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Olympia 2016 in Rio : Suche nach dem brasilianischen Weg

  • -Aktualisiert am

Wiedersehen in Rio 2016: Den brasilianischen Volleyballerinnen gefiel es in London gut - sie holten Gold Bild: AFP

Die Organisatoren der nächsten Olympischen Spiele 2016 in Rio schauten in London genau hin. Als überragende Sport-Nation kann und will Brasilien nicht glänzen. In vier Jahren möchte man eigene Akzente setzen - trotz großer Probleme.

          Einen Vorgeschmack auf das, was die Macher von Rio 2016 in den kommenden vier Jahren erwartet, gab es schon während der Eröffnungsfeier in London. Ausgerechnet die grüne Umweltaktivistin und Menschenrechtlerin Marina Silva, die im Rest der Welt wie keine andere Brasilianerin mit dem Schutz des Amazonas-Regenwaldes und der Menschenrechte identifiziert wird, gehörte zum erlesenen Kreis derjenigen Persönlichkeiten, die die IOC-Flagge ins Stadion tragen durften.

          „Das IOC sollte sensibler sein“, schimpfte prompt der brasilianische Parlamentssprecher Marco Maia. Brasiliens Sportminister Aldo Rebelo, die Allzweckwaffe von Präsidentin Dilma Roussef bei den schwierigen Vorbereitungen zur Fußball-WM 2014 in Brasilien und zu den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro, ahnt derweil schon Böses: „Marina war schon immer der Liebling der europäischen Aristokratie.“

          Dass die Wahl des IOC, ausgerechnet auf Marina Silva fiel, werten viele Beobachter in Brasilien als Indiz dafür, dass sich das IOC in Brasilien Spiele wünscht, die höchsten Umweltansprüchen gerecht werden und zugleich die Rechte der Favela-Bewohner berücksichtigen. Menschenrechtsorganisationen und Umweltschutzverbände werden bis 2016 keine Zugeständnisse machen, wenn es darum geht, wie die Olympia-Macher mit den Armenvierteln in Rio umgehen.

          Die Spiele in London, vom kommenden Gastgeber Brasilien als Anschauungsunterricht in vorderster Front genutzt, waren aus sportlicher Sicht für die Südamerikaner enttäuschend. Nicht nur, dass die Fußballer abermals die so heiß ersehnte Goldmedaille verpassten. Fast noch mehr kränkt die brasilianische Seele die bittere Niederlage im Beachvolleyball. Ausgerechnet das vermeintlich beste Team der Welt, die Brasilianer Alsion Cerutti und Emanuel Rego, unterlag dem deutschen Duo Julius Brink und Jonas Reckermann. Das kratzt am Selbstwertgefühl der kommenden Gastgeber. Beachvolleyball im Stadion am berühmten Strand Copacabana soll schließlich der emotionale Höhepunkt von Rio 2016 werden.

          Sportlich bedeutete London für Brasilien Stagnation. Wie in Peking gewannen die Brasilianer 15 Medaillen, einen spürbaren Aufschwung gibt es in der Sportförderung nicht. Sportminister Rebelo versuchte bislang erst gar nicht, realitätsferne Ziele für 2016 auszugeben: „Wir versuchen, Versäumnisse der Gesellschaft gegenüber dem Sport aufzuholen. Und diese Lücke ist nicht gerade klein.“

          „Die eigene Mutter war die Ernährungsberaterin“

          Eine strukturierte Sportförderung wie im Schulsystem in den Vereinigten Staaten oder gar Millionen-Investitionen, wie sie sich Gastgeber Großbritannien vor London 2012 leistete, wird es in dieser Form in Brasilien von staatlicher Seite nicht geben. Rebelo zeichnet ein düsteres Bild der Gegenwart: „Wir haben keine institutionalisierte nationale Sportpolitik. Wir leben von Kooperationen, was nicht wünschenswert ist. Es gibt Athleten, die um olympische Medaillen kämpften und keine entsprechende Unterstützung hatten. Die eigene Mutter war da die Ernährungsberaterin.“

          Immerhin versprach Rebelo im März mit Blick auf den kommenden Olympiazyklus, 33 Prozent mehr Geld in das Sport-Förderprogramm „Bolsa Atleta“ zu pumpen. Die Zahl der Athleten, die finanziell unterstützt werden, wurde von 1349 im Vorjahr auf 4243 gesteigert, davon 1184 Behindertensportler - aus 26 Bundesländern in 53 Sportarten. Helfen soll dabei unter anderem das Projekt „Quebra Gelo“ (Eisbrecher).

          In diesem Stadion sollen 2016 die olympischen Leichtathletik-Wettbewerbe ausgetragen werden

          Mehr als ein Dutzend junger Athleten, denen bei den Spielen im eigenen Land Medaillenchancen eingeräumt werden, waren in diesem Jahr auf Einladung des NOK Brasiliens in London, um sich schon mal an olympisches Flair zu gewöhnen. Besuche bei den Wettbewerben und im Training runden das „Praktikum“ ab. Das Comitê Olímpico Brasileiro (COB) hat zudem 19 Sportwissenschaftler nach London entsandt, um Erkenntnisse für die Vorbereitung auf 2016 zu sammeln. Herauskommen sollen am Ende immerhin 30 Medaillen.

          Brasilien will und kann nicht wie England als überragende Sport-Nation glänzen, sondern vor allem als emotionaler Gastgeber. Multikulturelle und multinationale Spiele versprechen die Macher. Der große Vorteil Rios ist die Reihe an Großereignissen, die sich in den kommenden Jahren wie eine Perlenkette aneinanderreihen: Papstbesuch und Weltjugendtag, Konföderationencup 2013, Fußball-WM 2014 und schließlich die 450-Jahr-Feier der Stadt 2015 werden die Metropole am Zuckerhut im Zwölf-Monats-Rhythmus einem Härtetest unterziehen. „Paixão e Transformação“ - Leidenschaft und Wandel - heißt das Motto der XXXI. Olympischen Spiele und soll Sinnbild für die Chancen sein, die sich durch Olympia bieten - und die Rio nutzen will.

          Improvisation ist eine der großen Stärken Brasiliens

          Bis dahin gilt es allerdings, noch große Probleme zu bewältigen. Nicht alle Bauarbeiten sind im Zeitplan, wenngleich sich die Olympia-Vorbereitungen derzeit besser präsentieren als die für die WM 2014. Die Infrastruktur ist Rios großes Problemkind. Experten prognostizieren Verkehrsinfarkte und viel zu wenige Hotelzimmer. Mit Hotelschiffen, die während der Großereignisse vor Rios Stränden ankern, wollen die Gastgeber zumindest die Zimmerknappheit intelligent umgehen. Improvisation ist eine der großen Stärken Brasiliens.

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