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Olympia-Bilanz : Blick in einen neuen Spiegel

  • -Aktualisiert am

Bei den Heimspielen nur Zaungäste: Favela-Bewohner von Rio Bild: AFP

Noch nie geriet Olympia so sehr in Verlegenheit: Aus kommerzieller Sicht waren die ersten Spiele in Südamerika ein Erfolg – aber Brasilien dürfte nach der Schlussfeier mit einem Kater erwachen.

          Sieben Jahre dauerte die Liaison, jetzt geht das ungleiche Paar wieder auseinander: Olympia und Rio de Janeiro. Nach der Schlussfeier der ersten Spiele in Südamerika, die trotz aller Pannen und Unzulänglichkeiten planmäßig abgeliefert werden konnten, dürfte das Land mit einem Kater aufgewacht sein. Noch während es Kopfweh hat, soll es jetzt die Paralympics organisieren. Aber seine eigenen Probleme nimmt das Internationale Olympische Komitee (IOC) wieder mit. Bis auf eines: Ein Ire namens Hickey schmort noch in einem berüchtigten Hochsicherheitsgefängnis, im Volksmund „Bangu 10“ genannt, im Westen von Rio. Laut irischen Medienberichten hat man ihm sogar die Haare geschoren.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Die Aggressivität, mit der die brasilianische Justiz diesen 71 Jahre alten Spitzenfunktionär behandelt, sagt wohl mehr über das wahre Verhältnis zwischen dem Gastgeber und seinen Gästen als alle offiziellen Reden. Hickey wird vorgeworfen, in die Machenschaften einer Bande verwickelt zu sein, die illegal Eintrittskarten zu Wucherpreisen vertreiben wollte. Einem Richter war er bis Samstagmittag noch nicht vorgeführt worden. Aber im Internet wurde er der Lächerlichkeit preisgegeben durch einen Film von seiner Verhaftung, der nicht ohne Zutun der Polizei hat entstehen können. Warum eine solche Demütigung noch vor der ersten Befragung? Hickey war Mitglied der Koordinierungskommission, die dem Organisationskomitee der Spiele jahrelang auf die Füße trat, weil es perfekte Olympia-Bedingungen schaffen sollte, während die Ökonomie Brasiliens immer mehr schrumpfte.

          Blick durch die Ringe: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“

          Thomas Bach, der Präsident des IOC, verteidigte seinen gerade noch im Amt bestätigten und nun trotzdem ehemaligen Kollegen in der Exekutive mit keinem Wort bei seiner Abschluss-Pressekonferenz in Rio. Die Ethik-Kommission sei in Kontakt mit den Behörden, sagte er, es gelte weiterhin die Unschuldsvermutung. Hickey habe alle seine sportpolitischen Posten niedergelegt, also gebe es für das IOC keine weiteren Handlungsmöglichkeiten.

          Der Schaden, den der unter schwerem Korruptionsverdacht stehende Hickey dem IOC zugefügt hat, ist immens. Einer der höchstrangigen Olympier könnte ein Krimineller sein. Und das in Zeiten, da das jahrzehntelang marginalisierte Doping-Problem eine dramatische Sprengkraft entwickelt.

          Der Zuschauerzuspruch stimmte

          Aber aus kommerzieller Sicht waren die Spiele von Rio ein Erfolg für das IOC. Die Fernsehsender, die den Hauptteil der olympischen Finanzierung einbringen, sind zufrieden, auch in Deutschland. „Die Faszination Olympia bleibt trotz negativer Randerscheinungen ungebrochen“, erklärte ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz. „Olympia begeistert die Menschen - egal ob gesprungen, gerungen oder geschossen wird“, sagte ARD-Teamchef Gerd Gottlob. Der Zuschauerzuspruch stimmte. 8,52 Millionen sahen das Beachvolleyball-Halbfinale der Frauen, 7,38 Millionen Fabian Hambüchens Reck-Finale - das waren die Spitzenwerte vor dem Schluss-Wochenende.

          Besonders die Zahl der Livestream-Abrufe erfreute das IOC: 30 Millionen in Deutschland. Vom amerikanischen Riesen NBC gibt es die Angaben in Minuten: 2,25 Milliarden, 750 Millionen mehr als bei allen früheren Spielen zusammen. Und das IOC liegt voll im digitalen Trend mit dem Start des Olympic Channel gleich nach der Schlussfeier, der die olympischen Sportarten auch außerhalb von Spielen, zunächst im Netz, präsent halten soll. Nur im jüngsten „Wort zum Sonntag“ in der ARD kam das IOC schlecht weg. Der Pastor, ein Olympiafan seit 1956, zitierte Matthäus 16: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“

          Die russische Dopingproblematik hat verschiedene Facetten: „Das IOC ist nicht verantwortlich für Gefahren, denen Frau Stepanowa ausgesetzt sein mag.“

          Mit dem Ausschluss der Informantin Julija Stepanowa, die dazu beitrug, das russische Staatsdoping zu decouvrieren, habe Olympia seine Seele verloren. Auch Bachs Sorge um die Leichtathletin, die sich besonders bedroht fühlt, seit ihr Aufenthalts-Protokoll im Meldesystem der Welt-Anti-Doping-Agentur gehackt wurde, scheint sich in Grenzen zu halten. „Das IOC ist nicht verantwortlich für Gefahren, denen Frau Stepanowa ausgesetzt sein mag.“ Bach fühlt sich besonders in Deutschland zu hart kritisiert für den Beschluss der IOC-Exekutive, Russland zu den Spielen zuzulassen. Vor der Presse in Rio rechtfertigte er ihn mit einem Déjà-vu-Erlebnis. Sein einstiger Kampf gegen den Boykott der Olympischen Spiele 1980 in Moskau durch die Bundesrepublik habe ihn geprägt. Athleten sollten nicht leiden unter politischem Druck. Auf den Unterschied zu von außen ins IOC getragenen politischen Interessen und dem den Anti-Doping-Kampf zerfressenden russischen Staatsdoping ging Bach nicht weiter ein. Er erinnerte lediglich daran, dass nach der Wende auch die staatlich gedopten DDR-Sportler nicht für die Spiele 1992 in Barcelona gesperrt worden seien.

          „Die Macht des Sports hat auch ihre Grenzen“

          Doch zurück in die Gegenwart. Das IOC habe gezeigt, so Bach, dass es möglich sei, Olympische Spiele auch in Ländern zu organisieren, deren Bruttosozialprodukt nicht ganz oben rangiert. Die Spiele hätten nicht in einer Blase stattgefunden. „Das wahre Leben ging weiter in einer Stadt, in der es soziale Probleme und Gegensätze gibt. Das war sehr gut für jeden, so nah an der Realität zu sein und deren Herausforderungen anzunehmen.“

          Patrick Hickey dürfte das wohl anders sehen. Und auch solche Gäste, die mit dem alltäglichen Straßenraub in der Stadt konfrontiert waren. „Der Sport wurde relativiert“, sagte Bach. „Der Sport kann Menschen verbinden, aber die Macht des Sports hat auch ihre Grenzen.“ Es stimmt ja: Noch nie geriet Olympia so sehr in Verlegenheit wie bei seinen ersten Spielen in Südamerika, angesichts des Gegensatzes zwischen dem glitzernden Innern der Sportarenen und den elenden Behausungen der armen Bevölkerung. Luxus pur inmitten von Not und Kriminalität. Es war, neben all den hausgemachten Problemen, der Blick in einen ganz neuen Spiegel.

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