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Olympia 2012 : „Der beste Achter, den es je gab“

  • Aktualisiert am

Gold an Bord: Die Deutschen nehmen die Medaillen mit auf das Wasser Bild: AFP

Der Deutschland-Achter wird im olympischen Finale seiner Favoritenrolle gerecht. Der 36. Sieg in Serie ist das erste Gold des Paradebootes seit 1988. Silber im Frauen-Doppelvierer bessert die deutsche Bilanz zusätzlich auf.

          Der Mythos lebt. Nach 24-jähriger olympischer Durststrecke ist der Deutschland-Achter wieder ein nationales Erfolgssymbol. Doch nach dem Parforceritt über den Dorney Lake zum Gold fehlte den Modellathleten zunächst die Kraft zum Jubeln. Bis auf Schlagmann Kristof Wilke, der noch im Boot die Siegerpose von Sprinter Usain Bolt nachahmte, verharrten fast alle Olympiasieger lange auf den Rollsitzen und schnappten nach Luft.

          Beim Blick auf die ausgepowerten Kraftpakete geriet Schlagmann-Legende Roland Baar ins Schwärmen: „Das ist der beste Achter, den es jemals gab. Den Jungs ist noch gar nicht bewusst, dass sie Unglaubliches geleistet haben.“ Wie schon bei den vorigen drei Weltmeisterschaften erwies sich die Crew von Trainer Ralf Holtmeyer abermals als übermächtig.

          Trotz der lautstarken Unterstützung von 25.000 Zuschauern für das britische Boot bewahrten Wilke und Co. die Nerven, obwohl die Gastgeber lange Zeit dagegenhielten und noch 500 Meter vor dem Ziel gleichauf lagen. Der WM-Zweite musste dem hohen Tempo im Finish jedoch Tribut zollen und Platz zwei noch an Kanada abtreten. Mit leuchtenden Augen beschrieb Crew-Mitglied Lukas Müller die Triumphfahrt: „Das geilste Rennen überhaupt. Aber bei 1500 Metern habe ich noch gedacht, scheiße, die Engländer machen das heute.“

          Das erste Achter-Gold seit 1988 und der 36. Sieg in Serie löste die Anspannung der vergangenen Tage. Spätestens als DOSB-Präsident Thomas Bach unter lautem Jubel die Medaillen überreichte, war die Anstrengung der vergangenen Minuten vergessen. Das Lob seiner Mitstreiter für die auf die schnelle geänderte Rennstrategie gab Steuermann Martin Sauer an die Crew zurück: „Das war ganz stark - nicht nur mit den Beinen und Armen, sondern auch im Kopf.“

          Anders als in Peking, als das einst ruhmreiche Großboot als Letzter ein Bild des Jammers abgegeben hatte, überwog diesmal der Stolz. Besondere Genugtuung empfanden Wilke und Florian Mennigen (Ratzeburg). Beide waren schon beim letzten Rang vor vier Jahren dabei gewesen und hatten sich damals geschworen, diese Pleite vergessen zu machen. „Mir ist eine schwere Last von den Schultern gefallen“, bekannte Mennigen.

          Alle Medaillen des Mittwochs

          Nicht minder groß war die Freude bei Holtmeyer. 24 Jahre nach dem Triumph von Seoul führte der von der Verbandsspitze zwischenzeitlich in den Frauen-Bereich versetzte Trainer wieder einen Achter zu einem Olympiasieg. Doch auch der Erfolgscoach musste lange zittern: „Den Engländern können ja Flügel wachsen, wenn sie hier in den Bereich ihrer Tribüne reinfahren. Aber 400 Meter vor dem Ziel war ich mir sicher, dass es mit Gold klappt.“

          „Das war eine grandiose Leistung“

          Der insgesamt vierte Triumph des Achters nach 1960, 1968 und 1988 sorgte auch bei der Verbandsspitze für große Erleichterung. Hämische Kommentare, wie nach der historischen Pleite von Peking ohne Gold, bleiben ihr diesmal erspart. Neben DRV-Chef Siegfried Kaidel atmete auch DOSB-Chef Bach auf: „Das war eine grandiose Leistung, die weltweit Anerkennung findet.“

