Rodeln: Natalie Geisenberger holt Olympia-Gold im Einsitzer
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Natalie Geisenberger (rechts) holte Gold, Dajana Eitberger Silber. Bild: AFP

Olympia-Doppelsieg im Rodeln : Geisenbergers Weckruf zum Gold

Rennrodlerin Natalie Geisenberger meistert die Schicksalskurve und wird wieder Olympiasiegerin, diesmal vor ihrer Teamkollegin Dajana Eitberger. Nur eine Nation kratzt an der deutschen Dominanz.

          Die Olympiasiegerin kannte Kurve neun des Alpensia Sliding Center, sie hatte das Männerrennen am Sonntag gesehen, den Fehler von Felix Loch. „Es war schwierig für mich, damit klarzukommen. Er hat mir einfach nur leidgetan“, sagte Natalie Geisenberger am Dienstagabend in Pyeongchang. „Für mich ist das ein richtiger Wachrüttler gewesen. Das Rennen ist erst am Ende des vierten Laufs zu Ende und keinen Meter eher.“ Nach diesem letzten Meter riss sie die Arme in die Luft. Wieder Olympiasiegerin im Rennrodeln. Bundestrainer Norbert Loch fiel ihr um den Hals, dann Felix Loch.

          Kurve neun hatte zuvor auch in diesem Rennen eine Schlüsselrolle gespielt. Die Amerikanerin Emily Sweeney hatte an der Ausfahrt jener inzwischen einigermaßen bekannten Schlüsselstelle der olympischen Rennrodelbahn von Pyeongchang die Kontrolle über ihren Schlitten verloren. Sie versuchte ihn wieder zu erlangen, es gelang ihr nicht. Sie prallte schließlich mit den Füßen voran in Kurve zwölf in die Bande und blieb kurz darauf auf dem Eis liegen. Die Zuschauer, eben noch enthusiastisch, wurden still. Der vierte Lauf wurde unterbrochen, die Rennrodlerinnen mussten warten, fünf Minuten, zehn, zwölf. Sweeney konnte schließlich aufstehen, wurde gestützt, nichts gebrochen zum Glück. Sie wurde in die Ambulanz des Olympiadorfs gebracht zur Untersuchung.

          Am oberen Ende der Bahn warteten die anderen Rennrodlerinnen drauf, dass das Rennen wieder aufgenommen wird. Sie waren diejenigen, die anschließend um die Medaillen fahren würden. Natalie Geisenberger führte mit drei Zehntelsekunden, um Silber und Bronze würden die Thüringerinnen Dajana Eitberger und Tatjana Hüfner fahren und die Kanadierin Alex Gough, mindestens. „Ich habe den Sturz von Emily zum Glück nicht gesehen“, sagte Natalie Geisenberger anschließend. „Die beiden anderen Amerikanerinnen haben geschrien, eine hat sogar zu weinen angefangen. Ich habe Dajana gefragt, was los ist. Sie hat gesagt: Schau nicht hin, du willst es nicht sehen. Du wirst es hinterher sehen.“ Das Olympia-Finale wurde zur reinen Nervensache. „Zehn Minuten Pause, du weißt nicht, was passiert ist“, erzählt Geisenberger: „Ich habe gesagt, konzentriert Dich einfach nur auf Dich, nutz die Zeit.“

          Sie nutzte die Zeit. Natalie Geisenberger wurde Olympiasiegerin, und wie in Sotschi gelang den Deutschen ein DoppelErfolg: Dajana Eitberger, die Minuten zuvor den Sturz Sweeneys gesehen hatte, gelang ein ganz starker vierter Lauf, der sie von Platz vier auf Platz zwei katapultierte, 367 Tausendstelsekunden hinter Natalie Geisenberger. „Ich wusste vom Herrenrennen, dass es bis zum letzten Fahrer wahnsinnig spannend ist“, sagte Eitberger anschließend. Sie hatte für sich befunden, dass sie den schwierigsten Teil des Jahres schon hinter sich gebracht hatte mit der erfolgreichen Olympia-Qualifikation.

          Vor dem vierten Lauf fand sie den Schlüssel zur Entspannung. „Das Wichtigste ist, den Schlitten fliegen zu lassen, einfach zu fahren, das Beste ist, wenn Schlitten, Fahrer und Bahn eins werden.“ Sie schoss an Gough vorbei, die sich schon ärgerte, dass sie eine Medaille verpasst haben könnte. Dann aber blieb Tatjana Hüfner, im dritten Lauf von Platz vier auf Platz zwei vorgefahren, hinter Gough und Eitberger zurück. Die Olympiasiegerin von Vancouver 2010 und Zweite von Sotschi 2014 war nicht eins geworden mit Schlitten und Bahn, es war nicht perfekt. Aber: „Es war ein anständiger Lauf.“ Warum sie zurückfiel, konnte sich Hüfner nicht erklären. Sie hatte sich in den vergangenen Jahren immer wieder von Verletzungen erholen müssen, 2015 hatte sie einen Achillessehnenriss erlitten, noch vor fünf Wochen musste sie wegen einer Nervenentzündung pausieren.

          Natalie Geisenberger ist in den vier Läufen nicht zu besiegen.

          Und nun hätte sie, mit 34 Jahren, ihre olympische Karriere mit einer weiteren Medaille beenden können: „Es ist bitter, aber sei’s drum, heute waren drei besser.“ Die Enttäuschung war ihr ins Gesicht geschrieben. „Tatjana war so nah dran, dann als Vierter raus zugehen, das geht auch mir sehr nahe“, sagte Bundestrainer Norbert Loch nach dem Rennen. „Wir haben eine lange Zeit zusammen erlebt.“ Seit 2008 ist Loch Bundestrainer, er hat Hüfners Olympiasieg miterlebt, aber auch ihre Verärgerung über die von ihr empfundene Benachteiligung gegenüber der bayerischen Konkurrenz. Das Verhältnis insbesondere zwischen Geisenberger und Hüfner hat sich seither wieder deutlich gebessert.

          So gewann Alex Gough die erste Einzel-Medaille im Rennrodeln für Kanada, ein Erfolg, dessen Relevanz für die nationale Sportgeschichtsschreibung sogleich notiert wurde. Rennrodeln konnte aus der Liste der Sportarten gestrichen werden, in denen Kanadier noch keine Medaille gewonnen haben, sie hat sich damit um ein Drittel reduziert. Es bleiben nur die Nordische Kombination und Skispringen. Gough sagte anschließend, die Bedeutung der Medaille sei riesig – „für die kommenden Generationen“. Sie wolle ihre Karriere höchst wahrscheinlich beenden.

          Anders als bei den Männern fahren bei den Frauen die Deutschen nach wie vor vorne weg, wenn Olympia ansteht. 14 von 18 möglichen Medaillen gewannen deutsche Fahrerinnen seit 1998, die letzte Olympiasiegerin mit einem anderen Pass war die Italienerin Gerda Weißensteiner 1994 in Lillehammer. Und anders als Gough und die Amerikanerin Erin Hamlin, Dritte vor vier Jahren in Sotschi, in Pyeongchang Sechste, will Geisenberger weiter machen, Hüfner womöglich noch ein weiteres Jahr fahren und Eitberger sowieso. In Winterberg wird kommendes Jahr eine Weltmeisterschaft ausgefahren. Für die Konkurrenz sind das schlechte Nachrichten.

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