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Frauen-Eishockey : Pioniere ohne olympische Zukunft?

US-Trainerin Katey Stone: „Ich hoffe, dass ich nicht die Letzte bin.“ Bild: AP

Kanada und die Vereinigten Staaten dominieren das Frauen-Eishockey. Das IOC überlegt nun, ob der Sport weiter olympisch bleiben soll. Die Vergangenheit zeigt: Es könnte knapp werden für die Frauen.

          Sie hat früh lernen können, was es heißt, Widerstände überwinden zu müssen. Aufgewachsen ist Katey Stone auf dem Campus einer Privatschule in Connecticut. Ihr Vater war dort als Sportlehrer beschäftigt, und das riesige Parkgelände bot den Kindern alle Möglichkeiten, ihre Freizeit im Freien sinnvoll zu verbringen: Ball spielen, klettern, schwimmen, rennen, im Winter auf den zugefrorenen Seen Schlittschuh laufen.

          „Es war ein Paradies“, erinnert sich die 48-Jährige an ihre Jugend zusammen mit drei älteren Geschwistern. Kleiner Schönheitsfehler: Sie war ein Mädchen - und die Jungs, die wie sie nach dem Unterricht bei Wind und Wetter draußen rumtobten, wollten sie lange nicht dabeihaben. Bis sie merkten: Die Kleine ist nicht nur hartnäckig, sondern auch hochbegabt. Sie durfte schließlich überall mitmachen. Auch beim Eishockey, dessen Training für sie um 5.30 Uhr stattfand, danach ging es in die Klassen.

          Der Zeitplan der Olympischen Winterspiele in Sotschi

          Dieser Ehrgeiz hat sie weit gebracht. Später wurde aus ihr eine Nationalspielerin im Lacrosse. Heute ist sie Cheftrainerin der amerikanischen Eishockey-Frauen, die in Sotschi nach Gold greifen. Gegner im Turnierfinale sind an diesem Donnerstag die Kanadierinnen (18 Uhr).

          Katey Stone kennt den Großteil von ihnen, genau genommen 16 der 24, bestens: Sie hat sie mit angelernt. Seit zwanzig Jahren ist sie an der „Harvard University“ beschäftigt. Die älteste und elitärste Hochschule der Vereinigten Staaten leistet sich ein umfangreiches Förderprogramm in zwanzig Sportarten. Stipendien gibt es keine, dafür die Garantie, dass Ausbildung und Ausstattung der Trainingsstätten erstklassigen Ansprüchen genügen. Stone kümmert sich seit 1994 ums Frauen-Eishockey und setzte seitdem einige Maßstäbe

          In Amerika locken die Wettbewerbe tausende Besucher

          Mittlerweile gibt es in den Vereinigten Staaten fast hundert Colleges mit Teams, in denen das vermeintlich schwache Geschlecht den Puck jagt. Sie alle nehmen an den vielfältigen Leistungsvergleichen zwischen den Universitäten teil, die Tausende Besucher anlocken. „Es ist eine andere Welt, absolut entgegengesetzt zu dem, was du von uns kennst“, sagt die deutsche Nationalspielerin Tanja Eisenschmid, die seit 2012 an der University of North Dakota in der Stadt Grand Forks Kommunikationswissenschaft studiert: „Du wirst auf der Straße erkannt, die Leute sprechen dich an, du musst im Café Autogramme schreiben.“

          Die Harvard-Girls von Katey Stone sind oft die Besten. Sie qualifizierten sich neunmal für die Endspiele der nationalen College-Meisterschaft, gewannen drei Titel, stellten zwölfmal die „Spielerin des Jahres“ und werden von einer Chefin angeleitet, die mit 402 Siegen hinter der Bande ebenfalls einen Rekord erreichte. Die amerikanische Stürmerin Julie Chu, in Sotschi in der vierten Reihe eingesetzt, sagt: „Katey Stone setzt wirklich hohe Standards, und jeder von uns versucht, jeden Tag ihre Erwartungen zu erfüllen.“ Für die 31-Jährige ist die Trainerin „der Hauptgrund, warum wir zuletzt so erfolgreich waren: Sie macht Druck, treibt uns an, kümmert sich um alles, kann motivieren, wie ich es noch nie erlebt habe.“

          Die deutschen Eishockey-Frauen haben sich in Sotschi wacker geschlagen. Dennoch ging es für das Team von vornherein nur um den Klassenerhalt.

          Das „Team USA“ gewann das erste Olympia-Gold vor 16 Jahren beim Debüt in Nagano. Seitdem ging der erste Platz stets an Kanada. Beide Nationen dominierten auch in Russland die Gegner nach Belieben. Um zu verhindern, dass sie bereits im Halbfinale hätten aufeinandertreffen können, wurde für die Gruppenverteilung extra ein neuer Modus eingeführt. Die acht Teams wurden entsprechend ihrer Weltranglistenplazierung verteilt: Die besten vier in Gruppe A, das übrige Quartett kam in B.

          Soll der Sport olympisch bleiben?

          Kanada als Erster gewann das Vorrundenduell gegen die Amerikanerinnen knapp 3:2. Wirklich gefordert wurden beide Gegner davor und danach nicht. Zwischen ihnen und dem Rest des Klassements liegen mindestens drei Klassen. Deswegen wird sich das Internationale Olympische Komitee (IOC), dessen Präsident Thomas Bach als Befürworter einer Verschlankung der Wettbewerbe gilt, vor den Spielen 2018 in Pyeongchang abermals mit der Frage beschäftigen, ob Frauen-Eishockey nicht wieder aus dem Programm genommen werden sollte - da sowieso nur zwei Länder gewinnen können.

          Bei einem ähnlichen Fall zeigten die Funktionäre in der Vergangenheit keine Gnade: Softball wurde vor Olympia in London 2012 gestrichen. René Fasel, Präsident des Internationalen Eishockey-Verbandes und Mitglied des IOC, zeigte sich am Dienstag in Sotschi überzeugt, dass es, solange er ein Wort mitzureden habe, „niemals“ dazu komme: „Wir müssen Geduld haben“, verlangt der Schweizer. „Die anderen Länder brauchen Zeit, sich zu entwickeln. Und es ist unsere Aufgabe, sie zu unterstützen.“

          In Kanada spielen 87000 Frauen Eishockey, in den Vereinigten Staaten 65 000, in Deutschland sind aktuell 3114 gemeldet - in Fasels Heimat lediglich 908. Katey Stone meint, es wäre nicht gerecht, wenn sie und die anderen, die zuletzt Pionierarbeit betrieben, in Zukunft der Olympia-Chance beraubt würden: „Wir tun alles, um dem Sport beim Wachsen zu helfen.“ So spielen in ihrer Mannschaft in Harvard mittlerweile neben Kanadierinnen auch Talente aus der Ukraine und Russland. „Und wir hätten gerne viel mehr aus Europa bei uns.“ Doch auch die nationalen Verbände müssten mithelfen und „Zeichen“ setzen. So wie ihrer.

          „Hockey USA“, das Nationaltrainer nicht fest anstellt, sondern auch bei den Männern vor wichtigen Großveranstaltungen immer aus mehreren Vereins-Coachs einen Kandidaten rekrutiert, übertrug die Aufgabe in Sotschi mit Katey Stone ganz bewusst einer Frau: „Ich sehe die Signalwirkung und wünschte, ich wäre hier nicht die Einzige gewesen.“ Doch viel wichtiger sei ihr etwas ganz anderes. „Ich hoffe“, sagt sie angesichts der ungeklärten Olympia-Zukunft ihrer Sportart, „dass ich nicht die Letzte bin.“

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