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Rodeln bei Olympia : Bayerische Jodler über Gold

Doppelte deutsche Freude: Tobias Wendl und Tobias Arlt holen Gold, Toni Eggert und Sascha Benecken Bronze (von links nach rechts). Bild: dpa

Im Training gestürzt, im Rennen zugeschlagen: Das Rodel-Doppel Tobias Wendl und Tobias Arlt gewinnt wieder Gold. Doch auch die Österreicher haben etwas zu feiern.

          Der Weg zum Heldentum ist kurvig und kalt, er führt steil bergab, aber unten angekommen, reicht manchmal auch ein neunter Platz für den Aufstieg zum Sportheroen. Park Jin-yong und Cho Jung-myung hatten den Eiskanal von Alpensia gemeistert. Als sie im Zielraum standen, schwenkten sie vor dem begeisterten Publikum südkoreanische Flaggen und verbeugten sich mehrmals tief. Und als sie schließlich Interviews gaben, während oben, im Starthaus, die besten Doppelsitz-Rennrodler der Welt begannen, den Olympiasieg unter sich auszumachen, wurden sie ehrfürchtig betrachtet von jungen freiwilligen Helferinnen. Sie schlugen beim Anblick der Kerle in den Gummipellen eine Hand vor den Mund, während sie mit der anderen die Kameras ihrer Handys bedienten. Die Coolness des Doppelsitzer-Rodelns hatte einen kurzen, aber gar nicht mal kleinen Moment in Korea.

          Den ganz großen Auftritt aber hatten die Deutschen, wieder einmal. Olympiasieger! Damit war womöglich zu rechnen. Doch wer? Auch das dritte Rennen der Rodler auf der Olympiabahn war bis in die Schlusskurve spannend. Spannender, als es die Saison im Weltcup hatte erwarten lassen. Toni Eggert und Sascha Benecken haben acht von neun Rennen gewonnen in dieser Saison. Und kamen im Olympiarennen doch nur als Dritte ins Ziel. Olympiasieger? Wurden Tobias Wendl und Tobias Arlt, wie vor vier Jahren in Sotschi.

          Das Doppel vom Königssee hatte einen verkorksten Saisonstart im Weltcup, war noch am Dienstag gestürzt im Training, und sorgte im Ziel nach dem zweiten Lauf für einen Taumel. Trainer Norbert Loch, Felix Loch und Natalie Geisenberger, Trainingsgenossen aus Berchtesgaden, fielen den Siegern um den Hals, rissen sie zu Boden. Bayerische Jodler in Korea: Wendl/Arlt sind nun das dritte Doppel, das zweimal nacheinander in Olympiarennen siegte. Zwischen die deutschen Doppel schoben sich die Österreicher Peter Penz und Georg Fischler, mit dem Abstand von 88 Tausendstelsekunden auf die Sieger. Doch die bisherigen Seriensieger Eggert und Benecken wollten Platz drei nicht als Niederlage verstanden wissen.

          „Wir hatten eine phantastische, fast unglaubliche Saison. Deswegen sind wir als große Favoriten angereist“, erklärte Benecken. Sie hatten in Sotschi 2014 eine Enttäuschung erlebt. Platz acht, für deutsche Rodler nicht der Rede wert. Seither sind sie zum dominierenden Doppel geworden im Weltcup. „Wir haben einen unglaublichen Weg zurückgelegt in den vergangenen vier Jahren. Wir haben viele Unterstützer gewonnen. Das steigert den Druck, alle Sponsoren hoffen darauf, etwas für ihren Einsatz zu bekommen. Wir haben uns gefragt: Wie viel wollen wir riskieren? Wir haben uns entschieden, eine Nummer sicherer unterwegs zu sein als vielleicht manchmal im Weltcup.“ Bei Olympia müsse man auf das nächste Rennen vier Jahre warten, zu groß die Gefahr, hatten Benecken/Eggert entschieden. „Bronze war das, was wir heute aus eigener Kraft schaffen konnten. Wenn im zweiten Lauf alle gerade ins Ziel fahren, ist das das Maximum.“

          Wendl und Arlt, von denen Bundestrainer Loch sagte, dass da „einiges nicht gepasst“ habe in der gesamten Saison, dass sie im ersten Teil der Saison „nicht besonders gut gefahren“ seien, hatten dem Start entspannt entgegengesehen. „Wir haben die Goldmedaille von Sotschi in der Vitrine zuhause“, sagte Tobias Arlt anschließend. Das beruhigt. Oder? „Ich war überrascht von unserer Leistung im ersten Lauf“, sagte Wendl. Er dachte an den Sturz im Abschlusstraining. Da sitze man doch das nächste Mal normalerweise etwas wackliger auf dem Schlitten. Aber nicht an diesem Tag. Zweimal Startbestzeit: für Trainer Loch der Schlüssel zum Sieg. „Die Jungs sind heute zweimal eiskalt runtergefahren und haben deshalb die Medaille verdient“, sagte Sascha Benecken anschließend.

          Tobias Wendl bedankte sich bei der Thüringer Konkurrenz. „Mit so starker interner Konkurrenz bekommst du wirklich Druck, du musst dich zwingen, immer weiter zu entwickeln.“ Das Duell der Doppelsitzer wird noch weitergehen. Eggert kündigte an, in China in vier Jahren mehr Risiko eingehen zu wollen. „Vielleicht können wir dann befreiter fahren. Wir haben jetzt eine Olympiamedaille.“ Und Arlt sagte auf die Frage, ob die Bayern noch weiterfahren: „Na klar.“ Bei aller Dominanz der Deutschen – zuletzt hatten zwei deutsche Doppel beim Olympiarennen auf der Bahn von La Plagne in den Savoyer Alpen 1992 Medaillen gewonnen.

          Die Österreicher feierten die Silbermedaille beinahe so enthusiastisch wie den überraschenden Olympiasieg von David Gleirscher am Montag im Einzel. Penz und Fischler hatten vor vier Jahren in Sotschi auf Platz drei gelegen am Start des zweiten Durchgangs und waren auf Platz 19 im Ziel angekommen. Penz erzählte anschließend, dieses Missgeschick habe sie vier Jahre lang angetrieben. „Wir hatten mit Olympia noch eine Rechnung offen. Eine Olympiarechnung ist nicht einfach zu begleichen.“

          Tobias Wendl und Tobias Arlt im olympischen Eiskanal in Pyeongchang.

          Eine ist noch immer offen. In vier Jahren wird sie beglichen, dann wird bei Olympia auch ein Frauen-Doppel ausgefahren werden. Die Regeln des Rennrodelns schreiben zwar auch heute keine reinen Männerrennen vor, aber die letzte richtig erfolgreiche Beteiligung einer Frau liegt schon eine Weile zurück. Maria Isser aus Matrei am Brenner fuhr mit ihrem Bruder Josef 1955 bei der ersten Rennrodel-Weltmeisterschaft in Oslo auf den zweiten Platz. Wie sie von den freiwilligen Helfern angeschaut wurde? Handyfotos gab es damals noch nicht.

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