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Der Kampf vor dem Kampf: „Abkochen“ mit Ringer-Weltmeister Frank Stäbler

© Andreas Stäbler

Der Kampf vor dem Kampf

Von DANIEL MEUREN

16. August 2016 · Neun Kilogramm in einer Woche: Für seinen olympischen Wettkampf muss Ringer-Weltmeister Frank Stäbler „abkochen“. Es ist die Leidenszeit vor dem großen Tag. Daniel Meuren hat sich beim Testlauf fürs Gewichtmachen vor anderthalb Monaten mitgequält.

Wenn Frank Stäbler an diesem Dienstag in Rio de Janeiro auf die Matte geht, dann hat er einen ganz harten Teil seiner Mission Olympiasieg gerade hinter sich. In den vergangenen neun Tagen hat sich der Ringer vom fast 75 Kilogramm schweren, austrainierten Athleten in einen neun Kilogramm leichteren, kurzzeitig nahe des körperlichen Zusammenbruchs stehenden Schatten seiner selbst verwandelt, um beim Wiegetermin am Montag (18.00 Uhr MESZ) die für seine olympische Gewichtsklasse erlaubten 66 Kilogramm auf die Waage zu bringen, ehe er an diesem Dienstag (15.08 Uhr / Live in der ARD und im Olympia-Ticker bei FAZ.NET) mit rund 70 Kilogramm in der Ringerhalle von Rio de Janeiro in den Kampf ziehen wird.

„Gewichtmachen“ oder „Abkochen“ nennen das die Ringer, die durch die Bank aus ihren sportlichen Laufbahnen den Kampf um das richtige Gewicht kennen. Heldengeschichten sind mit dieser Qual verbunden. Sportler, die sich regelmäßig Gewichtsklassen nach unten hungern, genießen einen gewissen Respekt in der Szene. Als krasses, gesundheitsschädliches Hungern und Dehydrieren bezeichnen es Mediziner, die die Praxis in den Sportarten kritisieren und als Magersucht-Risiko einstufen.

© dpa Der Weltmeister: Frank Stäbler gewinnt 2015 in Las Vegas Gold

„Ich habe den Kampf vor dem Kampf gewonnen“, sagt Frank Stäbler derweil lapidar, als er am 1. Juli seinen Testlauf für Olympia bestanden hat. Für den Großen Preis von Deutschland in Dortmund am Folgetag hat er seinen Körper auf die Strapazen vor dem olympischen Kampftag vorbereitet. Stäbler hat auch seine Psyche geschult für die Tortur, die nötig ist, um eine Chance auf eine Goldmedaille zu haben. Der Ringer aus dem kleinen Musberg nahe Stuttgart ist Weltmeister der Griechisch-Römisch-Spezialisten in der 66-Kilogramm-Klasse, im vergangenen Jahr eroberte er bei der WM in Las Vegas als erster Deutscher nach fast einem Vierteljahrhundert der Erfolglosigkeit den Gürtel. Würde er in der nächsthöheren Klasse bis 75 Kilogramm ringen, in der er mit seinem Normalgewicht antreten dürfte, wäre er unter den gegebenen Bedingungen chancenlos.

„Frank würde dann auf Gegner treffen, die nach dem Gewichtmachen am Kampftag fünf bis sieben Kilogramm mehr wiegen als er“, sagt sein Trainer Andreas Stäbler, gleichfalls aus Musberg, aber weder verwandt noch verschwägert mit seinem Schützling. Im Bodenkampf, wo Greco-Kämpfe, in denen anders als im Freistil Beinangriffe verboten sind, meist entschieden werden, ist das eine Welt. Einen Weltklassegegner mit einem solchen Gewichtsvorteil könnte Stäbler niemals vom Boden heben, um Punkte zu erzielen.

Tag 1: Start des Abnehmens

© F.A.Z. Frank Stäbler startet in die Phase des Abnehmens

Nur in der Bundesliga kämpft der 27 Jahre alte Ringer in dieser Gewichtsklasse, weil dort unmittelbar vor dem Kampf gewogen wird. Bei Olympischen Spielen muss das Gewicht einen entscheidenden Tag früher stimmen, was Zeit gibt für die Wiederherstellung des Flüssigkeitshaushalts. Der Weltverband ist vom Wiegen unmittelbar vor dem Wettkampf abgekommen, weil die Qualität der Kämpfe teilweise desaströs wurde, da durchweg ausgemergelte und vom Fasten erschöpfte Athleten gegeneinander kämpften nahe an der Grenze zum Kollaps. Dem sportlichen Niveau tat das Aufeinandertreffen von kraftlosen Ringern nicht gut.

