Berlin. Robert Harting ist groß. Auf olympische Dimensionen hat der amerikanische Sportartikelhersteller Nike das Abbild des mächtigen Goldmedaillengewinners vergrößert. In der Nachbarschaft von dessen Vorzeige-Shop in der Tauentzienstraße von Berlin hängt Harting gleich zwei Mal im Himmel. Als der Diskuswerfer am Freitagabend im Original zu Filmaufnahmen und Fotoshooting vor dem Hintergrund seiner selbst erscheint, bildet sich ein Menschenauflauf. Händeschütteln, Autogramme, Fotos - der Riese von 2,01 Meter Körpergröße ist die Freundlichkeit in Person.
Er lächelt und erfüllt jeden Wunsch. Für den Fotografen hängt er sich die Goldmedaille um. „Ich erlebe, dass alle sehr stolz sind“, sagt er. „Das mit den Riesenbildern brauche ich nicht fürs Ego. Aber dass ich die Leute stolz gemacht habe, finde ich cool.“ Schon am Flughafen Tegel begrüßte ihn, obwohl er dort am Dienstag mit sechs Stunden Verspätung aus London eintraf, eine lärmende Gruppe, die seinen Namen skandierte. Seitdem trainiert er wieder.
Ein Holzhund im deutschen Haus
Robert Harting ist sich treu geblieben. Die Sporthilfe wolle die Olympiaprämien abschaffen, erzählt er nach den Aufnahmen und lacht. Es ist ein bitteres Lachen. Die Prämien sind sein Thema. Schon vor London hatte er sich lustig gemacht über die 15.000 Euro, die von der Sporthilfe bei einem Olympiasieg zu erwarten sind. Am Abend seines Olympiasieges in London sprach er von 155.000 Euro Prämie - ein böser Witz. Harting hatte die 15.000 Euro mit den 140.000 Euro zusammengezogen, die einem Olympiasieger aus Griechenland winkten - und „die am Ende wir bezahlen“, wie Harting sagt.
Er weiß, dass er zu diesem Thema noch einige Fragen zu beantworten hat, deshalb scherzt er: „Ich habe im deutschen Haus einen Holzhund geschenkt bekommen. Jetzt habe ich alles, was ich will.“ Die Überweisung von der Sporthilfe, womöglich die letzte Prämie in deren Geschichte, ist noch nicht eingegangen.
Harting hielte die Abschaffung von Siegprämien zugunsten einer kontinuierlichen Förderung für falsch. „Damit verlagert man nur das Problem“, sagt er. Insgesamt verfüge die Sporthilfe über zu wenig Geld, und nun schaffe sie auch noch einen Anreiz zur Leistung ab. „Wer mit Bananen bezahlt, bekommt nur Affen“, zitiert er den ehemaligen Schwimm-Bundestrainer Dirk Lange, mit dem er gerade gemeinsam in einer Talkshow saß.
Gewichtheber Matthias Steiner, Olympiasieger von Peking 2008, sagte in dieser Sendung: „Das Gesicht dieser Spiele ist für mich Robert Harting.“ Das reicht Harting nicht, und auch die Medaille hat ganz offensichtlich einen größeren Symbolgehalt als Goldanteil - von ihr kann man jedenfalls nicht leben. Was würde eine richtige Belohnung, sagen wir: 150.000 Euro Siegprämie, verändern? „Das wäre der entscheidende Schritt, wie ich mich an einen Olympiasieg heranarbeite“, sagt der Olympiasieger.
„Der perfekte kantige Olympionike“ nennt das Fachblatt „Werben & Verkaufen“ den 27 Jahre alten Berliner. Vom Deo bis zum Lkw könne er für alles stehen, und bis Rio 2016 werde er interessant bleiben. Das Problem: Harting ist wirklich kantig. Noch ist er nicht bereit, über seine Zukunft als Spitzensportler nachzudenken, da er sich bereits das Knie derart ruiniert hat, dass er trotz einer Operation im vergangenen Jahr nur unter Schmerzen oder unter hohen Dosen von Schmerzmitteln trainieren konnte.
