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Olympia-Kommentar : Das Ende deutscher Sportkultur

Schöner Schein: In London treffen in den nächsten 16 Tagen zwei Sportwelten aufeinander - hier die Superstars, dort die Amateure Bild: AFP

Welchen Wert hat der Spitzensport für die Gesellschaft? Diese Diskussion wollen weder die Verbände noch die Politik in diesem Land.

          Olympische Sommerspiele servieren täglich faszinierende Theaterstücke: den großen Triumph im letzten Moment, das glorreiche Comeback nach Schicksalsschlägen, auch den Betrug im großen Stil oder den Sturz des Helden. Krimis, Dramen, Komödien wie im richtigen Leben, live, von Samstag an in London und Ihrem Fernseher. Deshalb schauen Milliarden Menschen zu. Auch die Deutschen werden stolz sein auf Athleten, die sie in ein paar Wochen vielleicht schon wieder vergessen haben. Keine Unterhaltungsshow geht mehr zu Herzen. Olympia ist ein Fest der Gefühle.

          Auch im Mittelpunkt dieser Leistungsmesse stehen die Reichen. Die Stars der Leichtathletik wie der Sprinter Usain Bolt, Englands neuer Sportstern, der Tour-de-France-Sieger Bradley Wiggins, der Tennis-Champion Roger Federer. Das ist aber ein Bruchteil der 10.500 Sportler, die es nach London zieht. Doch jene kleine Gruppe bedient das Klischee vom Spitzensport, wie er allmählich an der hemmungslosen Kommerzialisierung zu ersticken scheint. Dabei trennt sie nur das Guthaben vom Heer der Unbekannten.

          Und so treffen alle vier Jahre zwei Welten des Sports aufeinander. Da stehen sich Weltmeister in merkwürdigen Posen gegenüber: Der eine freut sich über eine Rückkehr aus der Glamourwelt in die Normalität des Olympischen Dorfes mit Zweibett-Zimmer und Mensaessen. Die anderen bitten um Autogramme. Das sind die Amateure im besten olympischen Sinn, die unerschrockenen Liebhaber: Hockeyspieler, Kanuten, Fechter, Judoka, Ringer, Ruderer und so weiter. Sie bilden das Rückgrat der olympischen Bewegung.

          Aber diese Spezies ist in Gefahr, zumindest in Deutschland. Denn Sport und Berufsausbildung werden sich in Zukunft kaum mehr vereinbaren lassen. In den siebziger Jahren reichten in manchen Disziplinen vielleicht drei, vier Trainingseinheiten für den Sprung zu Olympischen Spielen. Heute müssen es zwei am Tag sein, wenn man mit den Besten halbwegs mithalten will. Gleichzeitig diktiert die Gesellschaft ihren jungen Menschen eine Ausbildungsbeschleunigung.

          Geld für Gold - und man ist quitt

          Die Schulzeitverkürzung „G8“ drängt Schüler zum Rückzug vom Sport. Studenten sollen früher zum Abschluss kommen und im Lebenslauf gleich mehrere Auslandsaufenthalte zu bieten haben, am besten an Eliteuniversitäten. Wofür entscheidet sich also ein intellektuell begabter Junioren-Weltmeister? Für das hohe Risiko, nach zehn Jahren Sport wegen einer Verletzung am entscheidenden olympischen Tag ohne Gold und Jobaussichten dazustehen oder für eine aussichtsreiche Karriere als Manager?

          Den Goldkindern von London wird die Gesellschaft lobende Worte spenden und ihnen das Silberne Lorbeerblatt verleihen. Dann entlässt sie ihre Olympioniken, so sie denn nicht bei der Bundeswehr oder der Bundespolizei Dienst schieben, mit dem Hinweis auf die jahrelange Unterstützung durch die Sporthilfe in die Selbstverantwortung. Geld für Gold, man ist quitt. Das hat im Westen lange funktioniert, weil selbst halbwegs bekannte Olympiateilnehmer ohne bürgerlichen Beruf nach der Karriere von ihrer Sport-Geschichte leben konnten, etwa als Markenbotschafter ihr Auskommen hatten.

          Wachsender Zwiespalt, zunehmender Frust

          Unter den neuen Vorzeichen hat der Anfang vom Ende einer großen deutschen Sportkultur begonnen. Sie zwingen Athleten ohne doppelte Begabung entweder früh aus dem Boot auszusteigen oder aber mit voller Kraft in eine ungewisse Zukunft zu rudern. Mancher wird versinken. Christopher Zeller, einer der besten Hockeyspieler, sieht sich als Hartz-IV-Empfänger, falls die Noten seines bevorstehenden Jura-Examens nicht so gut sein sollten wie die Beurteilung seines Spiels auf dem Kunstrasen. Das mag übertrieben sein.

          Aber der wachsende Zwiespalt und der zunehmende Frust münden in die entscheidende, heikle Frage: Welchen Wert hat der Spitzensport für die Gesellschaft? Diese Diskussion wollen weder die Verbände noch die Politik in diesem Land. Sie führte dazu, die Förderstruktur durch den Staat und die Argumente des Sports zunächst in Frage zu stellen. Ist es nicht kurios, dass ein Wehrdienstverweigerer in eine Berufsarmee eintreten muss, wenn er eine optimale Betreuung auf dem Weg zum Olympiasieg haben möchte? Und ist nicht andererseits die Kraft der lange von Sportfunktionären beschworenen Vorbildfunktion längst geschwunden?

          Viel mehr als ein spannendes Entertainment

          Es stellt sich immer wieder heraus, dass prominente Athleten mit dieser Rolle maßlos überfordert sind, weil sie gleichzeitig Edelmänner und Erfolgstypen sein sollen, sauber und siegreich. Der Radheld Jan Ullrich musste jämmerlich scheitern. Es müsste also einiges neu geordnet und gerade gerückt werden, bevor sich die Frage beantworten lässt, ob die staatliche Förderung 2012 - geschätzt - 300 Millionen Euro, reicht.

          Aber schon vor dieser dringend notwendigen Analyse lässt sich erkennen, dass der Spitzensport viel mehr zu bieten hat als ein spannendes Entertainment. Er inspiriert, er treibt die Menschen an die Grenzen, er bewegt sie, darüber hinaus zu gehen, unbewusste Kräfte zu entdecken und sich zu entfalten. Es lohnt sich, die Menschen zu fördern. Das mag - auf den zweckfreien Sport bezogen - ein Luxus sein. Aber eine Gesellschaft, die sich diese Kultur leistet, ist reich.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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          Quelle: F.A.Z.

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