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Olympia in London Stadt der Sehnsucht

Viele Stars des Team Great Britain sind im Ausland geboren. Langstreckenläufer Mo Farah wurde als kleiner Junge auf dem Schulhof noch verprügelt, heute verehren viele Briten ihre große „Medaillenhoffnung“ für London.

© dapd Vergrößern Vorläufer: Mo Farah, WM-Zweiter über 10.000 Meter von 2011

Als der hässliche Vorwurf der Plastik-Briten auf einmal im Raum stand, gefror Mo Farahs freundliches Lächeln. Sie möge doch bitte die ersten Zeilen von „God Save the Queen“ singen, verlangte ein britischer Journalist von der Hürdensprinterin Tiffany Porter, als sie bei der Hallen-Weltmeisterschaft in Istanbul Kapitän der britischen Auswahl war. Sie saß neben Farah, und sie lehnte freundlich ab. Der Reporter insistierte. Dann möge sie die Hymne aufsagen, forderte er. Wieder verweigerte die in Amerika geborene Tochter eines nigerianischen Vaters und einer schwarzen britischen Mutter.

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Farah saß wie versteinert da. „Eine Schande“, fand er damals, und er meinte das Verhalten des Reporters, nicht das der Sportlerin. „Du versuchst etwas für dein Land zu leisten“, präzisierte er jetzt, „und dann kriegst du so etwas zurück von deinem Land. Es fühlte sich so ungerecht an.“ Farah kennt diese Art von Feindseligkeit. Er ist für weniger verprügelt worden. Als ihn sein Vater, ein Computer-Experte, mit acht Jahren aus dem von Bürgerkrieg zerrissenen Sudan in einen Londoner Vorort verpflanzte, konnte der kleine Mohammed nicht mehr als drei Zeilen auf Englisch: „Wo ist die Toilette?“, „Entschuldigung“ und „Auf jetzt!“. Das reichte, um mit den großen Jungs auf dem Schulhof Streit zu bekommen.

Bild Farah © AFP Vergrößern Leichtathlet Farah: Vom Einwanderer zur umjubelten Sporthoffnung Großbritanniens

Jetzt ist er der Stolz und eine der größten Hoffnungen seines Landes für eine, vielleicht zwei Goldmedaillen. In den Leichtathletik-Wettbewerben, die am zweiten Wochenende der Spiele beginnen, wird er, Welt- und Europameister über 5.000 Meter und Europarekordhalter über 10.000 Meter, als Mitfavorit in die Rennen gehen, die üblicherweise von Langläufern aus Äthiopien und Kenia dominiert werden. Als erfolgreichster Brite im Langlauf seit Sebastian Coe, dem Bilderbuch-Engländer, wird der 29-Jährige eingeschätzt; da spielt es keine Rolle, dass in seinem britischen Pass Mogadischu als Geburtsort eingetragen ist. „Wenn man auf meine Gene schaut und wo ich herkomme, bin ich somalisch“, sagt er. „Aber was meine Karriere als Läufer angeht, habe ich alles in Britannien gelernt.“

Britischer Somalier oder somalischer Brite?

Damit steht Farah für das neue Großbritannien, das mit der Feier seiner dritten Olympischen Spiele wieder einmal neu bestimmen kann, wer es ist und wie die Welt es sieht. 1908 war London Gastgeber in der Selbstgewissheit der kolonialen Weltmacht. 1948 räumte es die Trümmer und die Erfahrungen des Krieges beiseite, um sich als ehemaliges Empire neu zu erfinden. Damals hatte die „Empire Windrush“ gerade die ersten fünfhundert Arbeitssuchenden aus Jamaika nach London gebracht. Heute sorgt die jamaikanische Kolonie, die längst über Brixton hinausgewachsen ist, bei den karibischen Sprintern um Usain Bolt für die Atmosphäre eines Heimspiels. Jeden Athleten erwarte in London sein Heimpublikum, verspricht Coe, der Chef des Organisationskomitees, das einzigartige Erlebnis, von Fans und Landsleuten angefeuert zu werden, die in London leben.

Bild Coe © AFP Vergrößern Coes Versprechen: Jeden Athleten erwarte im heterogenen London sein Heimpublikum

Die Kinder aus den Kolonien haben längst Kinder und Kindeskinder in London, ob sie aus Indien oder Pakistan stammen, China oder Bangladesch, aus Kenia, Ghana oder der Karibik. Einwanderer von heute sind Verfolgte und Unterprivilegierte anderer Länder. 35 bis 40 Prozent der Londoner sind im Ausland geboren; mehr als 300 verschiedene Sprachen werden in der Stadt gesprochen. Die sechzig Sportlerinnen und Sportler des Team Great Britain, die im Ausland geboren wurden, entsprechen mit elf Prozent der 542 Athleten etwa dem landesweiten Durchschnitt. Vielleicht auch deshalb werfen Reporter wie der in Istanbul ihren bösen Blick nicht auf Athleten aus Afrika und der Karibik, sondern auf die aus Europa und Amerika.

Gegenstand bitterer Diskussionen

Die aus der Ukraine stammende Ringerin Olga Butkevych war, obwohl sie schon fünf Jahre lang für ihr neues Heimatland kämpfte, Gegenstand bitterer Diskussionen, bevor sie in diesem Jahr ihren Pass erhielt. Es war wohl auch der Verdacht, dass die Verbände vielversprechende Athleten einbürgerten, der die hässliche Debatte befeuerte: Gewichtheberinnen, Ringerinnen, Handballspielerinnen, die als Trainingspartner kamen und als Ehepartner blieben.

Bild Porter © AFP Vergrößern Wegen ihrer Herkunft kritisch beäugt: Hürdensprinterin Tiffany Porter (im Foto rechts)

London hat sich verändert, seit es Traumziel nicht nur für Touristen, sondern auch für Unterprivilegierte und Verfolgte geworden ist, die auf eine Chance zum Aufstieg hoffen in der Hauptstadt der Welt. Dies war die Perspektive, mit der sich London 2005 in Singapur um die Spiele bewarb: Der Bewerbungsfilm zeigte nicht Sehenswürdigkeiten, sondern junge Menschen voller Sehnsucht nach London. Dieses Sehnen trieb auch den schmächtigen Mo Farah. Er wolle Rechtsaußen bei Arsenal werden, verriet er seinem Sportlehrer. Doch dieser hatte längst das Talent des unermüdlichen Renners entdeckt - und versprach ihm ein Fußballtrikot für die Teilnahme an einem Jugendrennen. Nach ein paar Siegen war der kleine Mo auf dem Weg zu einer Laufkarriere. Inzwischen lebt er das Leben eines internationalen Stars in der von Nike unterhaltenen Trainingsgruppe von Alberto Salazar in Portland/Oregon. In London, verrät er, sei er inzwischen so bekannt, dass er sich nicht in Ruhe hätte vorbereiten können.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 04.08.2012, 18:23 Uhr