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Pro & Contra Der „Fall Pistorius“

Der gehandicapte Oscar Pistorius startet für Südafrika bei Olympia - mit Unterschenkel-Prothesen. Sein Fall hat für Aufsehen gesorgt. Nicht jeder ist der Meinung, dass es richtig ist, einen Prothesenläufer starten zu lassen.

© dapd Vergrößern Gehandicapter Athlet: Der Südafrikaner Pistorius läuft mit Prothesen

Oscar Pistorius fehlten, als er vor 25 Jahren in Johannesburg geboren wurde, Schienbeine und Fußknochen. Um ihm zu ermöglichen, mit Prothesen zu laufen, ließen seine Eltern ihm mit elf Monaten die Unterschenkel amputieren. Gemeinsam mit seinen beiden Geschwistern trieb Oscar Pistorius sehr viel Sport.

Durch eine Verletzung, die er sich beim Rugby zuzog, kam er mit achtzehn Jahren erst zum Reha-Sport und dann zum Laufen. Nach nur sieben Monaten Training gewann er bei den Paralympics von Athen 2004 die erste seiner inzwischen fünf Goldmedaillen.

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Weil der Welt-Leichtathletikverband die Kohlefaserprothesen, auf denen er läuft, als unerlaubte Hilfsmittel definierte und ihn von Leichtathletikveranstaltungen Nichtbehinderter ausschloss, erkämpften Pistorius und seine Anwälte 2004 vor dem Internationalen Sportgerichtshof (Cas) sein Startrecht für internationale Wettbewerbe; in Südafrika war er immer gemeinsam mit nichtbehinderten Athleten angetreten.

Bild Oscar Pistorius Landesrekord mit der Staffel: Pistorius bei der WM 2011 in Daegu © dpa Bilderstrecke 

Für den Rechtsstreit ließen beide Seiten aufwendige Untersuchungen anfertigen. Der Cas urteilte, dass ein Vorteil gegenüber Läufern mit Beinen durch die Prothesen namens „Cheetah“ (Gepard) nicht nachgewiesen sei. 2011 startete Pistorius bei der WM in Daegu und erreichte das Halbfinale. Als Startläufer lief er mit der südafrikanischen Staffel im Vorlauf Landesrekord (2:59,21 Minuten), wurde aber im Finale, in dem sein Team Platz zwei erreichte, nicht eingesetzt.

Seitdem ist er der erste gehandicapte Athlet, der bei einer Leichtathletik-WM eine Medaille gewonnen hat. Mit 10,91, 21,58 und 45,07 Sekunden hält er die paralympischen Weltrekorde über 100, 200 und 400 Meter. Der südafrikanische Verband hat ihn für die Einzelrennen gemeldet, deren Finale am Montag ist, und für die Staffel.

Pro Pistorius

Es geht um Respekt

Von Friedhelm Julius Beucher

Der Start von Oscar Pistorius bei den Olympischen Spielen ist keine Frage der Gerechtigkeit, sondern eine des Regelwerks. Wenn jemand Leistungen erbringt, die ihn zu einem Wettbewerb qualifizieren, etwa die Olympianorm, muss man ihn starten lassen. Und wenn ihm die beiden Unterschenkel amputiert sind und sich an ihrer Stelle Prothesen befinden, ist das kein unerlaubtes Hilfsmittel, sondern schlicht ein Ersatz der Beine. Oscar Pistorius kann ja schlecht auf seinen Beinstümpfen laufen oder auf allen Vieren kriechen.

Der Internationale Sportgerichtshof Cas hat entschieden, dass die Prothesen dem Läufer keinen Vorteil verschaffen. 400 Meter werden ja nicht auf einer Geraden ausgetragen, wie es seinerzeit das Gutachten des Verbandes unterstellte, sondern die Runde durchs Stadion hat zwei Kurven. Hier liegt der Nachteil: Der menschliche Fuß ist der Prothese weit überlegen. Es gibt einfach keine Prothese, die die Beweglichkeit und Stabilität eines Fußgelenks hat. Wir müssen gar nicht in eine Inklusionsdebatte eintreten: Im Fall Pistorius geht es allein um den Respekt vor seiner großartigen Leistung. Der Mann hat sich auf zwei Prothesen für die Weltmeisterschaft und die Olympischen Spiele qualifiziert.

