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Olympia in Sotschi : Putins Spiele

IOC-Präsident Thomas Bach und Russlands Präsident Wladimir Putin am Donnerstag in Sotschi Bild: AP

Als Wladimir Putin die Olympischen Spiele nach Russland holte, war er so populär wie nie zuvor. Nun liegen für ihn Zauber und Fluch in Sotschi nahe beieinander.

          Zum zweiten Mal finden Olympische Spiele in Russland statt, und zum zweiten Mal gilt: Die vorausgegangenen Jahrzehnte waren aus der Sicht einer Mehrheit der Russen nicht schlecht. Die Winterspiele von Sotschi verbindet noch mehr mit den Moskauer Sommerspielen 1980, selbst wenn das Russland von heute mit der Sowjetunion von damals nicht mehr Gemeinsamkeiten zu haben scheint als Präsident Putin mit Generalsekretär Breschnew.

          Historiker und Ökonomen haben die Regierungszeit Breschnews mit dem Schlagwort der „Stagnation“ belegt. Im Rückblick erscheinen die sechziger und siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts als eine Zeit, in der die altersschwache Führung um den Staats- und Parteichef die Entwicklung des Landes getreu abbildete. Viele Leute erinnern sich freilich an etwas anderes: an Stabilität und Verlässlichkeit; an eine Zeit, in der die von Revolution, Terror und Krieg zerrüttete und ermüdete Gesellschaft zur Ruhe kam, in der das Leben besser wurde und man dank Raumfahrt und Erfolgen im Sport stolz auf sein Land sein konnte. Die großen Plattenbausiedlungen, die später zum Symbol für die Tristheit des real existierenden Sozialismus wurden, waren für viele Menschen damals eine Verheißung: Wer dorthin zog, verließ die Welt der winzigen Gemeinschaftswohnungen.

          Die Olympischen Spiele in Moskau 1980 waren Höhepunkt dieser Ära. Doch diese letzte große Zurschaustellung sowjetischer Leistungsfähigkeit war schon getrübt vom Autoritätsverlust der kommunistischen Partei und vom Niedergang des von ihr geschaffenen Staates. Das Menetekel war der Einmarsch der Sowjetarmee in Afghanistan Ende 1979, der dazu führte, dass der Westen die Spiele boykottierte. Tod, Verstümmelung und Traumatisierung Zehntausender junger Soldaten in diesem Krieg untergruben wie wenig anderes die Legitimität des Systems, dessen wirtschaftliche Schwächen immer deutlicher zutage traten.

          Sotschi war in den beiden Jahrzehnten vor 1980 von einem Urlaubsort für Funktionäre zu einem Ziel geworden, von dem breite Massen immerhin träumen konnten. Seine Strände und Palmen, Restaurants und Hotels standen für das Versprechen eines kleinen Wohlstands, der mehr als nur die Bedürfnisse des Alltags befriedigte. Den besonderen Klang, den der Name der Stadt dadurch in den Ohren der Sowjetbürger annahm, hat er nie verloren - auch wenn den Russen heute die Welt offensteht und die meisten derer, die es sich leisten können, ausländische Urlaubsorte den Kieselstränden am Schwarzen Meer vorziehen.

          Das ist der Hintergrund für den Willen Putins, seine Olympischen Winterspiele im Süden Russlands austragen zu lassen. Geeignete Hänge für die Skiwettbewerbe hätten sich vielleicht auch woanders finden lassen, doch ohne den Zauber des Wortes „Sotschi“ wäre es viel schwieriger gewesen, den gigantischen finanziellen und propagandistischen Aufwand für die Spiele zu rechtfertigen. Die Investitionen in die seit dem Ende der Sowjetunion etwas heruntergekommene Stadt verhießen die Wiederherstellung eines Traums.

          Als Putin die Spiele 2007 nach Sotschi holte, war er so populär wie niemals zuvor und niemals danach. Sein Regime war damals nicht grundsätzlich anders als heute: Wahlen wurden manipuliert; Recht wurde gebeugt, der Spielraum von Kritikern eingeschränkt, Korruption im Gegenzug für Loyalität toleriert. Aber die Unterstützung, die Putin durch eine Mehrheit der Bevölkerung erfuhr, war zweifellos echt. Denn viele Russen verbanden seine Regierungszeit mit Aufstieg und wachsenden Einkommen; das Leben kehrte in ruhigere Bahnen zurück, nachdem während der chaotischen neunziger Jahre von der monatlichen Auszahlung des Lohns bis zum Bestand des Staates nichts mehr sicher zu sein schien. Am Ende der zweiten Amtszeit Putins als Präsident hatten viele Russen den Eindruck, sein muskulöser Körper sei das Sinnbild ihres wiederauferstandenen Landes. Die Spiele in Sotschi waren so etwas wie das Versprechen, dass sich diese Geschichte fortsetzen werde.

          Doch seither hat sich das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Machthabern verändert. Dabei geht es nicht in erster Linie um den Präsidenten und seine sinkende Popularität, sondern darum, wie sogenannte Staatsdiener mit der Bevölkerung umgehen und nur für sich selbst statt für das Land arbeiten. Auch dafür steht Sotschi. Als im Juli 2007 die Entscheidung des IOC zugunsten der russischen Bewerbung bekanntgegeben wurde, jubelten dort im Stadtzentrum Sotschis Tausende; die wenigen Kritiker und Skeptiker wurden kaum beachtet. Heute muss man in Sotschi lange suchen, bis man jemanden findet, der noch froh über Olympia ist. Kaum jemand ist wirklich gegen die Spiele. Empörung herrscht aber über Schlamperei, Arroganz, Rücksichtslosigkeit und Willkür der ausführenden Organe während der Vorbereitung auf die Spiele; sie vermischt sich mit der Furcht, die gigantomanischen Bauarbeiten, an denen sich einige wenige bereichert haben, könnten der Stadt einen irreparablen Schaden zugefügt haben. Das wird, wie Umfragen zeigen, auch andernorts in Russland deutlich wahrgenommen. Zauber und Fluch liegen nahe beieinander.

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