http://www.faz.net/-g8b-975vn

Eiskunstlauf-Gold : Die Seele blüht

Die glücklichen Goldmedaillen-Gewinner Aljona Savchenko (links) und Bruno Massot. Bild: AFP

Bei ihrer fast perfekten Kür haben Aljona Savchenko und Bruno Massot bewusst auf das letzte Risiko verzichtet und dennoch Historisches geleistet. Das zeigt, welch große Bedeutung diese Goldmedaille tatsächlich hat.

          Gold für Deutschland! Gold für Deutschland? Ist das eine Goldmedaille für Deutschland, die Aljona Savchenko und Bruno Massot in Gangneung gewonnen haben? Es ist eine Goldmedaille für Aljona Savchenko und Bruno Massot, es ist die Auszeichnung für einen Auftritt, der die Zuschauer von den Sitzen gerissen hat, für eine sportliche Leistung, wie sie selbst von diesem olympischen Orchester optimierter Körper selten dargeboten wird.

          Dabei haben Savchenko und Massot bewusst auf das letzte Risiko verzichtet, den geworfenen Dreifach-Axel nicht eingebaut auf der Jagd nach dieser Goldmedaille. Wochenlang haben sie ihn trainiert, aber nicht mit der Sicherheit gelernt, wie sie in einer Olympia-Kür nötig ist. Das zeigt, dass sogar noch mehr ginge bei diesem Paar, dass selbst nach einem Auftritt wie an diesem Donnerstag noch Potential vorhanden ist. Der Trainer hatte das erkannt: Gefragt, ob das die perfekte Kür gewesen sei, die sein Paar da gezeigt hatte, antwortete Alexander König: „Nahezu. Das dürfen Sie einen Trainer nicht fragen.“

          Aber die Kombination Savchenko/Massot fasziniert nicht mit den höchsten, möglichst mit der Genauigkeit eines Uhrwerks dargebotenen Schwierigkeitsgraden. In dieser Hinsicht setzen die Chinesen Sui Wenjing und Han Cang Maßstäbe. Aber Zuschauer und Jury erkannten in Gangneung, dass die Seele des Eiskunstlaufens künstlerischen Ausdruck braucht, um zu erblühen. Und niemand hatte in dieser Hinsicht mehr zu bieten als Aljona Savchenko und Bruno Massot. Auch deswegen ist die Medaille eine Goldmedaille für die beiden – und für ihren Trainer, der viel dafür getan hat, dass sich vor allem bei Savchenko in den vergangenen Jahren ein freierer Geist entfalten konnte.

          Sie definierte sich stets über ihren ungemeinen Ehrgeiz, der es ihr erlaubte, dem Traum vom Olympia-Gold nachzujagen, trotz aller Rückschläge. „Mein ganzes Leben ist Kämpfen, Kämpfen“, sagte Savchenko am Donnerstag. Aber dass es zum Erreichen eines Ziels neben Fleiß auch Freiheit braucht, das hat sie erst in der Zusammenarbeit mit König begriffen. Ihr ganzes Potential erreichte Aljona Savchenko erst, als sie die Zusammenarbeit mit dem früheren Stasi-Mitarbeiter Ingo Steuer beendete. Man sollte das nicht überbewerten, schon deshalb nicht, weil sie die Vergangenheit des früheren Coachs nicht störte – aber eine besondere Fußnote steht deshalb schon unter diesem Olympia-Sieg.

          Ob er Deutschland Gold bringt, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Wenn sich abzeichnet, ob die Deutsche Eislauf-Union Kapital schlagen kann aus diesem Sieg. Ob aus Eiskunstlauf wieder mehr wird als ein Nischensport. Bislang hat die DEU investiert, zwei Drittel der 30.000 Euro, die für die Freigabe von Bruno Massot beim französischen Verband fällig geworden waren. Aljona Savchenko sagte, Deutschland habe ihnen geholfen und sie unterstützt, sie seien froh, ihre Medaille für Deutschland gewonnen zu haben. Die Steuerzahler, deren Euro für diesen Sieg eingesetzt wurden, dürfen sich anerkannt fühlen.

          „Du weißt nie, welches Blut in deinen Adern fließt“, sagte Savchenko, in der Ukraine geboren, am Donnerstag. Mit dem aus Frankreich stammenden Bruno Massot gelang ihr einer jener zu seltenen Momente, in denen ohnehin egal ist, welche Flagge neben dem Namen der Sportler auf der Anzeigetafel erscheint. Wen der Auftritt von Aljona Savchenko und Bruno Massot, die Kür auf dem Eis und die Tränen hinterher, kaltließ, sollte prüfen, ob überhaupt welches in seinen Adern fließt.

          Weitere Themen

          Klettern auf den Olymp

          Jan Hoyer : Klettern auf den Olymp

          2020 wird Klettern olympisch, die Verantwortlichen ließen sich für die Spiele in Tokio eigens ein neues Format einfallen. Die Athleten stellt „Olympic Combined“ vor neue Herausforderungen. Ein Deutscher will sie meistern.

          Kristina Vogel nominiert

          Sportlerwahl 2018 : Kristina Vogel nominiert

          Kristina Vogel gewann noch im April zwei WM-Titel, ehe ein Trainingssturz ihr Leben jäh veränderte. Nun darf sich die querschnittsgelähmte Sportlerin Hoffnungen auf eine besondere Auszeichnung machen.

          Topmeldungen

          Kommentar zur Koalition : Der Reigen der Reue

          Nach der SPD-Vorsitzenden Nahles gibt nun auch die Kanzlerin zu, in der Maaßen-Affäre einen Fehler gemacht zu haben. Auf ein das Jahr 2015 betreffendes Eingeständnis Merkels wird man aber wohl vergeblich warten.

          Studie über Kindesmissbrauch : Über die Täter

          Am Dienstag stellen die deutschen Bischöfe eine Studie über Kindesmissbrauch vor. Nur ein Viertel der Fälle wird beleuchtet – doch schon das hat es in sich.

          Wahl zum Weltfußballer : Das Ende einer Ära steht bevor

          Wenige Tage nach seinem Platzverweis droht Cristiano Ronaldo der nächste schmerzhafte Karriere-Moment. Bei der Kür zum Weltfußballer spricht vieles für einen anderen Spieler. Ronaldo kommt gar nicht erst zur Gala.

          Vorwurf von Thilo Sarrazin : Was in Schorndorf geschah

          Thilo Sarrazin behauptet, die F.A.Z. habe Ausschreitungen bei einem Stadtfest verharmlost. Diese Unterstellung wirft ein Schlaglicht auf seine eigene Vorgehensweise. Was unser Korrespondent Rüdiger Soldt dazu berichten kann.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.