung, aber er gehe von Korruption in dieser Höhe aus, da dies in Russland allgemein kolportiert werde: „Ein Drittel verschwindet“, sagte Kasper. Der russische Putin-Kritiker Boris Nemtsow begrüßte Kaspers Aussagen: „Wir versuchen seit einer ganzen Weile, das IOC für dieses Thema zu interessieren, aber bislang hat das nicht funktioniert. Niemand hat das Thema Korruption bislang angefasst, aber die Fakten liegen auf dem Tisch. Beim IOC hatte man bislang bevorzugt zu sagen: Es ist alles gut. Korruption ist nicht unser Bier, das ist das Problem des Gastgeberlandes“, sagte Nemtsow. Er hatte am vergangenen Donnerstag einen Bericht vorgestellt, der das Ausmaß der Korruption im Zusammenhang mit den olympischen Bauprojekten bereits im vergangenen Mai nachweisen wollte.

          Gian-Franco Kasper: „Die Verträge gingen an Leute, die den Fuß in der Tür hatten“

          Zudem scheint Kasper nach wie vor nicht überzeugt von der Wahl des Olympiaorts am Schwarzen Meer: „Sotschi lebt nicht von Wintersportarten.“ Er rechne deshalb mit „kalten, herzlosen“ Spielen. Durch den Einsatz Zehntausender Soldaten und Sicherheitskräfte sei die Großveranstaltung zwar sicher, nach Kaspers Orten der „sicherste Orte der Welt“, aber bei den Wettkämpfen werde wohl keine Atmosphäre oder gar Begeisterung aufkommen. Seine Befürchtung: Mit ihrem Hang zum Gigantismus werde sich die olympische Bewegung „selbst auffressen“. Kasper ist Graubündner aus St. Moritz. Im vergangenen Jahr hatten die Bürger des Schweizer Bergkantons wie die Bürger der Gemeinden Oberbayerns eine Bewerbung um die Olympischen Winterspiele 2022 in einem Referendum abgelehnt.

          Ähnlich wie der Schweizer hatte sich am vergangenen Freitag auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière geäußert. Auf der Feier anlässlich des 60. Geburtstags von IOC-Präsident Thomas Bach in Tauberbischofsheim sagte der Spitzenpolitiker der CDU, dass eine deutsche Olympiabewerbung erst in Frage komme, wenn das IOC die Voraussetzungen modifiziere. „Die Regeln müssen sich ändern“, sagte de Maizière und forderte bei der Vorbereitung olympischer Spiele eine neue Mentalität.

          Spielmacher Putin: Der Präsident wollte Olympia, er bekam Olympia

          Zuvor hatte bereits der frühere Generalsekretär der CDU, Heiner Geißler, Bach mit Blick auf die Ansprüche des IOC an Ausrichter Olympischer Spiele zu Veränderungen aufgefordert. Felix Neureuther, einer der prominentesten deutschen Sportler, die nach Sotschi reisen, hatte in einem Interview mit dem „Spiegel“ die Vergabe der Spiele nach Russland kritisiert. „Die Herren (des IOC, d. Red.), die da entscheiden, müssen sich Gedanken machen“, hatte Neureuther gesagt. Es sei „der falsche Weg“, Olympia dorthin zu vergeben, wo das meiste gezahlt werde. Zudem sei er von der Debatte um die Menschenrechtsverletzungen in Russland berührt und könne sich nicht vorstellen, dass diese andere Sportler kaltlasse.

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