          Die Silbermedaille des Frauen-Doppelvierers nur wenige Minuten zuvor machte das Glück am ersten von vier Finaltagen perfekt. Das Team um Schlagfrau Britta Oppelt (Berlin) musste sich im Endlauf nur dem großen Favoriten aus der Ukraine geschlagen geben, kam aber vor den Vereinigten Staaten ins Ziel. Alle Hoffnungen auf Gold erwiesen sich jedoch als Wunschdenken. Am Ende lag die Ukraine mit einer Bootslänge vorn. Teammitglied Carina Bär war dennoch zufrieden: „Das ist eine Riesenerleichterung. Ich bin so froh, dass ich nachher so ein Ding um den Hals gehängt bekomme.“

          „Das war für mich sehr emotional“

          Auch im Einer gab es aus deutscher Sicht Grund zur Freude. Erstmals seit Sydney (2000) steht Marcel Hacker im Endlauf der olympischen Ruderregatta. Der dritte Rang hinter Weltmeister Mahe Drysdale aus Neuseeland und dem Schweden Lassi Karonen rührte den ehemaligen Skiff-Weltmeister (2002) aus Frankfurt/Main im Zielraum zu Tränen. Anders als beim Halbfinal-Aus in Athen 2004 und in Peking 2008 bewahrte der 35 Jahre alte Routinier diesmal die Nerven.

          „Das war für mich sehr emotional“, kommentierte er, „auf diese Leistung kann ich stolz sein.“ Mehr noch als Hacker steuert der Doppelvierer auf Medaillenkurs. Beim Sieg im Halbfinale über Estland und Olympiasieger Polen präsentierte sich das Team um Schlagmann Tim Grohmann (Dresden) in prächtiger Form und geht neben den Kroaten als Mitfavorit in den Endlauf am Freitag.

          Die Männer im Deutschland-Achter

          Philip Adamski (Mannheim)

          Beruf: Student (Wirtschaftswissenschaften)
          geboren: 5. Januar 1983
          Olympia-Teilnahmen: 2008, 2012

          Größte Erfolge: Olympiasieger im Achter 2012, Weltmeister im Achter 2009, WM-Dritter im Zweier mit Steuermann 2010

          Andreas Kuffner (Berlin)

          Beruf: Student (Wirtschaftsingenieurwesen)
          geboren: 11. März 1987
          Olympia-Teilnahmen: 2012

          Größte Erfolge: Olympiasieger im Achter 2012, Weltmeister im Achter 2011, WM-Fünfter im Zweier ohne Steuermann 2010

          Eric Johannesen (Hamburg)

          Beruf: Sportsoldat
          geboren: 16. Juli 1988
          Olympia-Teilnahmen: 2012

          Größte Erfolge: Olympiasieger im Achter 2012, Weltmeister im Achter 2011, WM-Fünfter im Zweier ohne Steuermann 2010

          Maximilian Reinelt (Ulm)

          Beruf: Student (Medizin)
          geboren: 24. August 1988
          Olympia-Teilnahmen: 2012

          Größte Erfolge: Olympiasieger im Achter 2012, Weltmeister im Achter 2010, Europameister im Achter 2010

          Richard Schmidt (Trier)

          Beruf: Student (Wirtschaftsingenieurwesen)
          geboren: 23. Mai 1987
          Olympia-Teilnahmen: 2008, 2012

          Größte Erfolge: Olympiasieger im Achter 2012, Weltmeister im Achter 2009, 2010, 2011

          Lukas Müller (Düsseldorf)

          Beruf: Student (Maschinenbau)
          geboren: 19. Mai 1987
          Olympia-Teilnahmen: 2012

          Größte Erfolge: Olympiasieger im Achter 2012, Weltmeister im Achter 2010, 2011

          Florian Mennigen (Ratzeburg)

          Beruf: Human Resources Trainee
          geboren: 10. April 1982
          Olympia-Teilnahmen: 2008, 2012

          Größte Erfolge: Olympiasieger im Achter 2012, Weltmeister 2009, 2010, 2011, WM-Dritter im Vierer mit Steuermann 2007

          Kristof Wilke (Radolfzell)

          Beruf: Student (Sport, Biologie)
          geboren: 17. April 1985
          Olympia-Teilnahmen: 2008, 2012

          Größte Erfolge: Olympiasieger im Achter 2012, Weltmeister 2009, 2010,2011

          Steuermann Martin Sauer (Berlin)

          Beruf: Student (Jura)
          geboren: 17. Dezember 1982
          Olympia-Teilnahmen: 2012

          Größte Erfolge: Olympiasieger im Achter 2012, Weltmeister 2009, 2010, 2011

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