„Du bist eine Nutte“
Schon vor den Spielen hatte Robert Harting beklagt, dass er nur einen Bruchteil seines Werbewertes von fast einer halben Million Euro einspiele. Daraufhin meldeten sich die ersten potentiellen Sponsoren. Durch den Olympiasieg dürfte sich das Interesse vergrößert haben. „Ich kann nicht sieben, acht Sponsoren bedienen“, wehrt Harting nun ab. Wenn allein jedes Unternehmen fünf, sechs Termine für Autogrammstunden oder Fotoshootings verlange, und das sei sein gutes Recht, sagt Harting, sei das unmöglich mit dem Sport zu vereinbaren: „Da bist du nur am Rennen. Du bist eine Nutte.“
Die Regeln des Marktes sind hart und die des Sportgeschäfts bisweilen grotesk. Manche Veranstalter der Diamond League, erzählt Harting, zahlten kein Antrittsgeld, weil sie wüssten, dass Athleten, die zusätzlich zur Siegprämie von 10.000 Dollar die mit 40.000 Dollar dotierte Gesamtwertung in ihrer Disziplin gewinnen wollten, gezwungen seien, zu ihnen zu kommen. Das könne ein Olympiasieger, schon um das Preisgefüge aufrechtzuerhalten, nicht akzeptieren. Bleibe er aber weg, schnappe ein anderer ihm die lukrativen Prämien weg.
Bundeswehr? Nur in der Gegenwart hilfreich
Sprechen wir lieber von Steuergeld. Was hält Robert Harting von der ins Gerede gekommenen staatlichen Sportförderung? „Ich bin ja ein Produkt dieser Sportförderung. Klar funktioniert sie. Aber die Frage ist: auf wessen Kosten?“ Der Athlet investiert seine Zeit, die Gegenwart, und er vernachlässigt seine Ausbildung, das heißt, er riskiert seine Zukunft.
Als Robert Harting aus dem Elternhaus in Cottbus nach Berlin zog, wurde er zum ersten Mal gefördert. Die Sporthilfe unterstützte ihn mit siebzig Euro, damit er im Internat der Werner-Seelenbinder-Schule im Sportforum Hohenschönhausen leben konnte. „Das war notwendig, aber nicht entscheidend“, sagt Harting und verallgemeinert seine Vita: „Gerade bei sozialen Spezialfällen oder bei Leuten mit Perspektive muss man entscheidend eingreifen.“
Auch seine Stelle beim Militär ist nur in der Gegenwart hilfreich, sie bietet keine Perspektive für die Zeit danach. „Wenn ich keinen Erfolg habe, bin ich weg bei der Bundeswehr“, sagt der Stabsunteroffizier Harting. Bei den bevorstehenden Sportlerehrungen wird er wieder die graue Uniform des Heeres anziehen. „Man muss sich mit der Bundeswehr identifizieren können“, sagt er. „Wer sich mit der Bundeswehr nicht identifizieren kann, hat da nichts verloren.“
Duale Karriere? „Duale Belastung“
Sein Studium - Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste - erlebt Harting nicht als Bonus. Das Wort von der dualen Karriere sieht er als Euphemismus. „Ich finde, duale Belastung trifft es besser“, sagt er. „Das Problem ist das Risiko. Die Gesellschaft fängt niemanden auf, mich auch nicht. Ich muss mich vorbereiten, damit mir nicht das passiert, vor dem schon die Mama den Fünfjährigen warnt: Wenn du in der Schule nicht aufpasst, dann endest du als Penner.“
Für den Sport allerdings, für das Ziel, der Beste der Welt zu werden, sei diese Doppelbelastung nicht förderlich. Wenn er die Berufsausbildung nicht brauchte, würde er nicht studieren. „Dann könnte ich doch viel mehr Leistung produzieren“, sagt Harting. „Nicht wir sind schlechter im internationalen Vergleich. Die anderen sind besser.“
Eine Debatte über den Wert von Olympiasiegen und die Wertschätzung von Olympiasiegern hält Harting für dringend geboten. Gern trägt er dazu bei. „Wenn Angela Merkel ins Trainingslager der Fußball-Nationalmannschaft fährt, ist das ein politisches Statement“, sagt er. „Sie ist Meinungsführerin. Die Fußball-Nationalmannschaft zu besuchen ist gut für sie, und es ist gut für den Fußball. War sie bei uns? War sie nicht. Wenn sie zu uns käme, würde das ganz andere Kräfte freisetzen.“
All dies berücksichtigt: Hat Harting die Goldmedaille für Deutschland gewonnen oder für sich? Lange denkt er nach. Dann wünscht er sich: „Ich würde gern 300 Prozent verteilen, damit jeder alles kriegt: Berlin, Deutschland und ich.“ Aber am dringendsten, das steht außer Frage, brauchte er selbst diesen Erfolg.
Ich pfeife auf Olympia. Keinen müden Euro mehr dafür.
Frauke Klien (endivie)
- 19.08.2012, 12:23 Uhr
Eitle Erwartungen?
Heino Bosselmann (HeinoBosselmann)
- 19.08.2012, 12:04 Uhr
Müssen wir noch ein ein klein bißchen lernen, Herr Harting
Michael Meier (never1)
- 19.08.2012, 10:14 Uhr