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Contra Pistorius Gegen die Grundidee

 ·  Clemens Prokop ist Präsident des Deutschen Leichtathletik Verbandes. Er ist gegen einen Start von Oscar Pistorius. Seine Begründung: Prokop lehnt „Hilfsmittel“ ab, weil nur dann Leistungen objektiv vergleichbar seien.

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© dpa Vergrößern Contra Start: Clemens Prokop

Ich finde die sportliche Leistung von Oscar Pistorius genial, und er genießt meine höchste Anerkennung. Das kann allerdings nicht die Antwort auf die Frage beeinflussen, ob er mit seinen Prothesen in London starten soll. Ich bin der Meinung, dass er nicht starten sollte. Der Grund ist, dass Leichtathletik die Perfektionierung der menschlichen Grundbewegungen zum Gegenstand hat: laufen, springen, werfen.

Die Philosophie dabei ist, dass sich Leistung nur als Summe von Talent und Training ergibt. Nur dann sind die Leistungen objektiv vergleichbar. Unter dieser Voraussetzung ist die Benutzung von Hilfsmitteln ausgeschlossen, die das Bewegungsmuster beeinflussen. Dies ist eine Abgrenzung, auf der auch das Verbot von Doping basiert. Die Zuhilfenahme von technischen Hilfsmitteln, um nicht missverstanden zu werden, hat nichts mit Doping zu tun.

Aber auch sie verstößt gegen die Grundidee der Leichtathletik. Leistung ist in seinem Fall eben nicht mehr allein das Ergebnis von Talent und Training, sondern hier spielt auch die Qualität der Prothese eine entscheidende Rolle. Bei aller Wertschätzung halte ich es deshalb nicht für gerechtfertigt, dass er ein Startrecht bei den Olympischen Spielen hat. Der Sportgerichtshof Cas, der ihm das Startrecht zugesprochen hat, hat sich in seinem Urteil damit beschäftigt, ob die Prothesen Oscar Pistorius einen Vorteil verschaffen. Das Ergebnis ist unter Sportwissenschaftlern umstritten.

Die entscheidende Frage aber ist nicht nur, ob jemand einen ungerechtfertigten Vorteil durch seine Prothesen hat oder nicht. Vielmehr müssen wir feststellen: Ist das noch die klassische Leichtathletik, wenn jemand im Wettkampf technische Hilfsmittel für die Bewegung einsetzen darf? Sie ist es nicht. Gewiss gibt es im Moment keinen anderen Läufer und keine Läuferin mit Handicap, die Leistungen wie Oscar Pistorius erreichen. Doch eine solche Entscheidung ist ein Präzedenzfall.

Die Vergleichbarkeit der Leistung muss gegeben sein; das ist essentiell in der Leichtathletik, aber bei Läufern mit und ohne Prothesen nicht der Fall. Wenn man allein aus humanitären Gründen entscheidet, nach dem Prinzip: Anders als mit diesem oder jenem Hilfsmittel könnte sich der Sportler nicht fortbewegen, müsste man bei Laufwettbewerben auch Athleten zulassen, die im Rollstuhl sitzen. Es geht nicht um Oscar Pistorius als Person und seine Leistungen. Aber man muss abstrahieren. Deshalb verstößt sein Start gegen das Prinzip, dass hier sportliche Leistung allein von Körper und Training, aber nicht von technischen Hilfsmitteln abhängen darf.

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