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Veröffentlicht: 12.02.2014, 11:23 Uhr

Eishockey bei Olympia Das letzte Spektakel

Einmal noch starten die Eishockeystars aus der NHL in ein olympisches Turnier. Danach soll Schluss sein: Den Klubchefs aus Amerika sind die Risikoprämien zu hoch und die TV-Quoten zu niedrig.

von , Sotschi
© REUTERS Dehnübungen für die Gold-Mission: Aus der Vogelperspektive allerdings sehen die größten Russen aus wie kleine Frösche

Sie sind froh, angekommen zu sein. Endlich und vollzählig. Am Samstag hatten viele noch ihre letzten Punktspiele. Kurz darauf brachen sie hastig auf, um rechtzeitig die Treffpunkte in Atlanta und New York zu erreichen. Dort warteten vier Chartermaschinen, die sie in einem halben Tag Flugzeit ans andere Ende der Welt brachten. Mike Babcock sah dennoch einigermaßen frisch aus, als er am Montagabend die Gegebenheiten in Sotschi erkundigte: Frisch geduscht, die Haare nass zurückgekämmt, spielte er mit einer Flasche Wasser in der Hand und pfiff beim Gang durch die „Bolschoi“-Halle entspannt vor sich hin. Der Cheftrainer des kanadischen Eishockey-Teams wirkte, als gefiele es ihm so kurz nach dem Eintreffen an der Schwarzmeerküste. Und so hörte es sich auch an, als er von seinen ersten Impressionen im Olympischen Dorf erzählte: „Das Essen ist lecker, die Zimmer groß, die Wege kurz“, sagte der 50-Jährige. Kurzum: „Uns gefällt es.“ Die Arbeit kann beginnen.

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Babcock, im Hauptberuf Chefcoach der Detroit Red Wings, und seine rund fünfzig Mann starke Gruppe aus Spielern, Assistenten und Betreuern rücken mit Verspätung in den Olympia-Fokus. Wegen der Verpflichtungen in der Heimat bleiben bloß vier Tage, um sich bestmöglich einzustimmen. Sie haben 2010 in Vancouver vor eigenem Publikum Gold gewonnen. Nun wollen sie diesen Titel von diesem Donnerstag an ausgerechnet in der Heimat des ärgsten Konkurrenten verteidigen. Dafür steht Babcock eine erstklassige Mannschaft zur Verfügung, die komplett aus Fachkräften der besten Liga der Welt gebildet wird: der nordamerikanischen National Hockey League (NHL). Bis zum 23. Februar erwartet Sotschi ein Eishockey-Spektakel der Superlative - und dann ist Schluss. Ein vergleichbares Stelldichein der Stars wird es in Zukunft mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr geben. Die Besitzer der NHL-Klubs wollen das Spiel nicht mehr länger mitspielen.

Canada's Crosby celebrates after scoring game winning goal against U.S. during overtime in men's ice hockey gold medal game at Vancouver 2010 Winter Olympics © REUTERS Vergrößern Sidney Crosby aus Kanada ist ein Superstar in der amerikanischen Eishockey-Liga NHL

Zu riskant, zu geschäftsschädigend - den Geldgebern bei den dreißig Klubs in Übersee fällt nicht nur ein Argument ein, mit dem sie ihren Angestellten künftig die Sonderschichten im Zeichen der fünf Ringe zu untersagen gedenken. Vor allem: Ihnen ist das Vergnügen zu teuer. Denn sie müssen die Großverdiener auch während der Abwesenheit weiter bezahlen. Und zwar zum Teil fürstlich. Mit jährlich rund 1,5 Milliarden Euro honorieren die Klubs mittlerweile die Leistung aller Puck-Strategen in der NHL. Und ihr möglicher Ausfall bei dem Trip nach Russland muss finanziell abgesichert werden. Durch Versicherungen, deren Kosten der Verband „Hockey Canada“ für die 14 Tage in Sotschi mit rund 5,5 Millionen Euro angibt; nur ein Teil davon wird durch das Internationale Olympische Komitee (IOC) ersetzt. Die Risikoprämien sind auch deswegen gestiegen, weil beim kompromisslosen Kampf um den Puck seit Jahren die Zahl der schweren Verletzungen, oft durch Gehirnerschütterungen ausgelöst, zunimmt. „Das ist ein echtes Problem“, sagte Jim Hornell, der kanadische Verbandspräsident. Jedes zusätzliche Wagnis gelte es deswegen zu hinterfragen.

1998 in Nagano waren NHL-Cracks erstmals bei Olympia dabei. In Sotschi, beim fünften Auftritt, werden fast 150 von ihnen die Schlittschuhe schnüren; in der Nacht zu diesem Mittwoch lief die Nominierungsfrist ab. Auch die Amerikaner, Schweden, Finnen und Tschechen haben ihre besten Leute für den Kampf um die Medaillen versammelt. Nur die Deutschen sind Zuschauer. Sie verpassten die Qualifikation, was für Christian Ehrhoff, den Verteidiger der Buffalo Sabres, „keine schöne Sache“ ist. Er macht stattdessen Kurzurlaub mit der Familie, um sich abzulenken, wie er sagte.

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