Dank der gut 20 Stunden Regeneration nach dem Wiegen ist das nun anders. „Wir werden am 16. August keinen vom Gewichtmachen geschwächten Athleten, sondern den besten Frank Stäbler erleben, den es gibt, wenn wir das Gewichtmachen nach Plan hinbekommen“, sagt Trainer Stäbler. „Ein Kämpfer braucht ein wenig Gewichtsabbau sowieso, um in idealer Form zu sein. Bei drei bis vier Kilogramm unter Normalgewicht ist er in Top-Form. Gewichtmachen gehört deshalb zu unserem Sport – aber natürlich muss es Grenzen geben.“

© Privat Ein letztes Sündigen vor dem Fasten: Frank Stäbler feiert seinen Geburtstag vorab

Dafür darf sich der Sportler in den Tagen vor dem Wiegetermin keinen Infekt einfangen und möglichst auch kein noch so kleines Wehwehchen, das das Training zusätzlich erschwert. Der Ringer müsste dann deutlich mehr an die Reserven gehen, um das geforderte Gewicht zu erreichen.

Beim Wiegetermin in Dortmund stehen um 18.00 Uhr am Vorabend des wichtigsten deutschen Ringerturniers zwei Dutzend Top-Athleten in einer Reihe, treten nacheinander auf die Waage und die Anzeige blinkt immer wieder mit genau 68,0 Kilogramm auf, ein paarmal sind es 67,9 und in nur einem Fall 67,8. Beim Testwettkampf vier Wochen vor Olympia ist in den Gewichtsklassen eine Toleranz von zwei Kilogramm gestattet, die von den Sportlern fast aufs Gramm genau ausgereizt wird. „Ringer wissen sehr genau, wieviel sie tun müssen, um das Limit zu erfüllen“, sagt Frank Stäbler. „Wenn ich am Vorabend mit einem Kilogramm über dem Limit ins Bett gehe, dann weiß ich genau, wie lange und wie intensiv ich trainieren muss, um auch diese tausend Gramm abzukochen.“

Und auch fünf Tage vor dem Wiegetermin wissen die Stäblers ziemlich genau, was noch geht. Da steht der Ringer-Weltmeister abends noch fröhlich am Grill im heimischen Garten in Musberg und feiert seinen Geburtstag am Folgetag vorab. Am Jubeltag ist ein Exzess mit Steaks und leckeren Beilagen nicht mehr möglich. Aber heute Abend darf er noch sündigen. Am Mittag hatte er 74,3 Kilogramm gewogen, ins Bett gegangen ist er sicher mit „deutlich mehr als 75“, wie er sagt. Dafür wird der Geburtstag zum Auftakt einer Magerkur, die ich in einem Selbstversuch begleite. Acht Kilogramm sind in Absprache mit Stäblers Trainer das Ziel, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was ein Ringer sich antut in der Woche vor dem Kampftag. Ich habe dem Körper bei 1,87 Metern Körpergröße und 98,1 Kilogramm Ausgangsgewicht deutlich mehr Substanz anzubieten, die er sich nehmen kann. Deshalb ist die Qual nicht vergleichbar mit Stäblers Kampf um jedes Kilogramm, das der 1,74 Meter große und mit minimalem Körperfettanteil ausgestattete Athlet dem Körper vor allem in Form von Flüssigkeit abringen muss. „Aber Sie werden an ihre Grenzen kommen“, sagt Trainer Stäbler. „Die beiden letzten Tage werden hart.“

© Privat Ausgangsgewicht: Frank Stäbler wiegt sich vor dem „Abkochen“

Sein Auftrag kommt per Kurznachricht: „Sonntag bis Mittwoch 5 KG, dann Do bis Freitag die letzten 2 KG. Sollten Sie jedoch bis Mittwoch 6KG schaffen, dann sind auch 8 möglich.... Setzen Sie das Ziel nicht zu hoch....5KG bis Mittwoch....wenn es gut läuft und Sie schaffen 6(dann zieh ich den Hut).....und dann eben das harte und brutale „Finale“, 2 KG Gewaltkur bis zum Wiegen...“