Oscar Pistorius ist nicht der erste Sportler mit Handicap, der bei Olympia startet. Vor ihm gab es schon Bogenschützen im Rollstuhl und eine sehbehinderte Läuferin. Aber gerade seine Wirkung in der Öffentlichkeit und seine Erfolge machen jedem deutlich, zu welchen Leistungen Menschen mit Behinderung in der Lage sind. Seine Bestzeit über hundert Meter von 10,71 ist weniger als eine Sekunde von den Zeiten entfernt, die Weltklasseläufer mit zwei Beinen laufen. Die Bestzeit von Heinrich Popow, der mit einer einzigen Beinprothese laufen muss, steht bei 12,66. Auch das ist eine Zeit, die Leute wie du und ich nicht erreicht haben bei den Bundesjugendspielen.

Solche Athleten muss man unterstützen. Man darf sie nicht behindern und bekämpfen. Denn als das empfinde ich es, wenn im Regelwerk von Sportverbänden explizit der Einsatz von Prothesen verboten wird: als Diskriminierung. Man schließt einen Menschen mit Behinderung aus. Ebenso ist es, wenn man gegen besseres Wissen festlegt, dass eine Prothese ein unerlaubtes Hilfsmittel sei. Für mich gehört Oscar Pistorius zu Olympia; möglicherweise als Vorkämpfer für die Inklusion, vielleicht als Vorbild für andere. Auf alle Fälle aber als großartiger Athlet, der sich diese Chance hart erkämpft und der sie verdient hat.

Contra Pistorius

Gegen die Grundidee

Von Clemens Prokop

Ich finde die sportliche Leistung von Oscar Pistorius genial, und er genießt meine höchste Anerkennung. Das kann allerdings nicht die Antwort auf die Frage beeinflussen, ob er mit seinen Prothesen in London starten soll. Ich bin der Meinung, dass er nicht starten sollte. Der Grund ist, dass Leichtathletik die Perfektionierung der menschlichen Grundbewegungen zum Gegenstand hat: laufen, springen, werfen.

Die Philosophie dabei ist, dass sich Leistung nur als Summe von Talent und Training ergibt. Nur dann sind die Leistungen objektiv vergleichbar. Unter dieser Voraussetzung ist die Benutzung von Hilfsmitteln ausgeschlossen, die das Bewegungsmuster beeinflussen. Dies ist eine Abgrenzung, auf der auch das Verbot von Doping basiert. Die Zuhilfenahme von technischen Hilfsmitteln, um nicht missverstanden zu werden, hat nichts mit Doping zu tun.

Aber auch sie verstößt gegen die Grundidee der Leichtathletik. Leistung ist in seinem Fall eben nicht mehr allein das Ergebnis von Talent und Training, sondern hier spielt auch die Qualität der Prothese eine entscheidende Rolle. Bei aller Wertschätzung halte ich es deshalb nicht für gerechtfertigt, dass er ein Startrecht bei den Olympischen Spielen hat. Der Sportgerichtshof Cas, der ihm das Startrecht zugesprochen hat, hat sich in seinem Urteil damit beschäftigt, ob die Prothesen Oscar Pistorius einen Vorteil verschaffen. Das Ergebnis ist unter Sportwissenschaftlern umstritten.

Die entscheidende Frage aber ist nicht nur, ob jemand einen ungerechtfertigten Vorteil durch seine Prothesen hat oder nicht. Vielmehr müssen wir feststellen: Ist das noch die klassische Leichtathletik, wenn jemand im Wettkampf technische Hilfsmittel für die Bewegung einsetzen darf? Sie ist es nicht. Gewiss gibt es im Moment keinen anderen Läufer und keine Läuferin mit Handicap, die Leistungen wie Oscar Pistorius erreichen. Doch eine solche Entscheidung ist ein Präzedenzfall.

Die Vergleichbarkeit der Leistung muss gegeben sein; das ist essentiell in der Leichtathletik, aber bei Läufern mit und ohne Prothesen nicht der Fall. Wenn man allein aus humanitären Gründen entscheidet, nach dem Prinzip: Anders als mit diesem oder jenem Hilfsmittel könnte sich der Sportler nicht fortbewegen, müsste man bei Laufwettbewerben auch Athleten zulassen, die im Rollstuhl sitzen. Es geht nicht um Oscar Pistorius als Person und seine Leistungen. Aber man muss abstrahieren. Deshalb verstößt sein Start gegen das Prinzip, dass hier sportliche Leistung allein von Körper und Training, aber nicht von technischen Hilfsmitteln abhängen darf.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 04.08.2012, 00:23 Uhr