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Eiskunstlauf-Kommentar : Die kalte Seite der Liebe

Die erst 15 Jahre alte Alina Sagitowa holte in Pyeongchang Gold im Eiskunstlauf. Bild: AFP

Die Teenager aus Russland haben das Kommando übernommen. Aber ist das noch Eiskunstlaufen? Es ist spektakulär, aber es ist auch kalt. Und der Weg zur Höchstleistung ist mitleidloser Drill.

          Nicole Schott ist deutsche Meisterin im Eiskunstlaufen. Der Auftritt in der olympischen Kür am Freitag in Gangneung glückte ihr leidlich, Schott wurde Achtzehnte. Ein paar Plätze weiter vorn wäre schön gewesen, aber unzufrieden war sie nicht. Und sie hatte noch etwas, worauf sie sich freute: den letzten Olympiaauftritt von Carolina Kostner, der Südtirolerin, mit der Schott in Oberstdorf bei Michael Huth trainiert. „Caro wird immer meine Lieblingsläuferin bleiben“, sagt Schott. „Bei ihr merke ich nicht, was sie gesprungen ist. Alles fließt ineinander, das, finde ich, ist Kunstlaufen. Das ist das Künstlerische, das die Leute berührt.“

          Carolina Kostners Zeit als Eiskunstläuferin geht zu Ende, 31 Jahre ist sie alt, aber der Wettbewerb in Gangneung muss auch zehn Jahre Jüngeren wie Schott oder der Bronzemedaillengewinnerin Kaetlyn Osmond wie ein Fanal vorgekommen sein: Die Teenager aus Russland haben das Kommando übernommen, mit vielfachen Sprungkombinationen, die angesichts ihrer Körperartistik für schieres Staunen sorgen. Aber auch für eine entscheidende Frage: Ist das noch Kunstlaufen?

          Nicole Schott sagt, Jewgenija Medwedewa und Alina Sagitowa seien „nicht meine Lieblingsläuferinnen. Kaetlyn Osmond ist eine Frau, die beiden sind Kinder, auch von der Statur her. Bei ihnen ist es erst das Laufen, dann das Springen. Aber es ist nicht das große Ganze.“ 1,59 Meter misst Medwedewa, 1,52 Meter Sagitowa, und vor allem Sagitowa zeigt ihr Können wie eine Bodenturnerin, der Schlittschuhe untergeschnallt wurden. Das ist spektakulär, aber das ist auch kalt. Braucht das Eiskunstlauf nicht dringend ein höheres Mindestalter für Seniorenwettbewerbe?

          Gerade der Gedanke ans Turnen lässt schaudern, zumal in diesen Tagen. Denn was möglich ist, wenn Kinder auf Hochleistung gezüchtet werden, hat der jahrelange Missbrauch im amerikanischen Turnverband gezeigt. Wieder einmal. Die Details persönlicher Verantwortung sind längst nicht geklärt, auch in anderen Sportarten kommen nun Verdachtsfälle auf. Und selbst falls im russischen Eiskunstlauf nur mit rein sportlichen Absichten – und ohne Einsatz verbotener Mittel – auf Höchstleistung trainiert wird, dann ist der Weg dorthin mitleidloser Drill. Man kann es auch erbarmungslos nennen. Sagitowa und Medwedewa nennen es „Liebe“ zu ihrem Sport. Das ist die Welt des Spitzensports. Kann man für Teenager etwas anderes empfinden als Mitgefühl, wenn Liebe für sie das möglichst dauerhafte, klaglose Ertragen des Trainings ist? Welcher Vater, welche Mutter kann guten Gewissens eine solche Liebeserfahrung gutheißen, für die ihre Kinder noch vor der Pubertät einem eiskalten Trainingssystem ausgeliefert werden?

          Jewgenija Medwedewa und Alina Sagitowa wirken, es ist leider kaum anders zu sagen, wie die herausragenden Produkte dieses Systems. Sie sind Siegerinnen, sie werden Medaillen um den Hals bekommen, Silber für die eine, Gold für die andere. Die Menschlichkeit, die einzige überzeugende Rechtfertigung für die Existenz des Spitzensports, hat verloren am Freitag, wie so oft. Sie wird verraten von den Funktionären, die sich ihrer nur zu gern rühmen. Und die Regeln dann so gestalten, dass Gold gewinnt, wer die wenigsten Skrupel hat.

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