Der Auftakt ist tatsächlich leichter, als ich es befürchtet hatte. Ich ging von sechs Tagen des Hungerns aus, stattdessen darf ich nach dem Gang auf die Waage (98,1 Kilogramm) am Morgen eine Scheibe Brot mit Honigaufstrich verzehren und gar eine kleine Tasse Kaffee trinken – das Brot selbstredend ohne Butter, den Kaffee ohne Milch. Bis zum Mittag darf ich einen Energieriegel zu mir nehmen, ehe ein paar mit Zitrone beträufelte Nudeln den kulinarischen Höhepunkt darstellen. Am Abend ist ein kleines, mageres Stück Fleisch ohne Soße gestattet. Ich wähle Lamm vom Stamm-Griechen. Ich genieße jeden Bissen.

Tag 1: Mein Auftakt auf dem Rad

© F.A.Z. Eine Stunde Radfahren: Einrollen für das Gewichtmachen

Dazu trinke ich statt des obligatorischen Rotweins einen Schluck Wasser. Zuvor habe ich am Morgen 0,2 Liter trinken dürfen, bis zum Mittag 0,3 Liter. Weitere 0,2 Liter Wasser sind vor dem Abendtraining gestattet, in das ich mit großer Ehrfurcht gehe. Wie wird mein Körper eine Dreiviertelstunde Ausdauerbelastung beim Radfahren verkraften? Ich habe leichte Kopfschmerzen, als ich in winterlicher Kleidung samt Kopfhaube unterm Helm dick eingepackt bei knapp über zwanzig Grad aufs Rad steige. Tempobolzen ist heute nicht, es geht darum, in Bewegung zu bleiben, ins Schwitzen zu kommen. 0,3 Liter Elektrolytgetränk sind der karge Lohn.

Morgendliches Ritual: Daniel Meuren auf der Waage

Und am nächsten Morgen der Blick auf die Waage. 96,5 steht da. Die ersten 1600 Gramm sind weg, ehe ich mir mein Honigbrot gönne und vier Schluck Kaffee. Aber das Wichtigste: Ich fühle mich gut. Es gibt kein Hungergefühl, mein Körper fühlt sich erleichtert an. Ich bin leistungsfähig, komme gut durch den Tag, morgens fahre ich anderthalb Stunden Rad. Anschließend mache ich Dehn- und Stabilitätsübungen, um den Körper nachschwitzen zu lassen. Das Überraschende: Nicht mal am Abend habe ich Hungergefühle, obwohl ich mich abermals mit einem kleinen, trockenen Stück Fleisch begnügen muss. Dienstagfrüh kommt das positive Feedback der Waage: 95,1.

Bedenken der Mediziner „Natürlich ist das ernährungswissenschaftlich höchst fraglich, was da gemacht wird. Und Nierenärzte schütteln wegen des Wasserentzugs nur den Kopf“, sagt Ulrich Kau, als Mannschaftsarzt der deutschen Ruderer bei den Leichtgewichtsruderern mit dem Thema vertraut und auch bei den olympischen Boxern ins Gewichtmachen involviert. „Es ist immer eine extreme Gratwanderung.“ Das gibt der Körper spätestens in der Woche nach dem Gewichtmachen zu erkennen. „Der Körper ist beim Gewichtmachen wegen des Flüssigkeitsmangels anfällig für Infektionen und er rächt sich fast immer nach dem Kampftag“, sagt Frank Stäbler. Ich werde in den Tagen danach mit Schnupfen zu kämpfen haben, erstmals seit über einem Jahr. Bei Stäbler bricht Herpes aus.

