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Eishockey bei Olympia : „Uns fehlen wichtige Säulen“

Bundestrainer Marco Sturm (vorne) am Taktikbrett. Bild: dpa

Das deutsche Eishockey-Team will „die Großen ärgern“ – doch die Vorrundengegner haben es in sich. Und die besten Spieler sind nicht mit nach Südkorea gereist.

          Übung macht bisweilen ja den Meister. Erst als der Mann an der Kehrmaschine mit mehrmaligem Hupen unmissverständlich zu erkennen gibt, dass die Herrschaften doch bitte das Feld frei machen mögen, damit er seiner Aufgabe nachgehen und das Eis für die folgenden Nationalmannschaften wieder ordentlich glätten kann, sammeln die Deutschen ihre Siebensachen ein und ziehen sich in den Kabinentrakt zurück. Marco Sturm, der das Kommando führt über das Aufgebot aus 25 Spielern, konnte schon in seiner aktiven Zeit der Maxime „Ohne Fleiß kein Preis“ einiges abgewinnen. Daran hält er als Eishockey-Bundestrainer fest.

          Den heute 39-Jährigen brachte das Motto in die beste Liga der Welt, wo er in den Vereinigten Staaten und Kanada bis 2013 bei insgesamt sechs erstklassigen Adressen als treffsicherer Flügelflitzer in mehr als tausend Partien den Ruf des Eishockeys „made in Germany“ mehrte. Heute eifern dem ehemaligen Trendsetter sieben Deutsche nach, was durchaus als Beleg dafür zu werten ist, dass sich einiges getan hat in Quantität und Qualität der Nachwuchsausbildung. Sturm muss auf sie alle bei der schwierigen Olympia-Mission im Hockey-Center von Gangneung verzichten. Darunter Jungstar Leon Draisaitl (Edmonton Oilers), Abwehr-Routinier Dennis Seidenberg (New York Islanders) und Stanley-Cup-Gewinner Tom Kühnhackl (Pittsburgh Penguins).

          Die Klub-Eigentümer in der National Hockey League (NHL) beschlossen, ihren Akteuren erstmals seit 1994 das Mitwirken an den Winterspielen wieder kollektiv zu untersagen, stattdessen geht der Kampf um den Stanley Cup weiter; der südkoreanische Markt erscheint den macht- und geldbewussten NHL-Bossen als nicht lukrativ genug. „Uns fehlen wichtige Säulen“, sagte Christian Ehrhoff, der Verteidiger der Kölner Haie, der schon 2002 (zusammen mit Sturm in der ersten Reihe) in Salt Lake City dabei war. „Aber die anderen müssen auch auf große Namen verzichten, das macht unsere Chance vielleicht ein kleines Stück besser.“

          Führungspersonen im Gespräch: Christian Ehrhoff, Alfons Hörmann und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit Frau Elke Büdenbender (von links).

          Vor vier Jahren in Sotschi waren die Männer des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) außen vor; sie hatten sich nicht qualifizieren können. Ein Tiefschlag, der das Ende der Amtszeit von Pat Cortina einläutete. Nach der Amtsübernahme Sturms, der bis dato nur bei Spielen seines Sohnes in Florida gecoacht hatte, begannen Veränderungen zum Besseren, die sich unter anderem in den Viertelfinal-Qualifikationen bei den Weltmeisterschaften in Sankt Petersburg (2016) und Köln (2017) sowie der Rückkehr auf den achten Platz der Weltrangliste spiegeln. „Wir sind nicht nur als Touristen hier. Wir wollen auch jedes Spiel gewinnen“, kündigte der Nürnberger Stürmer Patrick Reimer forsch an. „Wir sind stolz, wieder dabei zu sein“, sagte Ehrhoff, der von Sturm als Führungskraft wertgeschätzt wird, „aber das reicht uns nicht.“ Es sei die Absicht der Mannschaft, „das deutsche Eishockey so teuer wie möglich zu verkaufen“.

          Das wird nicht einfach. In der Vorrunde bekommen sie es mit drei aus ihrer Sicht unbequemen Gegnern zu tun: Zuerst warten die Finnen an diesem Donnerstag (4.10 Uhr MEZ im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia und in der ARD sowie bei Eurosport), tags darauf die Schweden, ehe am Sonntag das Duell mit Norwegen ansteht. Der skandinavische Spielstil zeigte den Deutschen bei wichtigen Turnieren schon oft Grenzen auf, weil er drei Komponenten – läuferische Stärke, taktische Disziplin und technisches Geschick – so gut vereint, dass all jene, die sich (wie die Deutschen) zumeist über Kampf und Einsatz definieren, nur schwer einen Lösungsansatz finden. Doch der Olympia-Modus bietet selbst den Gruppenletzten unter den zwölf teilnehmenden Nationen die Möglichkeit, durch eine sich anschließende K.-o.-Runde weiterzukommen.

          So weit mag Sturm noch nicht denken. Seine Aufmerksamkeit galt vor dem Startschuss der Organisation seiner Leute. Er habe sich gewünscht, „ein paar Tage mehr zu haben, um in den Rhythmus zu kommen“. Doch diesen Freiraum bot der eng getaktete Vereins-Spielplan in der Heimat nicht. Sturm, der sich selbst nach der Ankunft in Asien eine Erkältung einfing, schätzt seine vier Reihen als „topfit“ ein. Was nötig sei. „Wir müssen sofort in Form sein, um die Großen zu ärgern“, sagte er, „wir müssen sie zu Fehlern zwingen.“ Ihm war bei der Zusammenstellung wichtig, „dass die meisten schon zusammengespielt haben und das System kennen“.

          Wegen der fehlenden Unterstützung aus Übersee sei er zum Improvisieren gezwungen: „Wir haben nicht die große Auswahl. Deshalb hat der ein oder andere auch Glück, weil er schwer zu ersetzen ist.“ Als schwierig schätzte der Bundestrainer die Ausgangslage auf der wichtigen Position des Torhüters ein. „Alle drei sind bei ihren Vereinen nicht die klare Nummer eins“, sagte Sturm über die Goalies Dennis Endras (Mannheim), Danny aus den Birken (München) und Timo Pielmeier (Ingolstadt). Im Eröffnungsspiel gegen Finnland startet Aus den Birken zwischen den Pfosten. Der Auserwählte dürfte auf Anhieb genügend Gelegenheiten bekommen, Werbung in eigener Sache zu betreiben: Gegen die angriffslustigen Finnen liegt der letzte deutsche Sieg 34 Jahre zurück.

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