Ruderarzt Kau setzt sich aber noch aus einem gravierenderen Grund dafür ein, in seinem Sport im Juniorenbereich die Leichtgewichtsklassen abzuschaffen. Das Gewichtmachen und die aus seiner Sicht damit verbundenen Magersucht-Risiken müssten vermieden werden. Der Mediziner spricht aus Erfahrung. Er war selbst Leichtgewichtsruderer und musste dafür stets ein paar Kilogramm abspecken. „Und als es auf die Strecke ging, war ich immer platt.“ Aber eine andere Lösung als eine Einteilung nach Gewicht kann er sich auch nicht vorstellen. Die Leichtgewichtsruderer, die einzeln maximal 72 und im Schnitt der Bootsbesatzung höchstens 70 Kilogramm schwer sein dürfen, wiegen freilich erst am Wettkampftag, zudem müssen sie ihr Gewicht für diverse Qualifikationsregatten mehrfach im Jahr unters Limit bringen. Damit ist ein extremes Abkochen wie im Ringen undenkbar, weil ein Athlet das unmöglich ohne Substanzverlust mehrfach wiederholen könnte. Aus ähnlichen Gründen ist es bei Judoka oder Taekwondo-Kämpfern nicht so extrem. Bei den Judoka werden beispielsweise am Wettkampftag vier Ringer per Los eine Stunde vor Kampfbeginn nochmals auf die Waage gebeten und sie dürfen über Nacht maximal fünf Prozent an Gewicht zugelegt haben. Die Qualifikation für Olympische Spiele geschieht zudem über eine Weltrangliste, für die die Kampfsportler ebenfalls sehr häufig auf ihr Gewicht kommen müssen. „Es ist deshalb eigentlich nicht möglich, dass Athleten zehn Prozent Gewicht machen, weil das jede Substanz für die Kämpfe zerstören würde“, sagt Ralph Akoto, Arzt der deutschen Judoka. Auch Holger Wunderlich, Sportdirektor des Taekwondo-Verbands, sieht den Qualifikationsmodus als bestes Mittel gegen allzu extreme Gewichtsverluste.

Frank Stäbler mit Trainingspartner: Mit Körperkontakt schwitzt es sich am besten

Im Ringen kann wie bei Stäbler indes schon die WM im Vorjahr das Ticket bescheren, sonst reicht ein erfolgreich abgeschlossenes Qualifikationsturnier. Das Gewichtmachen in diesem Rhythmus ist machbar, allerdings wird schon mit jedem zusätzlichen Wettkampf die Versuchung größer, sich das Leid zu erleichtern. Diuretika, entwässernde Präparate, sind solche Mittel der Wahl, die natürlich auf der Doping-Liste stehen. Während Stäbler seine persönliche Qual durchsteht, hungert auch immer der Zweifel mit, ob die Konkurrenz den Kampf gegen das Gewicht sauber geführt hat. Die Mittel bergen freilich erhebliche Risiken: Im deutschen Rudern ist Ende der 90er Jahre schon einmal ein Sportler aufgrund von Flüssigkeitsmangel gestorben, weil der Körper keine Kontrolle mehr hatte über seine Grenzen.

Tag 3: Ein letzter Energietrunk

© F.A.Z. Ein wenig Energie: Frank Stäbler mit seinem Krafttrunk

Ich bugsiere mich derweil an meine Grenzen. Nachdem sich der Körper offenkundig an die schmale Kost gewöhnt hat und auch mit dem rund einen Liter an Flüssigkeit pro Tag leben kann, traue ich mich am Abend des dritten Tags zu jenen ins Training, die wissen, wie es geht: Die Bundesligaringer von Mainz 88 haben mir Unterstützung angeboten. Einer der Trainer, Steven Krumbholz, nimmt mich unter seine Fittiche – und treibt mich nach dem halbstündigen Aufwärmen an meine Grenzen. Simple ringerische Übungen im Körperkontakt, Versuche eines Durchdrehers rauben mir fast das Bewusstsein. Ich begnüge mich bald mit Laufen, Krumbholz ruft mir immer wieder „In Bewegung bleiben, egal wie!“ zu. Nach zwei Stunden bekomme ich frei. Am nächsten Morgen stehe ich bei 93,4. Es ist der Beginn des letzten Tages mit Nahrung. Am Abend ist der Bundesligaringer Ilir Sefaj mein Personal Coach, ein Experte im Gewichtmachen. Der 65-Kilogramm-Mann kann Dutzende Geschichten erzählen, wie „ich auf 57 Kilo runter gemacht habe“. Sefaj macht während der Bundesligasaison von September bis Januar teilweise im Zwei-Wochen-Rhythmus Gewicht, um für sein Bundesligateam des ASV Mainz 88 Lücken zu stopfen. Top-Ringer mit deutschem Pass sind in den unteren Gewichtsklassen rar gesät, da unser Land keine allzu große Auswahl an ausgewachsenen Männern mit einem Gewicht zwischen 57 und 61 Kilogramm bietet. In Ländern wie Armenien oder der Türkei gibt es derweil Weltklasseathleten, die in der Bundesliga für ordentliches Geld antreten. Sefajs Aufgabe ist es meist, diesen Gegnern wenigstens so viel Gegenwehr entgegenzusetzen, dass sie möglichst nicht die volle Punktzahl für ihre Mannschaft erringen.

Tag 4: Harte Schule

© F.A.Z. Harte Schule: Die Ringer von Mainz 88 wissen, wie man Gewicht macht

„Mit dem Gewichtmachen helfe ich meiner Mannschaft und nur wegen dieser Verantwortung fürs Team habe ich es immer wieder geschafft, selbst wenn ich am Abend vor dem Wiegen keine Chance mehr gesehen habe“, sagt Sefaj, als wir nach dem Training zum Nachschwitzen in der Sauna sitzen. „Du verzweifelst, wenn Du trotz harten Trainings einfach nichts mehr zum Ausschwitzen hast. Du hoffst, dass Du auf Toilette musst und doch irgendwie 100 Gramm Urin abgeben kannst.“

Am Donnerstag wird es dann ernst. Fortan dürfen Frank Stäbler, mittlerweile bei 70 Kilogramm angelangt, und ich nichts mehr essen. Das ist für mich aber kein Problem mehr. Hungergefühl kenne ich nicht mehr. Dafür macht sich der Flüssigkeitsmangel bemerkbar. Nachdem ich früh um sieben Uhr in der Redaktion angefangen habe, schwindet ab elf Uhr zunehmend die Konzentrationsfähigkeit. Der Durst beherrscht immer mehr die Gedanken. Ich reagiere gereizter und verstehe, weshalb Frank Stäbler sich per Kurznachricht für den Schlussspurt abgemeldet hat: „Ich bin ab jetzt im Tunnel und erst nach der Waage wieder ansprechbar.“ Meinen Tunnel durchfahre ich auf dem Rad, abermals dick eingepackt in Winterklamotten. Nur die Aussicht, dass mir Trainer Stäbler 100 zusätzliche Milliliter Elektrolytgetränk genehmigt für anderthalb Stunden Radfahren, treibt mich an. An Beschleunigung auf dem Rad ist nicht mehr zu denken. Im kleinen Gang rolle ich 30 Kilometer durch die Gegend und belohne mich mit einem anschließenden Freibadbesuch. Danach gehe ich früh ins Bett, kann aber trotz großer Erschöpfung nicht einschlafen. „Schlafstörungen sind ganz normal in den letzten Tagen“, sagt mir Frank Stäbler später.

Tag 5: Die große Qual

© F.A.Z. Die letzte große Qual: Anderthalb Stunden auf dem Fahrrad

Ich habe meine Pflicht fast erledigt, als ich am Nachmittag in den Zug nach Dortmund steige. Am Morgen hatte ich 90,9 Kilogramm auf der Waage, dank einer einstündigen Fahrradtour sollte der Abstand zum Limit geschmolzen sein. Das sollte reichen.

In Dortmund, wo die Ringer passend zum Stellenwert ihres Sports in der Öffentlichkeit im Schatten des Westfalenstadions in der schmuck- und stimmungslosen Theodor-Körnig-Halle ihren Grand Prix bestreiten, schockt mich die Waage beim Testwiegen dann aber doch ein wenig: 90,3. Ich schaue Trainer Stäbler an, hoffe auf ein mildes: „Lassen Sie es mal gut sein. Sie haben genug Gewicht gemacht.“ Stattdessen sagt er mit schelmischen Grinsen im Gesicht. „Wenn Sie das Bier zur Belohnung von mir ausgegeben haben wollen, dann sollten sie die 300 Gramm dann doch noch runtermachen“, sagt er. Ich müsse 15 bis 20 Minuten dick eingehüllt in Bewegung bleiben, ein wenig nachschwitzen, dann sei es geschafft.

© Privat Fast am Ziel: Daniel Meuren muss noch 900 Gramm „runtermachen“

Frank Stäbler ist derweil am Ziel angelangt. Die letzte Schwitzeinheit liegt hinter ihm. Gezeichnet von der Schinderei und dem Verzicht auf Flüssigkeit begrüßt er mich mit einer ganz dünnen, brüchigen Stimme. Er streift er seine zum Schwitzen nützlichen Trainingsklamotten ab und steigt allein mit dem dünnen Ringeranzug auf die Testwaage: 68,0 Kilogramm. Geschafft. Er wird sich nun bis zum Wiegetermin in den Campingwagen der Großeltern, die zur Unterstützung ihres Enkels nach Dortmund gereist sind, zu einem Mittagsschlaf zurückziehen.

Ich mische mich stattdessen dick eingepackt und mit Kapuze überm Kopf unter die rund 100 Ringer, die auf den Matten und der Laufbahn der Halle schwitzen. Ich absolviere leichte Kräftigungsübungen, mit kurzen Sprints bringe ich den Kreislauf in Schwung und den Körper zum Schwitzen. Spaß macht das Ganze jetzt überhaupt nicht, aber die Zeit geht vorbei. Die Welt um mich herum ist jetzt eine gewisse Distanz weit weg. Es ist noch kein Trancezustand, aber die Gedanken sind besessen von dem ersten Schluck Wasser danach.

Das Finale

© F.A.Z. Es ist geschafft: Per Zug geht es nach Dortmund. Und nach einem letzten Schwitztraining wartet die Waage.

Gegen 17.00 Uhr, bevor die Waage von den echten Athleten in Beschlag genommen wird, treffe ich mich mit Trainer Stäbler zu unserem Wiegetermin: 89,9. „Glückwunsch“, sagt Stäbler. „Das Bier nachher geht auf mich.“ Erst einmal nehme ich mir aber meine Trinkflasche, das Elektrolytgetränk schafft Erlösung. Eine Woche der Entbehrung und zwei letzte Tage des Leidens sind überstanden. Hunger habe ich nicht und das Gefühl, noch weitere Tage auf Nahrung verzichten zu können. Bis zum nächsten Tag saugt mein Körper aber die Flüssigkeit auf, die ich ihm zuführe. Die Waage weist am nächsten Morgen bereits wieder drei Kilogramm mehr auf. Für mich ist der Kampf vorbei.

Tag des Wiegens: Die Stunde der Wahrheit

© F.A.Z. Die Stunde der Wahrheit: Um 18 Uhr muss Stäbler in Dortmund das Gewicht bringen

Frank Stäbler hingegen stellt sich nun in die Schlange vor der Waage. Ein wenig Nervosität ist ihm noch anzumerken, sollte die Waage nun aus Gründen einer Messungenauigkeit 68,1 Kilogramm anzeigen, dann müsste er sich noch einmal zehn Minuten in Bewegung setzen, um bis spätestens zum Wiegeschluss um 18.30 Uhr das Limit erreicht zu haben. Die Waage zeigt aber 68,0 an. Stäbler geht von der Waage, stapft mit sturem Tunnelblick zu seiner rund zehn Meter entfernten Tasche, holt seine Trinkflasche hervor und zieht die Ein-Literflasche gierig, aber mit der Disziplin des Leistungssportlers in vernünftig großen Schlücken ab. Anders würden Bauchschmerzen drohen. Dann beißt er ein Stück Banane ab und atmet erleichtert durch. Gute 15 Stunden sind es, ehe Stäbler wieder in den Kampf muss.

Trainer Stäbler: „Gewichtmachen gehört dazu“

© F.A.Z. Der Experte erklärt: Trainer Andreas Stäbler über Gründe und Ablauf des Gewichtmachens

Um neun Uhr beginnt sein Wettbewerb. Bis spätnachmittags muss er Runde um Runde gegen internationale Top-Gegner ran. Er gewinnt den Großen Preis von Deutschland, also auch den Kampf nach dem ersten Kampf. So, wie er sich auch an diesem Dienstag nach der Tortur der vergangenen Tage in Rio den Traum vom Olympiasieg erfüllen will.

Ringerhalle von Rio

© Andreas Stäbler Die letzten Stunden: Frank Stäbler beim Gewichtmachen in der Ringerhalle von Rio



Multimedia: Carsten Feig

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Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 16.08.2016 10:32 Uhr